Fondsmarkt

Fondsbranche will mit „Wohlverhalten“ für Vertrauen sorgen

EIN KOMMENTAR Von Hanno Beck
31.03.2003
, 19:25
Die Fondsbranche hat sich jüngst Regeln gegeben, die den verantwortungsvollen Umgang mit dem Kapital und den Rechten der Anleger garantieren sollen. Bösartige Naturen könnten fragen, ob sie dies nicht schon vorher getan haben.

Die Fondsbranche hat ein altes Thema wiederentdeckt: Wohlverhalten. Hinter diesem so angenehm klingenden Begriff stehen die Bemühungen der Fondsgesellschaften, das Vertrauen der Anleger zurückzugewinnen.

Um dieses Ziel zu erreichen, hat sich die Branche im vergangenen Jahr Regeln gegeben, die einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Kapital und den Rechten der Anleger garantieren sollen. Sieben Wohlverhaltensregeln legte der Branchenverband BVI in einem Kodex fest, welche die Branche auf freiwilliger Basis umsetzen will. Mit der Befolgung dieser Regeln soll sichergestellt werden, daß die Kapitalanlagegesellschaft bei der Verwaltung der Fonds "ausschließlich im Interesse der Anteilinhaber“ handelt - nur bösartige Naturen fragen, ob die Gesellschaften dies nicht schon vorher getan haben.

SEB Invest lässt das eigene Wohlverhalten bestätigen

Die ersten Maßnahmen des BVI-Kodex - beispielsweise der Ausweis einer Gesamtkostenkennziffer, der so genannten Total Expense Ratio, - waren rasch mit Leben erfüllt. Doch jetzt kommt die Branche an einen Punkt, wo sie sich schwertut, die aufgestellten Regeln umzusetzen. Neue Fragen tauchen auf. Wie kommuniziert man etwa den Anlegern, daß man die Regeln befolgt? Einen Weg, dieses Problem zu lösen, hat jetzt SEB Invest beschritten: Die Gesellschaft hat Wohlverhaltensregeln für sich ausgelegt, ihre Geschäftprozesse entsprechend angepaßt und dokumentiert. Sodann hat sich die Gesellschaft von einem Wirtschaftsprüfer bestätigen lassen, daß die dokumentierten Geschäftsprozesse geeignet sind, ein Wohlverhalten der Gesellschaft zu garantieren. Nach Ablauf eines Geschäftsjahres will sich die SEB dann vom Wirtschaftsprüfer bestätigen lassen, daß man sich an die dokumentierten Geschäftsprozesse gehalten hat.

Viele Wettbewerber waren nicht amüsiert - man müsse nicht extern bestätigen lassen, daß man sich korrekt verhalte, sagen einige Gesellschaften. Andere Stimmen sprechen von einem reinen Marketing-Gag. Die Aufregung ist verständlich. Denn was nun einsetzen wird, ist klar: Die Gesellschaften werden eine Art Wohlverhaltenswettbewerb um die Kunden anzetteln. Dabei geht es darum, den Anlegern das eigene Wohlverhalten zu dokumentieren und es sich am besten auch von einer dritten Partei testieren zu lassen. Vor allem den großen Gesellschaften dürfte das nicht so schmecken, denn Durchleuchtung und Anpassung der Geschäftsprozesse sind um so aufwendiger, je größer eine Gesellschaft ist.

Aussagekraft des BVI-Kodex in der Praxis eingeschränkt

Einen anderen Weg, als ihn die SEB Invest beschritten hat, weist die Ratingagentur RCP Partners. Die Gesellschaft bietet den Kunden eine sogenannte Verifizierung: Die Gesellschaft wird von RCP mittels Fragebogen und Interviews auf die Einhaltung der Wohlverhaltensrichtlinien hin durchleuchtet. Im Anschluß an diesen Prozeß erhält die Gesellschaft dann eine Bestätigung mit einer Auswertung, in welchem Ausmaß die Gesellschaft die einzelnen Hauptpunkte der BVI-Wohlverhaltensrichtlinien einhält. Erste Unternehmen sind bereits dabei, sich dieser Prozedur zu stellen.

Die ersten Schritte sind also getan. Doch noch steckt die Umsetzung der Wohlverhaltensrichtlinien in den Anfängen - zumindest wenn es um eine Konkretisierung im täglichen Geschäft geht. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Price Waterhouse Coopers hat dazu eine Umfrage gestartet und 56 Gesellschaften befragt, wie sie es mit dem BVI-Kodex halten. Von den 44 Gesellschaften, die geantwortet haben, hatten 29 den Angaben zufolge die Regelungen bereits zum ersten Januar dieses Jahres umgesetzt, sieben Gesellschaften werden sie bis zum Ende dieses Monates oder Ende Juni umsetzen.

Interessant ist auch, daß 70 Prozent der Befragten sich mit den Regelungen sehr zufrieden erklären - auf einer Zufriedenheitsskala von eins oder sehr unzufrieden bis zehn oder sehr zufrieden stufen nur sechs Gesellschaften ihre Zufriedenheit mit einem Wert kleiner als sieben ein. Demgegenüber zeigen sich die Gesellschaften der Umfrage zufolge aber unzufrieden mit der Aussagekraft des BVI-Kodex: Aufgrund der nicht ausreichend konkreten Formulierungen gebe es Schwierigkeiten, eindeutige organisatorische Vorgaben für die Gesellschaft abzuleiten, heißt es bei den Befragten. Diese Aussagen passen aber nicht zur Zufriedenheit der Gesellschaften mit dem Kodex und zu den Aussagen, daß man ihn bereits umgesetzt habe. Hier scheint also ein Widerspruch zu bestehen, der einer Lösung harrt.

Was nützt das mir, mag sich der von Kursanämie geplagte Fondskunde denken. Die Wohlverhaltensregeln mögen ihm mehr Überblick über das Tun und Treiben seiner Gesellschaft geben und mehr Sicherheit verschaffen, daß seine Interessen auch gewahrt bleiben. Dennoch - all die Gütesiegel werden dem geplagten Anleger nicht das Geld zurückbringen, das er in den vergangenen drei Jahren verloren hat. Hier gilt nach wie vor das Prinzip Hoffnung.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.04.2003, Nr. 77 / Seite 21
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