Interview

„Anleger könnten sich den kalten Krieg zurückwünschen“

19.04.2005
, 07:12
Marc Faber hat unter Pessimisten eine treue Fangemeinde
Neben dem Blick auf die Wirtschafts- und Gewinnentwicklung könnten Anleger angesichts der Spannungen zwischen Japan und China zunehmend auf geopolitische Risiken achten. So äußert sich zumindest Anlagestratege Marc Faber im Interview.

Die Finanzmärkte blicken mir Argusaugen auf die internationale Konjunktur- und Gewinnentwicklung. Angesichts hoher Erwartungen kann es schnell zu Enttäuschungen mit entsprechenden Konsequenzen kommen.

Das ließ sich in den vergangenen Tagen schon überdeutlich beobachten. Allerdings ist das nicht alles. Sondern auf Grund der jüngsten Spannungen zwischen China und Japan wird deutlich, daß neue geopolitische Elemente ins internationale „Anlagespiel“ kommen können.

FAZ.NET unterhielt sich aus diesem Grund mit Marc Faber. Er ist nicht nur bekannt als Anlagestratege mit überzeugenden Meinungen, sondern lebt schon lange Zeit in Asien und kennt aus diesem Grund die dortigen Mentalitäten recht gut.

Wie würden Sie die Lage an den Finanzmärkten aktuell einschätzen?

Grundsätzlich hat es seit neun Monaten eine Verknappung der Liquidität gegeben. Die Geldmenge in Amerika wächst zwar immer noch, aber nicht mehr so schnell wie zuvor. Auch die internationale Liquidität hat sich verringert, insbesondere in Asien. Das schafft ein Umfeld, das nicht mehr so günstig ist für die zuvor „inflationierten“ Vermögenswerte wie Aktien, Immobilien und auch Anleihen.

Gilt das auch für den Dollar?

Nein, der Dollar hat seit Jahresbeginn von dieser Entwicklung profitiert.

Wie sind die weiteren Perspektiven?

Ich rechne damit, daß dieses schwierige Umfeld für Vermögenswerte noch einige Monate andauern könnte. Insbesondere für die Aktien in Amerika. Kurzfristig jedoch sind bestimmte Märkte überverkauft und die Stimmung ist eher schlecht. Aus diesem Grund würde ich nicht ausschließen, daß in den kommenden 2, 3 Wochen eine gewisse Erholung stattfinden kann.

Welche Märkte sollte man als Anleger mittelfristig kritisch betrachten?

Die Schwellenländer, die Rohstoffwerte und auch die amerikanische Börse - sie vor allem auf Grund der relativ hohen Bewertung - sind in einem Umfeld einer knapper werdenden Liquidität am verletzlichsten. Gewisse defensive Werte, wie zum Beispiel die Pharmawerte, dürften weniger darunter leiden.

Wie würden sie den amerikanische Markt aktuell charakterisieren?

Die amerikanischen Ökonomen, auch Alan Greenspan, glauben im Großen und Ganzen, daß die amerikanische Wirtschaft gesund ist. Ich habe eine andere Ansicht und auch der Markt hat eine andere Ansicht. Wenn Unternehmen wie General Motors, Budweiser, Wal Mart und Harley Davidson zusammenbrechen, dann ist das kein sonderlich gutes Zeichen. Auch die Finanzwerte sind schwach geworden in jüngster Zeit - das ist einganz schlechtes Zeichen.

Da einerseits die Bewertungen hoch sind und andererseits die Erwartungen, kommt es leicht zu Enttäuschungen. Das hängt auch damit zusammen, daß viele Unternehmen die gestiegenen Energie- und Rohstoffkosten nicht an die Kunden weitergehen können. Auf diese Weise sinken die Margen. Außerdem stammen 50 Prozent der Gewinne der S&P-500-Unternehmen direkt oder indirekt aus dem Finanzbereich. Sie dürften bei einer knapper werdenden Liquidität fallen.

Das Wachstum würde sich abschwächen?

Wachstum ist nicht alles, sondern man muß sich auch die Qualität betrachten. Wenn man auf Deutschland 5 Billionen Euro regnen lassen würde, wie in Amerika, dann würde auch Deutschland für zwei bis drei Jahre deutlich wachsen. Denn die Leute würden das Geld gerne ausgeben. Allerdings wäre die „Wachstumsqualität“ miserabel, da es nicht auf Investitionen beruhen würde. Durch Konsum kann man kein nachhaltiges Wachstum erzielen, sondern nur durch die Ersparnisse. Schon gar nicht, wenn man noch mehr ausgibt als man verdient, wie es die Amerikaner tun.

Sie meinen damit die tiefe Sparquote und das Leistungsbilanzdefizit?

Ja genau. Außerdem messen die Amerikaner Wachstum anders als die Europäer. Hedonische Verfahren lassen das Wachstum günstiger und die Inflationsrate tiefer erscheinen, als sie es sind. Ich nehme an, daß die Inflationsrate eher bei fünf Prozent liegt in Amerika als bei den offiziellen 2,9 Prozent.

Wie lange wird das Ausland Amerika noch finanzieren?

Das wenigste Geld kommt von Privatanlegern. Das meiste kommt von den asiatischen Zentralbanken. Deren Präsidenten sind nicht sonderlich intelligent und außerdem haben sie die Wechselkurse als Ziel.

Wie lange können die Europäer tolerieren, daß sich Asien auf diese Weise Wettbewerbsvorteile verschafft, was auch zur Abwanderung von Arbeitsplätzen führt?

Für Europa ist der starke Euro ein Problem, da es eher unter Deflation als unter Inflation leidet. Er ist gegen den Dollar leicht und gegen die asiatischen Währungen deutlich überbewertet. Aus diesem Grund sollten europäische Anleger ihre Euro verkaufen und möglichst sofort in Asien investieren.

Nehmen wir die europäische Automobilindustrie - sie leidet doch unter den günstigen Preisen, zu denen Unternehmen wie Toyota oder auch Hyundai anbieten können ..

... das ist allerdings in erster Linie ein Problem der europäischen Gewerkschaften und Regierungen, der Bürokratie allgemein, die die Löhne, die Lohnnebenkosten und sonstige Gebühren zu stark in die Höhe getrieben hat.

Das heißt, Europa wäre auch ohne die Währungsnachteile nicht wettbewerbsfähig?

Schauen Sie, jetzt wurde das Quotensystem für Textilien abgeschafft. Das führt dazu, daß Sie die Textilindustrie in Europa und Amerika in den kommenden fünf Jahren völlig abschreiben können.

... es sein denn, die Unternehmen verlagern die Arbeitsplätze nach China..

.. das tun sie sowieso. 48 Prozent der Importe nach Amerika aus China stammen von amerikanischen Unternehmen, die in China produzieren.

Wie lange kann das noch gutgehen?

Das Leistungsbilanzdefizit Amerikas beträgt etwa sechs Prozent der Bruttosozialproduktes. Das kann nicht ewig andauern. Ich glaube aber nicht, daß die Anpassung über die Währung ausgelöst werden kann. Denn dann müßte der Dollar etwa 90 Prozent seines Wertes einbüßen. Sie kann nur über den amerikanischen Konsumenten laufen. Die Korrektur kann ausgelöst werden, wenn sie keine zusätzliche Kaufkraft mehr aus ihren Vermögenswerten herausziehen können. Oder, wenn Greenspan sieht, daß die Wirtschaft nicht mehr läuft und wieder mehr Geld druckt.

In dem Moment wird der Rentenmarkt das Vertrauen in die Politik verlieren. Zweitens wird der Dollar zusammenbrechen. Der schwache Dollar wird die Konsumentenpreise anheizen. Sie wiederum werden die Reallöhne sinken lassen, was sich wiederum negativ auf den Konsum auswirken kann.

Es kann dann zu einer Hyperinflation in Verbindung mit einer Rezession kommen. Das wäre schlecht für Anleihen und auch Aktien. Die Ungleichgewichte dürften kaum korrigiert werden ohne eine Krise. Ob die Krise inflationär oder deflationär sein wird, hängt von der amerikanischen Geldpolitik ab. Ich rechne angesichts der Erfahrung mit einer Kombination von Inflation und Rezession.

Kann die Krise nicht aus einer ganz anderen Richtung kommen, beispielsweise einer „geopolitischen“?

Natürlich. Amerika ist wirtschaftlich international nicht wettbewerbsfähig. Gleichzeitig sind die Chinesen und Inder zu Konkurrenten geworden in der Welt für Rohstoffe, insbesondere für Öl. Da China und Indien nur bedingten Zugang haben zu Ölreserven in politisch stabilen Ländern, haben sie sich mit Ländern wie Venezuela, dem Sudan und auch dem Iran befreundet. Das zeigt die Richtung auf. Ich denke, daß die Finanzmärkte zunehmend besorgt sein werden über geopolitische Spannungen.

Gilt das auch für die Spannungen zwischen China und Japan?

In Asien haben sich die Amerikaner stark mit den Japanern verbündet. Das mißfällt den Chinesen. Die Spannungen werden immer dann zunehmen, wenn die Rohstoffpreise steigen, denn dann machen sich einige Staaten Sorgen über die Beschaffung von Rohstoffen. Wenn die Amerikaner permanente Basen in Afghanistan einrichten sollten, dürften auch die Russen nervös werden. Ich kann mir Zeiten vorstellen, in denen sich die Anleger den Kalten Krieg zurückwünschen werden. Denn damals war einigermaßen sicher, daß sich keiner bewegt.

Das Gespräch führte Christof Leisinger

Quelle: @cri
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