Gastkommentar

„Kaufe Aktien wie Lebensmittel - nicht wie Parfum“

Von John Dorfman, Bloomberg News/Dorfman Investments
09.03.2005
, 07:09
Wenn Anleger an den Finanzmärkten Verluste hinnehmen müssen, sind sie oft ratlos oder geraten gar in Panik. Dagegen können ein paar Ratschläge „alter Hasen“ helfen. John Dorfman von Dorfman Investments hat ein paar herausgesucht.
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Manchmal, wenn meine Heimatstadt Boston im Schnee versinkt, greife ich zu ein paar Büchern über Aktienanlage, darunter sowohl alte als auch neue, und gebe einige besondere Leckerbissen weiter - natürlich nicht ohne diese um meine persönliche Einschätzung zu ergänzen.

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Aus „The Intelligent Investor“ von Benjamin Graham: „Vor vielen Jahren gaben wir in einem Artikel in einer Frauenzeitschrift den Leserinnen den Rat, bei der Aktienauswahl ähnlich vorzugehen wie beim Einkauf von Lebensmitteln statt wie beim Parfumkauf.“

„Kaufe Aktien wie Lebensmittel - nicht wie Parfum“

Dieser Satz allein beinhaltet schon enorme Erkenntnisse. Auf dem Aktienmarkt interessieren sich die Anleger häufig eher für eine Aktie, wenn ihr Kurs steigt. Da das eigentliche Ziel jedoch ist, Aktien zu einem niedrigen Kurs zu kaufen und zu einem höheren zu verkaufen, sollten sie doch das genaue Gegenteil tun. Der Aktienmarkt und der Markt für Parfum gehören zu den wenigen Märkten, auf denen vielen Kunden die Ware attraktiver erscheint, wenn sie teuer ist.

Aus „The Wall Street Gurus“ von Peter Brimelow: „Wenn die Stimmung auf dem Aktienmarkt gut ist, blühen Börsenbriefe wie Blumen in der Wüste nach heftigem Regen.“ An der Wall Street und in der Finanzfachpresse „strafte man Börsenbriefe bisher eher mit Verachtung.“ In Brimelows Buch wird deutlich, daß es seiner Meinung nach durchaus Börsenbriefe gibt, die es sich zu lesen lohnt. Ich teile diese Ansicht. Was ich an Börsenbriefen mag, ist ihre Unabhängigkeit. Anders als Broker-Häuser sind die Herausgeber der Börsenbriefe nahezu unbeeinflußt von der Aussicht, Aufträge im Investment Banking oder Zutritt zu den Führungsetagen der Unternehmen zu erhalten.

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Diversifikation ist oft „hoffnungsgetrieben“

Aus „Against the Gods: The Remarkable Story of Risk“ von Peter L. Bernstein: „Eine Anlageentscheidung erweist sich nicht nur dann im Nachhinein als falsch, wenn der Kurs einer Aktie, die man gerade verkauft hat, durch die Decke geht. Was ist mit all den Aktien, die man nie gekauft hat und von denen viele sich besser entwickeln als diejenigen, für die man sich entschieden hat?“ „Obwohl jeder weiß, daß es unmöglich ist, sich immer nur die Spitzenperformer herauszupicken, trauern viele Anleger solchen verpaßten Gelegenheiten nach. Ich glaube, daß diese Art von emotionaler Unsicherheit viel mehr mit Diversifizierungsüberlegungen zu tun hat, als sämtliche endlose intellektuelle Abhandlungen von Harry Markowitz zu diesem Thema - je mehr Aktien man besitzt, um so größer ist die Chance, daß darunter auch die großen Gewinner sind!“

Bernstein schreibt weiter darüber, daß Broker und Vermögensverwalter häufig sehr bekannte Aktien, wie zum Beispiel Johnson & Johnson oder Coca-Cola Co., weniger bekannten Aktien vorziehen, die vielleicht gewinnbringender wären. Der Grund dafür ist, daß ihre Kunden sie bei bekannten Aktien weniger für eventuelle Verluste verantwortlich machen. Für mich ergeben sich daraus mehrere Schlußfolgerungen: Diversifizierung ist eine ziemlich überschätzte Tugend; Anlageentscheidungen sind bei weitem nicht rational; und unbekannte Aktien verdienen einen besseren Platz als den, den sie im Portfolio der meisten Anleger bisher einnehmen.

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Man sollte nicht warten, bis Analysten eine Aktie auf „Verkauf“ stellen

Aus „The Street.com Guide to Smart Investing“ von Dave Kansas und den Autoren von Street.com: „Man sollte dem Rating der Analysten - den Empfehlungen Kaufen, Verkaufen und Halten - mit gesunder Skepsis begegnen. Wie in der High School sind auch hier die Bewertungen nicht mehr das, was sie einmal waren. Die Analysten werfen mit Kaufempfehlungen nur so um sich, weshalb diese inzwischen beinahe neutral einzuschätzen sind. “Die Empfehlungen Halten oder Market Perform sollten Anleger mißtrauisch werden lassen, vor allem, wenn sie von einem Analysten ausgesprochen werden, der für eines der Emissionshäuser des Unternehmens arbeitet.“ Und eine Empfehlung zum Verkauf? „Im Allgemeinen wird man nicht so lange abwarten wollen, bis man herausfindet, was dieses seltene Rating zu bedeuten hat.“

Ich denke, daß Kansas mit seiner Beurteilung der Nomenklatur von Broker-Häusern richtig liegt. Er legt auch gekonnt einige der Interessenkonflikte dar, denen sich die Analysten an der Wall Street gegenübersehen. Aber ich glaube auch, daß er den Lesern den Eindruck vermittelt, daß das Aktienrating der Analysten bei der Aktienauswahl eine wichtige Rolle spielen sollte. Hier bin ich völlig anderer Ansicht.

„Gehaßte“ Aktien sind oft besser als „beliebte“

In dieser Kolumne beurteile ich jedes Jahr die Entwicklung der vier von den Analysten zwölf Monate zuvor am meisten geliebten Aktien - also diejenigen, für die mit größter Übereinstimmung Kaufempfehlungen ausgesprochen wurden - und der vier von ihnen meist gehaßten Aktien - also diejenigen, die am häufigsten zum Verkauf empfohlen wurden. Seit sieben Jahren haben die meist gehaßten Aktien im Durchschnitt besser abgeschnitten als die beliebtesten.

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Aus „Wealth: An Owner's Manual“ von Michael Stolper: „Eine Börsenbaisse ist eine sehr bedrohliche Situation und die meisten Menschen reagieren mit Rückzug, wenn sie sich bedroht fühlen. Wie viele Ruheständler, die im Oktober 1979 den Kurseinbruch um zwanzig Prozent erlebten, sagten sich `zur Hölle mit der Börse, nichts wie weg´? Und so verkauften sie mit riesigen Verlusten und verpaßten die Kurserholung.“

Man ist nie vollständig informiert

Stolper sprach in diesem Abschnitt von den Risiken der Aktienanlage für Menschen kurz vor dem oder bereits im Ruhestand, mich aber interessiert vielmehr der Aspekt, daß Menschen zu Panikverkäufen neigen und dadurch Verluste in Kauf nehmen. Denken wir zurück an Benjamin Graham und seine Empfehlung, bei der Aktienauswahl wie beim Kauf von Lebensmitteln vorzugehen. Wenn Thunfisch im Angebot ist, kauft man vielleicht ein paar Dosen mehr. Aber wenn Aktien „im Angebot“ sind, ist die Angst so groß, daß nur wenige Anleger die Gelegenheit nutzen.

Zum Abschluß hier noch ein kleines Literaturjuwel ohne Kommentar aus „The Nature of Risk“ von Justin Mamis: „Die Frage ist nicht, `Welche Informationen brauchen wir, um ein Risiko einzugehen?´ oder `Welche Informationen sollten wir verlangen?´, sondern vielmehr `Wenn das die Informationen sind, die wir haben, was fangen wir dann damit an?´“

Quelle: Bloomberg
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