Interview

„An den Ostbörsen dürfen die Anleger jetzt nicht zu gierig werden“

11.11.2004
, 15:09
Traut den Ostbörsen weiteres Kurspotenzial zu: Osteuropa-Experte Andreas Männicke
An den Aktienmärkten in Osteuropa ist noch immer Kurspotential vorhanden, glaubt Andreas Männicke. Gleichzeitig warnt der Osteuropa-Aktienexperte im FAZ.NET-Interview aber davor, daß zu viel Gier zum Bumerang werden könnte.

Die Börsen in Osteuropa steigen und steigen. Und da kein Ende des Aufschwungs in Sicht ist, lohnt es sich hier aus Anlegersicht, ständig am Ball zu bleiben. Eine wichtige Informationsmöglichkeit sind dabei Gespräche mit Osteuropa-Experten.

Zu den ausgewiesenen Experten der ersten Stunde, welche die Märkte in Osteuropa praktisch schon seit dem Fall der Mauer begleiten, gehört Andreas Männicke. Wir haben den Geschäftsführer von ESI East Stock Informationsdienste GmbH, deshalb gefragt, was er momentan über die Aktienmärkte in Osteuropa denkt.

Herr Männicke, nach der Aufnahme in die EU haben die meisten Börsen der beigetretenen Länder weiter deutlich zugelegt. Sehen wir hier erste Anzeichen für eine Überhitzung oder haben diese Märkte weiter Luft nach oben?

Es stimmt die Börsen haben in diesem Jahr im Durchschnitt 20 bis 30 Prozent zugelegt, nachdem sie schon im Vorjahr die etablierten Westbörsen klar schlagen konnten. Ein „Bubble“ wie in den Jahren 1996/97 ist aber im Moment nicht erkennbar. Die Fundamentaldaten der meisten osteuropäischen Unternehmen haben sich in diesem Jahr extrem verbessert, so daß die Kurssteigerungen auch fundamental gerechtfertigt sind. Die Osteuropafonds sind zudem einige der wenigen Fondsgruppen, die in diesem Jahr ansehnlich Liquiditätszuströme bekommen haben. Insofern ist die Hausse auch liquiditätsgetrieben. Die Bewertungen sind aber mit KGVs von 10 bis 16 noch moderat, so daß bei anhaltend hohem Wachstum auch noch Kurspotential - vor allen bei den Ländern der zweiten Reihe - vorhanden ist.

Dennoch sind nach so starken Kursavancen der vergangenen Jahre die Risiken höher, daß auch einmal wieder ein Rückschlag kommt. Dieser Rückschlag braucht gar keine internen, osteuropaspezifischen Gründe haben, sondern kann auch extern begründet sein, wie stark fallenden Rohstoffpreisen (hier wäre Rußland verwundbar), einen Wachstumsdämpfer in China , Emerging Market Krisen à la Argentinien oder weiteren Terroranschlägen. Wir leben heute in einer sehr unsicheren, wenig kalkulierbaren Zeit, weshalb eine derartige Hausse wie an den Ostbörsen schon bemerkenswert ist. Der größte Fehler wäre es aber, vergangene Performanceergebnisse in die Zukunft zu projizieren und jetzt zu „gierig“ zu werden zu wollen. Man sollte sich in Zukunft mit geringeren Renditen als in den vergangenen drei Hausse-Jahren bescheiden.

Was sind Ihre Favoritenmärkte und was spricht für diese Börsen?

Ich favorisiere schon seit einigen Jahren die Märkte der zweiten Reihe wie Bulgarien, Rumänien, Ukraine oder Kazakhstan. Auch mag ich die Börse Ljubljana in Slowenien gern - übrigens die einzige der Welt, die seit 1990 kontinuerlich gestiegen ist. Nur gibt es hier leider nur wenige Vehikel für westliche Anleger und die sind zudem meistens relativ illiquide. Ich glaube, die Märkte der zweiten Reihe und die noch nicht entdeckten Märkte werden weiterhin outperformen, gerade weil hier Osteuropafonds nur marginal vertreten sind.

Was die Börsen der EU-Beitrittsländer betrifft, so kommt nach der EU-Fantasie jetzt die EWU-Fantasie, wobei die ersten Länder wohl erst ab dem Jahr 2010 der EWU beitreten werden. Von den halbwegs etablierten Ostbörsen - und hierzu zähle ich Moskau, Budapest, Warschau und Prag, bleibt Moskau mit Abstand der liquideste Markt. An der Moskauer Börse bestehen weiterhin - gerade wegen der hohen Volatilität bei den Blue Chips - sehr gute Tradingmöglichkeiten.

Was sind aus Ihrer Sicht die spannendsten Einzelwerte?

Sehr spannend finde ich persönlich, was in den nächsten Monaten und Jahren bei dem russischen Energiegiganten Gazprom passieren wird, der sich zu einem vollintegrierten Energie-Konzern mit den Sparten Gas/Öl und Strom entwickeln wird. Der Konzern verdient jetzt schon über fünf Milliarden Dollar netto. Bis Mitte 2005 soll die sogenannte „ring fence“ aufgehoben werden und spätestens dann werden die Originalaktien auch im beschränktem Maße für Ausländer handelbar sein, was bisher aufgrund eines Jelzins Dekrets nicht möglich war. Deshalb hatten die ADR bisher auch ein erhebliches Aufgeld zu den Originalaktien.

Spannend wird es auch werden, ob Lukoil mit ConocoPhillips im Boot in Zukunft auch in Irak Fuß fassen kann, nachdem jetzt erstmals auch Verträge mit Saudi Arabien gemacht wurden. Lukoil will auch bewertungsmäßig zu den Top 10 ÖL/Gas-Aktien der Welt avancieren - ebenso wie Gazprom.

Eine Erfolgstory wird auch die Wachstumstory der russischen Mobilfunkaktien bleiben wie etwa bei Vimpelcom. Falls die Rohstoffhausse anhält, wird davon weiterhin Norilsk Nickel profitieren, die jetzt sogar VW mit Palladium beliefern. Das Unternehmen will den Goldsektor ausbauen und hat mit der 20prozentigen Beteiligung bei Gold Fields eine Trumpfkarte gezogen. Nun sind die genannnten Aktien nicht unbedingt die spannendsten Werte für „Osteuropaaktien-Insider“, denn diese Aktien sind sicherlich hoffentlich längst im Depot.

Ein spannendes Investmentthema wird neben der erwähnten Privatisierungsfantasie in Tschechien - hier sollen Cesky Telecom und der Versorger CEZ privatisiert werden - auch sein, wer mit wem in Osteropa in den nächsten Jahren fusionieren wird. Gerüchtweise sollen die bei ungarischen und polnischen Öl-Giganten Mol und PKN Orlen eine „Elefanten-Hochzeit“ planen. Mol hat vor kurzem die Gassparte für stolze 2,15 Milliarden Euro an Eon´s Tochter Ruhgas verkauft. Auch durch den vermehrten Einstieg von westlichen Unternehmen bei osteuropäischen Unternehmen wird Phantasie erzeugt. Sicherlich wird es hier vor allem im Rohstoffsektor noch einige „Mega-Deals“ in Rußland geben. BP, Total, ConocoPhillips und Eon (über Ruhrgas bei Gazprom) waren da nur der Anfang. Es wird also auch in Zukunft genug spannende Investmentthemen in Osteuropa geben.

Wo wittern Sie die größten Gefahren für die Ostbörsen und für den EU-Erweiterungsprozeß?

Es ist generell immer eine Gefahr, wenn die Erwartungshaltung zu groß wird und hernach Erwartungen enttäuscht werden. Der angestrebte Integrationsprozeß wird nicht reibungslos verlaufen. In Zukunft werden wohl die Parteien mehr Zulauf bekommen, die nationalistisch eingestellt sind und gegen den EU-Beitritt votieren. Dies zeichnet sich schon jetzt unter anderem iin Tschechien und Polen ab. Wenn der Liquiditätszustrom in diese neuen EU-Länder versiegt, werden hausgemachte strukturelle Probleme wie ausufernde Haushalts- und Leistungsbilanzdefizite deutlicher zu Tage treten, was dann auch die Ostwährungen schwächen würde.

Im Moment werden die Währungskurse in Ungarn und in Polen noch durch relativ hohe Realzinsen gestützt. Ich bin gespannt, wie lange die jeweiligen Notenbanken diesen Spagat aushalten, denn damit dämpfen sie auch das Wachstum der Länder. Wenn nun Westeuropa in eine Wachstumsdelle oder gar Rezession kommen würde, wären die Exportchancen der osteuropäischen Unternehmen eingeschränkt. Auch ist noch nicht klar, ob die Milliarden an Subventionsgeldern in Osteuropa effizient eingesetzt werden oder in dunklen Kanälen verschwinden. Das Problem „Korruption“ ist in Osteuropa noch nicht befriedigend gelöst.

Schließlich wäre auch dauerhaft zu hohe Ölpreise - mit Ausnahmen für Russland und Kazakhstan, die davon profitieren - negativ für die Volkswirtschaften dieser Länder wegen importierter Inflation und geringerem Wachstum. Für die russischen Rohstoffunternehmen - besonders die Stahlwerte -und mittelbar somit auch für die Moskauer Börse ist es sehr wichtig, daß das dynamische Wachstum in China anhält. Ist dies nicht der Fall, könnten die Rohstoffpreise sehr stark korrigieren und das Pendel könnte dann auch für Rußland in die entgegen gekehrte Richtung ausschlagen.

Wie stehen Sie der russischen Börse im Zeichen der Yukos-Krise gegenüber?

Putins politische Machkonzentration in Kombination mit der wirtschaftlichen Machtkonzentration bei den Oligarchen bereitet sicherlich so manchen westlichen Großanleger und Analysten Kopfzerbrechen und der Fall Yukos ist im Zusammenhang mit dem Großaktionär Chodorkowskij, der noch mindestens bis Februar 2005 in Untersuchungshaft bleiben muß, sicherlich als „Politikum“ zu werten.

Einen zweiten Yukos-Fall - wie aus Kremlkreisen schon angedroht wurde- wäre für das Sentiment an der Börse Moskau fatal. Auch daß der KGB- und Staatseinfluß bei einigen strategisch bedeutsamen Unternehmen immer größer wird,wie zum Beispiel bei der Fluggesellschaft Aeroflot, wo ein EX-KGB-Offizier den Schwiegersohn von Jelzin im Management ablöste, und beim Gasmonopolisten Gazprom, wo der Staat durch den Merger mi Rosneft die Kontrolle über Gazprom bekommen wird, trifft auch nicht meinen Geschmack. Aber dieses verstehe ich dennoch als von Putin so gewollter Übergangsprozeß in eine regulierte Marktwirtschaft.

Im Moment wird China als Investmentland von vielen westlichen Investoren geradezu enthusiastisch beurteilt - oft ohne hinter die Kulisse zu schauen. In Rußland wird aber jede Maßnahme sehr kritisch und skeptisch beäugt. Ich meine Rußland braucht einen starken Mann, der aber Rußland - in verschiedenen Reformschritten - in eine liberale Marktwirtschaft und einem Rechtsstaat nach westlichen Maßstäben führt, von denen Rußland noch weit entfernt ist. Hier sind allerdings im Moment noch starke Kontrollelemente auch seitens des Staates notwendig, da es sonst zu wesentlich gefährlicherer Machtkonzentrationen in der Wirtschaft kommen könnte. Noch glaube ich an Putin als „Vertrauensmann“, aber ich halte es für richtig, wenn auch er mehr demokratisch kontrolliert wird. Die Pressefreiheit darf in Rußland nicht in Gefahr geraten, denn sonst fehlt ein wesentliches Kontrollelement.

Was sind die größten Vorurteile im Westen gegenüber dem Osten und den von dort stammenden Aktien?

Mangelnde Transparenz, mangelnde Liquidität und (zu) hohe Corporate Governance-Risiken, also die Mißachtung von Eigentumsrechten und Rechten der Minderheitsaktionäre. Alle Vorurteile stimmen nur sehr bedingt. So gibt es in Osteuropa durchaus eine ganze Reihe von Unternehmen, die vorbildlich berichten, sogar eigene Investor Relation-Abteilungen haben und sich ernsthaft bemühen, eine Unternehmens- und Aktionärskultur im westlichen Sinne aufzubauen. Auch ist die Liquidität zumindest bei den Top 5 Werten aus Rußland, Ungarn, Polen und Tschechien durchaus respektabel mit Tagesumsätzen von über fünf Millionen Euro.

Ein Vorurteil, das keins ist, weil es stimmt, ist die offensichtliche Korruption im Osten. Aber hier haben offensichtlich auch westliche Börsen und Unternehmen ihre Probleme. Solange Yukos ein Einzelfall bleibt und Auslandsdirektinvestitionen in Russland gefördert werden, hat auch Rußland die Chance, Vorurteile abzubauen. Und dies sind wiederum auch Chancen für die Anleger.

Das Gespräch führte Jürgen Büttner

Wer sich regelmäßig über die Börsen in Osteuropa informieren will, dem bietet Andreas Männicke eine Reihe von Möglichkeiten. So veranstaltet er regelmäßig Informationsveranstaltungen „Go East!“ wie demnächst wieder am 23.11.04 in Frankfurt und am 2.12.04 in Hamburg (ESIEastStock-Link). Neben Männicke referieren bei der Veranstalung in Frankfurt Odeniyaz Japarov vom Nestor Osteuropafonds und Steven Dashevsky, Chef-Analyst vom russischen Brokerhaus Aton

Zudem gibt Männicke seit November den Newsletter Eest Stock Trends heraus, der auch die Chancen an den Exotenbörsen beleuchtet.

Quelle: @JüB
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot