Fondsmarkt

Die Rente wird knapp - trotzdem tut man zuwenig dagegen

Von Hanno Beck
10.10.2005
, 17:48
Was ist schlimmer: Ein Zahnarztbesuch oder ein Besuch beim Vermögensberater? Stellt man eine solche Frage nicht gerade einem Vermögensberater, so ist die Wahrscheinlichkeit, daß der Befragte sich spontan für den Zahnarztbesuch entscheidet, nicht gering.
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Was ist schlimmer: Ein Zahnarztbesuch oder ein Besuch beim Vermögensberater? Stellt man eine solche Frage nicht gerade einem Vermögensberater, so ist die Wahrscheinlichkeit, daß der Befragte sich spontan für den Zahnarztbesuch entscheidet, nicht gering.

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Aber auch Geld und die Beschäftigung damit sind offenbar den meisten Deutschen ein echtes Greuel - das zumindest wollen die Experten der Fondsgesellschaft Union Investment in einer äußerst umfangreichen Studie herausgefunden haben. Knapp die Hälfte aller Deutschen sieht in der Beschäftigung mit Geldthemen eher ein notwendiges Übel, als daß es ihnen Spaß macht. Der Befund liest sich wie eine Kapitulation der Branche vor den potentiellen Kunden: In einer Zeit, in der die Deutschen am Tag etwa drei Stunden vor dem Fernseher verbringen, ist nur gut ein Drittel der Bevölkerung der Ansicht, daß die Beschäftigung mit Geldthemen schon heute zu viel Zeit in Anspruch nimmt. Und doch scheint der Fernseher den Wettstreit zwischen Altersvorsorge und Freizeitbedürfnis zu gewinnen.

Die Deutschen wissen, daß ihre Rente knapp sein wird - doch sie zögern, etwas dagegen zu tun

Nicht gerade besser wird der Befund der Umfrage durch einige auf den ersten Blick positive Ergebnisse: Der deutsche Anleger hat mehrheitlich ein Problembewußtsein. So sind sich laut Umfrage rund 55 Prozent der Deutschen darüber im Klaren, daß ihre Altersvorsorge nicht ausreicht. Doch selbst dieses Wissen ist offenbar nicht ausreichend, um den altersvorsorgenden Menschen zum Handeln zu treiben. Denn nur 4 Prozent der Befragten wollen gegen das erkannte Problem sofort etwas unternehmen und "demnächst konkret etwas abschließen". Oder um es auf den Punkt zu bringen: Die Deutschen wissen, daß ihre Rente knapp sein wird - doch sie zögern, etwas dagegen zu tun.

Eine Ursache dieses Vorsorgeparadoxons dürfte die mangelnde Fähigkeit des menschlichen Geistes sein, sich die Zukunft in der Gegenwart vorzustellen. Auf dem Blatt des Finanzmathematikers stellt sich das Vorsorgeproblem recht einfach dar: Man stellt eine Zahlungsreihe auf, diskontiert die zukünftigen erwarteten Zahlungen auf die Gegenwart, vergleicht dann den Gegenwartswert dieser Zahlungen mit dem Wert des gegenwärtigen Konsums - und entscheidet dann. Doch das menschliche Gehirn ist nicht zum diskontieren geeignet und nicht in der Lage, Barwerte auszurechnen. Und solange die Rente so weit weg liegt und der Leidensdruck damit in so ferner Zukunft, siegt der Attentismus oder der Fernseher über die finanzmathematisch korrekte Sparvernunft.

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Eine weitere Ursache der Altersorsorgemüdigkeit der Deutschen könnten schmale Geldbeutel sein. So sagen 56 Prozent der Befragten, daß Mittelknappheit der Grund dafür sei, daß sie kein Geld anlegen und sich nicht mit dem Thema Geldanlage beschäftigen. Daß auch das regelmäßige Klingeln einer Münze über Jahre hinweg zum Rascheln eines Scheines mutieren kann, ist offenbar auch vielen Anlegern nicht klar. Das menschliche Gehirn tut sich auch schwer damit, die wahre Macht des Zinseszinseffektes zu erfassen.

Dieses pessimistische Bild des desinteressierten Anlegers mit geringen Kenntnissen hellt sich allerdings zumindest ein wenig auf, wenn man die Investmentjugend näher betrachtet. Laut Union-Studie zeigen sie ein höheres Interesse an Finanzthemen und auch eine höhere Bereitschaft, sich damit zu beschäftigen. Und mit wem redet man dann über solche Dinge? Natürlich mit der älteren Generation, was allerdings dazu führt, daß alte Verhaltensmuster der Vorgeneration tradiert werden: Wenn Großvater und Vater eine Lebensversicherung hatten, dann steigt die Wahrscheinlichkeit, daß auch der Filius sich dieser Familientradition anschließt.

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Fondsgesellschaften müssen interessanter als bisher kommunizieren

Der Befund der Umfrage ist eindeutig und wenig erbauend - doch was nun tun damit? "Wir müssen uns auf zwei Ebenen neu auf unsere Kunden ausrichten. Wir müssen unsere Kommunikation ebenso wie unsere Leistungen neu überdenken", sagt Union-Investment-Vorstand Hans-Joachim Reinke. Was zumindest aus Sicht der Union-Umfrage nicht geraten scheint, ist die werbliche Drohung mit der Altersarmut. Einmal abgesehen davon, daß Angst wohl kein gutes Werbeargument ist, wissen die meisten Anleger offenbar schon längst, was ihnen blühen könnte. Sinnvoller hingegen scheint es, bisher langweilige, staubtrockene Fonds in etwas zu verwandeln, was die Anleger dem Zahnarztbesuch vorziehen würden. Rund 48 Prozent der jüngeren Anleger sagen, sie hätten einen besseren Zugang zum Thema Geldanlage, wenn das Thema so interessant vermittelt würde wie Informationen zum eigenen Hobby - das ist die Meßlatte für die zukünftige Kommunikationspolitik der Fondsgesellschaften.

Doch wichtiger als die Werbung sollten immer noch die Produkte sein, die beworben werden sollen. Mehr als 80 Prozent der Befragten wünschen sich, daß Geldanlagen möglichst einfach und unkompliziert sein sollen, und daß sie angesichts der unübersichtlichen Produktpaletten rasch die Übersicht und damit auch die Lust verlieren, sich damit zu beschäftigen. Für Reinke eine klare Botschaft: "Wir müssen unser Angebot vereinfachen und unsere Produkte stärker als Lösungen etablieren", sagt er.

Mit anderen Worten: Die Fondsgesellschaft muß sich vom Produktanbieter zum Lösungsanbieter entwickeln. Statt also unzählige Einzelfonds anzubieten, zwischen denen sich nur professionelle Anleger gut entscheiden können, deren Fülle aber den meisten Anlegern offenbar die Laune am Thema verdirbt, muß der Fondsanbieter Lösungen für jeden Lebensabschnitt und Anlegertyp bieten. Statt also den nackten Aktienfonds zu offerieren, sollte sie dem Anleger ein Sparplanprodukt anbieten, möglicherweise mit automatischer Umschichtung im Zeitablauf von riskanten hin zu risikoärmeren Produkten gegen Ende der Sparzeit, oder aber ein Fondsprodukt mit Auszahlungsplan. Am Ende einer solchen Entwicklung steht dann eine Fondsgesellschaft, die Fonds nur als Grundlage ihrer Produkte versteht, die dazu verwendet werden, Spar- oder Entsparprodukte zu betreiben. Welche Fonds dann hinter den einzelnen Lösungen stehen, wird dann für den Anleger unerheblich. Eine solche Entwicklung könnte dann dazu führen, daß die Menschen in Zukunft vielleicht doch den ein oder anderen Zahnarztbesuch zugunsten ihrer Altersvorsorge vertagen.

Quelle: F.A.Z., 11.10.2005, Nr. 236 / Seite 27
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