Fondsskandal

Fondsanleger sollten nicht zu sehr auf Entschädigung hoffen

EIN KOMMENTAR Von Chet Currier, Bloomberg News
05.12.2003
, 15:32
Der Fondsskandal in Amerika dreht immer weiter seine Kreise. Wenn Anleger allerdings auf hohe Schadenersatzzahlungen spekulieren sollten, dürften sie enttäuscht werden, denkt von Chet Currier Bloomberg News.
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In der Diskussion um den Fondsskandal in Amerika ist immer wieder die Rede davon, daß die Fondsinvestoren, die durch die mißbräuchlichen Handelspraktiken geschädigt worden sind, entschädigt werden sollen. Allzu hohe Hoffnungen sollten die Anleger jedoch nicht hegen.

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Zunächst dürfte es eine ganze Weile dauern, bis geklärt ist, wer wem wie viel zahlen muß. Und wenn diese Klärung abgeschlossen ist, dürfte die Entschädigung für den einzelnen Anleger eher im Cent- als im Dollar-Bereich liegen.

Nur minimale Entschädigungen zu erwarten

Ein Beispiel: Das Büro des New Yorker Generalstaatsanwalts Eliot Spitzer hat vor kurzem eine Klage gegen drei Angestellte eines Unternehmens aus Arizona angestrengt. Sie sollen im Auftrag eines Hedgefonds sechs Investmentfonds um jeweils mehr als eine Million Dollar betrogen haben.

Einer dieser Fonds ist der Artisan International Fund. Mit einem Wertzuwachs von 8,2 Prozent jährlich für die vergangenen fünf Jahre kommt er unter die besten 15 Prozent aller international investierender Aktienfonds, zeigen Daten von Bloomberg. Das Fondsanalyseunternehmen Morningstar hat ihm fünf Sterne verliehen, und zum jüngsten Stichtag kam der Fonds auf ein Anlagekapital von 8,9 Milliarden Dollar.

Der Klage zufolge haben die mißbräuchlichen Handelspraktiken Artisan International im Verlauf von dreieinhalb Jahren "mehr als" eine Million Dollar gekostet. Für die Berechnung nehmen wir einmal an, daß der gesamte Schaden sich auf 1,75 Millionen Dollar beläuft, das sind 500.000 Dollar pro Jahr. Ein Blick auf den Inventarwert des Fonds pro Fondsanteil zeigt, daß der Schaden kaum meßbar ist. Bei einem Investment von 1.000 Dollar beläuft er sich auf rund 20 Cent.

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Entschädigungszahlungen „zu teuer“

Wenn es zu Entschädigungszahlungen an Anleger kommt, sollten sie mit Sicherheit nicht aus dem Fondskapital fließen. "Wenn solche Zahlungen von den Fonds selbst geleistet werden müssen, schadet das den Investoren, die derzeit Anteile des Fonds halten", schrieb Robert Adler aus Port Washington, New York, in einem Leserbrief an die New York Times vom vergangenen Sonntag. "Die Zahlungen sind im Endeffekt Scheintransaktionen - oder noch Schlimmeres, wenn sich nämlich die Anwälte einen Anteil am Vergleich sichern."

Wie wäre es dann, wenn das Geld einfach von allen überführten Missetätern kassiert und dann an die Fonds weitergeleitet würde, ohne es auf einzelne Investoren aufzuteilen? Selbst wenn man annimmt, daß die Missetäter zahlen können, wirft das ein weiteres Problem auf. Dann bekämen nämlich die Investoren, die derzeit Anteile des Fonds halten, die Entschädigung, die eigentlich den Anlegern zustünde, die in der Vergangenheit den Fonds gehalten haben.

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Wenn eine spezielle Organisation für die Abwicklung der Entschädigungen eingerichtet würde, dürften die Verwaltungskosten die Summen, die schließlich ausgezahlt werden, übersteigen. Und die Kosten einfach dem Steuerzahler aufzubürden, hieße nur, die bereits überlastete Öffentlichkeit ein weiteres Mal zur Kasse zu bitten. Wie das alte Sprichwort sagt, kann man ein Unrecht nicht durch ein weiteres Unrecht ausgleichen.
Es ist also nichts mit dem Schatz, der am Ende der Suche winkt.

Strafe und Abschrecken von Nachahmern

Das heißt allerdings noch lange nicht, daß Fondsinvestoren den Gedanken an eine Entschädigung völlig aufgeben sollten. Ein Hauptziel der Untersuchung sollte es sein, sicherzustellen, daß kein Gauner auch nur einen Cent von dem Geld behält, um das er die Fonds geprellt hat. Außerdem sollten potenzielle Nachahmer davon abgeschreckt werden, das System so zu mißbrauchen, wie es geschehen ist.

Die Übeltäter sollten also auf alle Fälle zahlen, egal, was dann mit dem Geld geschieht. Und noch wichtiger ist es, ein für alle Mal klarzustellen, daß beim Fondsmanagement jetzt nur noch eine tadellos weiße Weste gefragt ist. "Ihnen war nicht klar, daß das, was sie taten falsch war" ist definitiv keine akzeptable Entschuldigung. Das gleiche gilt für Bewertungen wie "eher Schlampigkeit als unerhörtes Fehlverhalten", wie vor kurzem ein Wall Street-Analyst schrieb.

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Fondsgesellschaften müssen selbst für eine weiße Weste sorgen

Jede Fondsgesellschaft, die ernsthaft das Vertrauen der Investoren gewinnen will, kann einen formellen Kodex von Verhaltensregeln aufstellen, der klar definiert, was richtig und was falsch ist, und strenge Kontrollen einführen, wo es bisher nur "schlampige" gab. Einige Gesellschaften haben bereits solche Regelwerke erstellt, oder zumindest Teile davon. Davon wollen die Anleger mehr sehen.

"Die Aufsichtsbehörden können Reformen fördern, aber letztendlich werden nur die Fondsgesellschaften selber das Vertrauen der Anleger wiedergewinnen", schrieben Richard Breeden und Arthur Levitt Jr., beide ehemalige Vorsitzende der amerikanischen Wertpapieraufsicht SEC, in dieser Woche im Wall Street Journal.

Quelle: Bloomberg
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