Interview

„Asiatische Aktien und Währungen sind eine sichere Wette“

01.07.2005
, 17:41
Fondsmanager Mark Mobius
Die Emerging Markets beeindrucken durch ihre Dynamik vor allem im Vergleich mit dem relativ trägen Europa. Sie bieten Anlegern mittel- und langfristig interessante Chancen, so Fondsmanager Mark Mobius im folgenden Interview.
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Die Emerging Markets, die jungen Volkswirtschaften Osteuropas, Asiens, Afrikas oder Lateinamerikas, beeindrucken durch ihre Dynamik vor allem im Vergleich mit dem relativ trägen Europa.

Sie bieten Anlegern mittel- und langfristig interessante Chancen, so der bekannte Experte und Fondsmanager Mark Mobius im folgenden Interview. Er ist Managing Director von Templeton Asset Management und Chef der Templeton Emerging Markets Group, die schon im Jahr 1987 einen der ersten weltweit anlegenden Emerging Markets Fonds auflegte. Er und sein Team suchen vor allem nach unterbewerteten Aktien. Diesen Papieren geben sie bis zu fünf Jahre Zeit um ihren Wert zu entfalten.

Die Finanzmärkte scheinen sich im Moment in der besten aller Welten zu fühlen. Sie unterstellen „für immer“ tiefe Zinsen, nachhaltiges Wachstum, hohe Produktivität, steigende Gewinne - Optimismus pur. Würden sie dem zustimmen?

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Nicht voll. Es gibt natürlich gewisse Sorgen über das amerikanische und das globale Wachstum. Die Einkaufsmanagerindizes sowohl in Amerika als auch in Europa haben nachgegeben und das deutet normalerweise auf schwächeres Wachstum. Aus diesem Grund sollte man das im Auge behalten.

Was würde das für die Märkte bedeuten?

Die Anleger werden sicherlich vorsichtig sein und die Entwicklung genau verfolgen. Gleichzeitig dürften sie jedoch bestehende Positionen halten und hier und da vorsichtig zukaufen.

Bezieht sich das auf alle Märkte?

Ich rede von den Emerging Markets, denn sie sind deutlich interessanter als beispielsweise die amerikanischen Börsen. Die Bewertungen sind immer noch attraktiv. Natürlich ist es wichtig, dabei selektiv auf die richtigen Unternehmen zu setzen. Schließlich schlagen sich manche besser als andere. Das gilt selbst für amerikanische Unternehmen, die zum Teil gute Geschäfte in den Schwellenländern machen und sich deswegen gut entwickeln können.

Einzelne Favoriten können und wollen Sie sicherlich nicht nennen, aber auf welche Branchen setzen Sie?

Wir schauen im Moment genau auf den Konsumbereich und auf die Rohstoffunternehmen.

Glauben Sie nicht, daß der Rohstoffboom im Moment überzogen ist?

Nein, das denken wir nicht. In diesem Bereich gibt es noch deutlichen Raum für Wachstum. Natürlich bewegen sich die Rohstoffmärkte unterschiedlich, so daß man die im Blick halten muß. Aber breit aufgestellte Rohstoffunternehmen sind sicherlich eine gute Wette.

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Gilt das auch für das Öl?

Der Ölpreis überrascht alle. Viele gingen davon aus, daß er wieder zurückgehen würde, aber bisher war das nicht der Fall. Als Resultat scheinen die Marktteilnehmen langsam aufzuwachen und die Realität wahrzunehmen. Und die ist, daß manche dieser Rohstoffpreise nicht allzubald fallen dürften. Das bedeutet nicht, daß wir mit endlos steigenden Preisen rechnen, aber wenn man den schwachen Dollar berücksichtigt, so dürften sie hoch bleiben.

Ist das eine Art von „Dollarinflation“?

Ja, auf eine gewisse Weise ist es das. Denn wer über Dollar verfügt und damit Rohstoffe kaufen muß, bekommt die hohen Preise direkt zu spüren.

Bedeutet das, daß China, das über große Dollarreserven verfügt, nun zu einem Teil Rohstoffe kauft, statt amerikanischen Treasuries?

Auf Grund der Liquidität kommt China grundsätzlich zwar kaum an Treasuries vorbei. Aber wir verfolgen das sehr genau und sehen, daß sie ihre Devisenreserven zunehmend breiter diversifizieren. Dasselbe gilt auch für viele andere Banken rund um die Welt.

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Was ist Ihr Eindruck, in welche Richtung diese Diversifikation geht?

Das große Problem großer Banken ist, Wertpapiere und Aktien in großen Volumina kaufen zu können. Man hat das Problem mit dem Huhn und dem Ei. Wenn etwas interessant und liquide ist, kann man es kaufen. Sonst nicht.

Wie verhalten Sie sich und nach welchen Kriterien suchen sie ihre Investments aus?

Wir haben sowohl so genannten Private Equity Fonds, die direkt investieren als auch solche, die nur Aktien von Rohstoffunternehmen kaufen. Bei den Kriterien steht an erster Stelle das Management. Gehen sie ehrlich mit den Anlegern um, ist das Unternehmen gut geführt? Dann schauen wir auf die voraussichtliche Gewinnentwicklung in den kommenden fünf Jahren. Schließlich schauen wir uns sehr sorgfältig die Bilanzen der Unternehmen an und prüfen ihre „Gesundheit“.

Das ist sicherlich in manchen Ländern ein hartes Stück Arbeit?

Oh, es ist weltweit ein Problem, gute Informationen rechtzeitig zu erhalten. Das ist nicht nur auf die Schwellenländer beschränkt. Denn wie Sie wissen, haben viele Unternehmen und ihre Buchhalter dazu tendiert, die Anleger hinters Licht zu führen. Zumindest in der Vergangenheit. Das wird die Anleger in der Zukunft deutlich sorgfältiger hinschauen lassen.

Können Sie kurz etwas sagen zu den verschiedenen Schwellenländermärkten?

Im Moment sitze ich gerade in Moskau und betrachte den Markt sehr sorgfältig. Er bewegt sich zwar seitwärts und wir investieren angesichts der politischen Situation sehr vorsichtig. Aber generell haben wir aber den Eindruck, es ließen sich noch interessante Chancen finden. China ist nach wie vor hochinteressant und entwickelt sich rasant, auch nach Indien blicken wir mit starkem Interesse und Brasilien wecken nach wie vor unsere Begeisterung. Das sind die Märkte, auf die wir uns konzentrieren, das bedeutet jedoch nicht, daß wir nicht auch in anderen Staaten aktiv sind.

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Denken Sie, das Wachstum in Rußland und China läßt sich im aktuellen Tempo halten?

Nein, langfristig wird es sich sicherlich verlangsamen. Denn die Basis wird immer größer, was zu einem abnehmenden Basiseffekt führt. Aber bei der Größe dieser Staaten ist ein Wachstum von drei oder vier Prozent immer noch enorm und führt zu einem deutlichen Zuwachs an Wohlstand.

Rechnen Sie mit einem zweiten „Fall Yukos“ in Rußland?

Nein. Ich denke, die Administration hat die Oligarchen deutlich genug gewarnt, sich aus der Politik herauszuhalten.

Sie hatten von Anzeichen für ein schwächeres weltwirtschaftliches Wachstum gesprochen. Stellt das kein Risiko für China und seine enormen Exporte dar?

Wenn sich das Wachstum in den Vereinigten Staaten und Europa abschwächt, wird das natürlich die Exporte Chinas und anderer asiatischer Nationen beeinflussen. Das Interessante ist jedoch, daß der heimische Konsum in China wächst. Aus diesem Grund sind Unternehmen, die diesen Markt bedienen, attraktiv. Daher kommt unsere Vorliebe für Konsumwerte.

Ist das die offizielle chinesische Politik?

Ja, die Regierung legt mehr und mehr Wert auf das Binnenwachstum. Das ist in unseren Augen eine wichtige Entwicklung, die wir nicht nur sehr genau verfolgen, sondern von der wir auch profitieren wollen.

Ist das nicht auch eine Art von Strategie, um den Aufwertungsdruck auf die Währung zu mindern?

Ja, wie ich immer wieder gesagt habe ist der Yuan unterbewertet gegen den Dollar und wird irgendwann angepaßt werden. Die Frage ist allerdings wann. Das könnte morgen schon sein oder auch erst Ende des Jahres. Diese Frage wird bewußt offengehalten, um Spekulationen zu vermeiden. Sicher ist nur, daß die Chinesen in Zukunft etwas tun wollen.

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Würde das die Rolle Chinas im Welthandel nicht ändern, da die dort produzierten Waren weniger wettbewerbsfähig werden würden?

Sie werden trotzdem noch sehr, sehr kompetitiv bleiben. Denn der Preisvorteil, den sie haben und die zunehmende Produktivität werden lange nicht ausgeglichen von einer Aufwertung um zehn oder auch 15 Prozent. Es wird zwar einen gewissen Effekt geben. Die Leistungsbilanzproblematik wird sich jedoch verschlimmern, da die Staaten weltweit weiterhin chinesische Produkte kaufen, dabei aber höhere Preise zahlen werden.

Gilt das auch für die Nachbarlände Chinas, denn auch ihre Währungen dürften doch aufwerten müssen?

Was passieren wird ist, daß der Handel mit China wird zunehmen wird. Und zwar schneller als der Handel mit Amerika oder Europa. Faktisch werden diese Staaten von einer Aufwertung Chinas profitieren. Natürlich sind auch diese Währungen gegenüber dem Dollar unterbewertet und werden zulegen. Der koreanische Won hat es in den vergangenen Monaten schon deutlich vorgemacht.

Ihr Grundton ist ziemlich optimistisch. Sehen Sie keine Risiken, wie zum Beispiel das amerikanische Leistungsbilanzdefizit?

Natürlich, die amerikanische Leistungsbilanz, das Budgetdefizit und der enorme Konsum stellen Risiken dar für die Welt. Wir verfolgen die Entwicklung genau, immerhin sind die Vereinigten Staaten noch die wichtigste „Wachturmsmaschine“.

Was müßte getan werden, um sie zu reduzieren?

Erstens müßte der Konsum deutlich gebremst werden. Zweitens müßte mehr in den Kapitalstock und damit in die Produktivität investiert werden. Langfristig muß mehr Geld in die Ausbildung und in Forschung und Entwicklung gesteckt werden. Schließlich sollten die Immigrationsregeln gelockert werden, um mehr Leute aus anderen Ländern zur Einwanderung in die Vereinigten Staaten zu verleiten.

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Was erwarten Sie von der amerikanischen Zentralbank, wird sie die Zinsen weiter erhöhen?

Alles hängt ab von der Glaubwürdigkeit der Notenbank und der Regierung. Sollten sie sie erhalten können und in der Lage sein, ihre Anleihen weiterhin zu verkaufen, hätte die Fed unter Umständen sogar den Luxus, die Zinsen gegebenenfalls wieder zu senken. Wenn nicht, könnte sie gezwungen sein, den Leitzins weiter und weiter zu erhöhen, um das ausländische Interesse an den Treasuries aufrecht zu erhalten.

Denken Sie nicht, die Renditen sind weltweit zu tief, angesichts der steigenden Rohstoffpreise?

Es kommt auf das Land und die Währung an. In vielen Staaten geht die Inflation zurück. Gleichzeitig spielen die Rohstoffe bei den Inflationsindizes keine sonderlich starke Rolle. Sie werden vor allem von den Nahrungsmitteln dominiert. Und dort und auch bei der Bekleidung fallen die Preise. Sollte jedoch der Dollar wieder unter Druck geraten, weil das Land ein starker Importeur ist, dann würden die Importpreise in Amerika anziehen und die Notenbank möglicherweise zu Zinserhöhungen zwingen.

Wie schätzen Sie die Währungsseite ein?

Alles was ich sagen kann, daß der Dollar gegen einen breiten Korb von Währungen weiter abwertet. Er hat sich zwar zwischenzeitlich gegen den Euro etwas erholt, aber sowohl Dollar als auch der Euro werden deutlich gegen die asiatischen Währungen abwerten.

So ist es in ihren Augen eine sichere Wette, langfristig auf asiatische Währungen und Aktien zu setzen?

Ja, auf jeden Fall.

Die Börsen in Arabien haben in den vergangenen Monaten deutlich zugelegt. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Börsen wie in Ägypten sind sehr enge Märkte. So ist es kein Wunder, daß sie nach oben laufen. Dabei spielt auch das Geld im Nahen Osten eine Rolle, das früher nach Amerika ging. Es wird heute zu einem großen Teil in der Region investiert. Nicht nur, weil die Anleger Angst davor haben, daß es aus Terrorismusgründen konfisziert werden könnte. Sondern auch auf Grund des schwachen Dollars.

Wir sprachen schon über Risiken. Sehen sie welche, abgesehen von den makroökonomischen Ungleichgewichten?

Es gibt viele Risiken. Am schlimmsten sind die, mit denen man nicht rechnet. Das können Naturkatastrophen sein oder auch die politischen Spannungen zwischen Japan und China oder zwischen Amerika und dem Iran. In Europa scheint es neuerdings auch Risken zu geben, da die Europäische Union nicht so kohäsiv zu sein scheint, wie lange Zeit gedacht. Gleichzeitig scheinen in Deutschland und Frankreich politische Umwälzungen anzustehen.

Was muß in Europa verändert werden, um mehr Wachstum zu erhalten?

Europa muß sehr zügig reformieren und die Märkte liberalisieren. Deutschland beispielsweise kann mit Restriktionen wie im Einzelhandel oder mit den unbeweglichen Gewerkschaften nicht mit Ländern konkurrieren wie Polen, die nicht nur solche Einschränkungen nicht kennen, sondern auch noch die Steuern senken. Das Land muß sich wieder deutlich stärker auf seine Produktivität konzentrieren.

Das Gespräch führte Christof Leisinger

Quelle: @cri
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