Gastkommentar

Mit „Beta-Aktien“ den Markt spielen

Von John Dorfman, Bloomberg/Dorfman Investments
01.04.2005
, 10:58
Das Beta geistert als Aktienkenngröße immer wieder einmal durch die Medien. Es ist weder gut noch schlecht. Es zeigt, wie stark einzelne Aktien im Verhältnis zum Gesamtmarkt schwanken. „Zocker“ setzen gerne auf „hohe Betas“

Wollen Sie ein Portfolio, das die Auf- und Abwärtsbewegungen des Marktes verstärkt widerspiegelt, dann können Sie mit den folgenden fünf Titeln den Grundstein dazu legen: AMR, ON Semiconductor, Wind River Systems, Nektar Therapeutics und Nvidia.

Denn diese Aktien verfügen über das höchste Beta, das als Indikator für die Volatilität einer amerikanischen Aktie mit einem Marktwert von mindestens einer Milliarde Dollar gilt. Steigt oder fällt der Markt um zehn Prozent, ist zu erwarten, daß diese Aktien rund 29 Prozent hinzugewinnen oder verlieren.

Beta alleine ist weder gut noch schlecht

Ein hohes oder geringes Beta alleine ist also weder als gut noch als schlecht einzuschätzen. Es kann lediglich eine Aussage darüber liefern, inwieweit der Kurs einer einzelnen Aktie auf eine Marktschwankung eines bestimmten Ausmaßes reagieren wird. Als Maßstab für den Gesamtmarkt bei der Bestimmung von Beta-Werten legen die meisten Analysten den Standard & Poor's 500-Aktienindex zu Grunde.

Eine Aktie mit einem Beta-Wert von eins ist genauso volatil wie der Gesamtmarkt. Bei einem Beta von zwei ist die Aktie doppelt so volatil wie der Markt. Kommt es zu einer Marktbewegung um acht Prozent, wird sich der Kurs einer Aktie mit einem Beta von zwei also um 16 Prozent verändern, entweder in die eine oder in die andere Richtung.

Nach Daten von Bloomberg haben von den 1.672 amerikanischen Aktientiteln mit einem Marktwert von mindestens einer Milliarde Dollar 220 ein Beta von über 1,5. Nur 62 Aktienwerte haben ein Beta von über zwei.

Laut von Bloomberg veröffentlichten Daten ist AMR mit einem Beta von 3,26 der volatilste Aktientitel. Das Unternehmen mit Sitz in Fort Worth, Texas, ist die Muttergesellschaft von American Airlines, der weltweit größten Fluggesellschaft. Hohe Spritpreise, zerstörerische Preiskämpfe sowie die Tatsache, daß es zu viele Anbieter am Markt gibt, sind nur einige Faktoren, die zur allgemein bekannten Leidensgeschichte der Airline-Aktien beitragen.

Sollten eines Tages die Ölpreise sinken und die Auslastung steigen, wird AMR auch wieder Geld verdienen. Fakt ist jedoch, daß die Fluggesellschaft seit dem Jahr 2000 keinen Gewinn mehr verbuchen konnte. Die langfristige Verschuldung beträgt 13,5 Milliarden Dollar, während das Eigenkapital mit 581 Millionen im Minus liegt.

Volatilität bei Aktien steht oft in Verbindung mit wechselhaftem operativem Geschäft

Wer im Jahr 2003 den entsprechenden Mumm gehabt hat, konnte AMR-Aktien für weniger als zwei Dollar pro Stück anhäufen. Derzeit werden sie mit einem Kurs von 11,03 Dollar gehandelt: der Einsatz hätte sich also vervierfacht. Eine Spekulation dieser Art heute zu versuchen, wäre in meinen Augen jedoch ein zu gewagtes Spiel.

ON Semiconductor mit Hauptsitz in Phoenix, Arizona, steht mit einem Beta von 2,99 an zweiter Stelle, was die Volatilität betrifft. Das Unternehmen produziert Computerchips, die den Stromverlauf in Haushalts- und Elektrogeräten steuern. ON hat einiges mit AMR gemeinsam: zum Beispiel das negative Eigenkapital oder vier aufeinanderfolgende Verlustjahre.

Wind River Systems mit Sitz in Alameda, Kalifornien, stellt so genannte „Middleware“ her, eine Softwareschicht zwischen dem Übertragungsnetzwerk und den eigentlichen Anwendungen, die in elektronischen Produkte wie Digitalkameras, Mobiltelefonen und Robotern vorkommt. Die Bilanz des Unternehmens fällt deutlich stärker aus als die von AMR oder ON. Und auch die Bewertung der Aktie ist vergleichsweise hoch: Das Kurs-Gewinn-Verhältnis beträgt 115, das Kurs-Umsatz-Verhältnis 5,3. Das Beta liegt bei 2,88.

Im vergangenen Jahr hat Wind River nach vier verlustreichen Jahren erstmals einen Gewinn verbucht. Die Analysten der Wall Street erwarten weiter steigende Gewinne, so daß die meisten von ihnen den Titel empfehlen. Für mich ist diese Aktie jedoch eine Nummer zu hoch.

Nektar Therapeutics mit Hauptsitz in San Carlos, Kalifornien, kann ein Beta von 2,78 vorweisen. Das Biotech-Unternehmen entwickelt Moleküle und Partikel, die die Freigabe von pharmazeutischen Wirkstoffen im Körper optimieren. Seit dem Börsengang 1994 hat Nektar zwölf Jahre hintereinander Verluste bilanziert. Drei weitere Aktienemissionen haben die Bilanzen gestützt. Die Verschuldung entspricht nun 42 Prozent des Eigenkapitals. Die Nektar-Aktie wird mit einem Kurs-Umsatz-Verhältnis von 10,5 gehandelt - ein Preis, den ich nicht zu zahlen bereit bin.

Das Beta des im kalifornischen Santa Clara ansässigen Unternehmens Nvidia beträgt 2,7. Der weltweit größte Hersteller von Chips zur Erstellung von Computergrafiken hat eine grundsolide Bilanz vorzuweisen: Die Verschuldung beträgt weniger als ein Prozent des Eigenkapitals.

Ich habe die Nvidia-Aktie im Dezember 2002 in meiner Kolumne empfohlen. Damals betrug der Kurs 14,02 Dollar, heute liegt er bei 24,30 Dollar. Bedauerlicherweise sind die Gewinne des Unternehmens allerdings nur noch halb so hoch wie zu jener Zeit, so daß das Kurs-Gewinn-Verhältnis auf 43 gestiegen ist. Diese hohe Bewertung kann ich keinesfalls gutheißen.

Hohe Betas für „Zocker“ - tiefe Betas für Anleger mit schwachen Nerven

Was hilft es Ihnen also, das Beta einer Aktie zu kennen? Nun, wenn Sie wüßten, daß der Aktienmarkt innerhalb einer bestimmten Zeitspanne steigt, könnten Sie Ihre Aktien mit einem hohen Beta aufstocken. Dementsprechend können Sie Aktien verkaufen oder in Titel mit einem niedrigen Beta-Wert umschichten, wenn sie einen Marktrückgang befürchten. Natürlich weiß niemand im Voraus, wohin sich der Aktienmarkt letztlich wirklich bewegt. Eine Theorie besagt beispielsweise, daß der Markt grundsätzlich öfter steigt als fällt. Folglich sollte man Aktien mit einem hohen Beta grundsätzlich halten. Dieser Ansatz ignoriert jedoch völlig die Bauchschmerzen, die Investoren erleiden könnten, wenn sie eine strenge Diät mit High-Beta-Aktien halten. Andere legen wiederum größeren Wert auf Sicherheit. Sie bevorzugen Low-Beta-Aktien, selbst wenn dies den Verzicht auf mögliche Gewinnchancen bedeutet. Falls Sie sich also nach Stabilität in Ihrem Portfolio sehnen, interessieren Sie sich bestimmt für einige Titel mit niedrigem Beta:

Nach Daten von Bloomberg verfügt Metro-Goldwyn Mayer mit 0,38 über den niedrigsten Beta-Wert unter den amerikanischen Aktien mit einem Marktwert von über einer Milliarde Dollar. Es folgen Lifepoint Hospitals mit einem Beta von 0,41, Dreyer's Grand Ice Cream Holdings mit einem Beta von 0,44, Southern mit einem Beta von 0,47 und American National Insurance mit einem Beta von 0,48.

Ein Problem mit Beta-Werten besteht allerdings darin, daß sie nicht konstant bleiben. Eine Aktie, die beispielsweise im Zeitraum 2000 bis 2004 sehr volatil gewesen ist, wird zwischen 2005 und 2009 nicht zwangsläufig einen ähnlich hohen Schwankungsbereich aufweisen. Trotzdem kann es ganz einfach vorteilhaft sein, eine gewisse Vorstellung von der Volatilität der Aktien im eigenen Portfolio zu haben. Zumindest wissen Sie dann, was Sie ungefähr erwartet, sollte der Markt fallen.

Quelle: Bloomberg
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