Interview

Bijou Brigitte: „Die Expansion geht weiter“

23.06.2005
, 12:58
Bijou Brigitte-Vorstand Gert Koetke
Der deutsche Einzelhandel ist in der Krise. Manchen Firmen geht es aber blendend, zum Beispiel Bijou Brigitte. Der Aktienkurs hebt ab, denn das Unternehmen wächst deutlich und hochprofitabel, so Vorstand Gert Koetke im FAZ.NET-Interview.
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Die Geschäfte in deutschen Einzelhandel laufen generell nicht sonderlich gut. Das zeigt sich unter anderem an der Krise bei KarstadtQuelle und an manchen populistischen Forderungen, die Kaufkraft der Bevölkerung zu erhöhen.

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Was sich so leicht und eingängig liest, stimmt allerdings nur zum Teil. Denn die Geschäfte bei manchen Firmen laufen blendend. Zum Beispiel bei Aldi, Lidl, Media Markt und Saturn. Oder auch bei Bijou Brigitte. Das Hamburger Unternehmen steigerte gerade in den vergangenen Jahren Umsatz und Gewinne deutlich. Der Aktienkurs scheint keine Grenzen zu kennen. Das Papier hat alleine in den vergangenen zweieinhalb Jahren knapp 300 Prozent zugelegt.

Die Zeichen für weitere Kursgewinne scheinen nicht schlecht zu sein. Denn das profitable Wachstum des Unternehmens hält an. Davon ist Vorstand Gert Koetke im folgenden Interview überzeugt.

Ohrschmuck von Bijou Brigitte
Ohrschmuck von Bijou Brigitte Bild: Bijou Brigitte

Der Einzelhandel jammert in Deutschland und bei Ihnen gehen Umsätze, Gewinne und auch der Börsenkurs durch die Decke. Wie können Sie sich das erklären?

Auf eine kurze Formel gebracht, haben wir allerhand verbessert an unserem Vertriebssystem. Wir haben ein neues Filialkonzept, mit dem wir am Markt auftreten, wir haben sehr gute Marketingaktionen, wir haben die trendgerechten Artikel in jeder Saison, wir haben ein funktionierendes Computersystem - das Kunststück unseres Geschäftes liegt darin, den richtigen Artikel in der richtigen Anzahl zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu haben.

Das bei etwa 9.000 Artikeln auszutarieren, ist nicht einfach. Vor allem auch wenn man berücksichtigt, daß 60 Prozent dieser Artikel einmal jährlich wechseln, weil sie saisonal oder modisch orientiert sind.

Hat sich dieses System im Laufe der Zeit entwickelt?

Richtig, wir verkaufen schon seit 40 Jahren Modeschmuck, und wir optimieren das Geschäftsmodell ständig. Wir sind von der Improvisationsphase in die Professionalitätszone übergegangen. Wir sind mittlerweile so gewachsen, daß wir uns aus jedem Fachgebiet Profis leisten können. Zusammen mit einem Lean Management ergibt das den Erfolg.

Was heißt Profis?

Das bedeutet spezialisierte Personen, sei es im Marketing oder im IT-Wesen. Gerade das Warenwirtschaftssystem spielt eine starke Rolle, da wir Massen bewegen. Mittlerweile ist die Zuständigkeit für die Logistik, die zuvor am Rande mitlief, im Vorstand angesiedelt.

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Wo kommen die Produkte her, die Sie verkaufen?

Zwei Drittel unserer Produkte stammen von unseren eigenen Designern. Seien es eigene Ideen oder die Vervollständigung oder Veränderung fremder Ideen. Ein Drittel sind reine Handelsware. Sie kann jeder beziehen, wenn er die richtige Einkaufsquelle gefunden hat.

Wo findet man denn die richtigen Einkaufsquellen?

In Fernost. Der Schwerpunkt liegt in China, aber wir beziehen auch waren aus Korea, von den Philippinen, Indien und so weiter. Wir beziehen unsere Waren jedoch weltweit, auch aus Europa. Das Schwergewicht liegt jedoch eindeutig in Fernost.

Das heißt, da hat man satte Margen auf den Produkten?

Auf jeden Fall. Allerdings muß man die Margen im Unternehmen auch halten können, denn der Schwund ist leider, leider, leider nicht unerheblich.

Es wird viel geklaut?

Ja leider. Es gibt 95 Prozent grundehrliche Menschen, von denen leben wir - wir alle. Drei Prozent befinden sich in der Grauzone, das sind die Gelegenheitsdiebe und zwei Prozent sind professionelle Klauer. Sie stehlen immer und für alle anderen mit.

Sie sagten, das Sortiment wechsle ziemlich häufig - und entscheidend sei, den richtigen Trend zur richtigen Zeit zu finden. Wie machen Sie das?

Wir machen jetzt gerade die Trendforschung für die Frühjahr- und Sommerkollektion des Jahres 2006 zu machen. Die Herbst- und Winterkollektion ist längst abgeschlossen und wird Ende des Monats auf einer Pressekonferenz vorgestellt.

Was sind die kritischen Faktoren, um die Trends aufzuspüren?

Wir müssen alle Modemessen der Welt besuchen, wir sind Mitglied im Deutschen Modeinstitut und wir besichtigen auch in anderen Ländern die Schaufenster und schauen, was dort angesagt ist. Wir müssen genau wissen, welche Farben und Formen in der kommenden Saison angesagt sind.

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Ihre Leute müssen also ihre Nase ständig „im Wind“ haben?

Ja, sie sind vollkommen voraus und werden bei der Vorstellung einer neuen Kollektion abgelichtet und zitiert in allen Frauenzeitschriften.

Das ist „günstiges“ Marketing!

Das kann man so sagen. Betrachtet man Beispielrechnungen, was das kosten würde, wenn man inserieren müßte, so würde Ihnen schwindlig davon werden.

Wo investieren Sie in Werbung?

Werbung, das sind unsere Schaufenster. Wir dekorieren alle drei Wochen konzerneinheitlich um und nehmen jeden Anlaß war, um ihn werbetechnisch in Szene zu setzen, und unsere passenden Artikel dazu zu präsentieren.

Das heißt, es gibt Umsatzschwerpunkte im Laufe des Jahres?

Ja, der Weihnachtsmonat ist beispielsweise ein doppelter Umsatzmonat. Die „Sommerlöcher“, die wir bisher immer hatten, werden ausgeglichen, indem wir in anderen Ländern tätig sind. Zum Beispiel in Spanien, wo wir inzwischen mehr als 200 Filialen haben.

Wie viele Filialen haben Sie insgesamt?

734 sind es inzwischen.

Und voll auf Expansionskurs?

Ja, wir werden im laufenden Jahr etwa 100 neue Filialen eröffnen - wie in den vergangenen beiden Jahren schon.

Sie haben mittlerweile eine eingespielte „Expansionsmannschaft“?

Wir sind sowohl in Bezug auf Qualität und auch der Quantität der Mannschaft in der Lage, das Expansionstempo durchzuziehen. Wir erschließen im laufenden Jahr auch zwei neue Länder. Wir haben gerade in Frankreich begonnen und im Herbst wird Griechenland dazukommen.

Die „Wachstumsgeschichte“ geht also weiter im selben Tempo wie bisher?

Ja, das haben wir vor. Und ich sehe nichts, was dagegen sprechen sollte - alles aus eigener Finanzkraft, wir benötigen keine Kredite.

So ein erfolgreiches Geschäftsmodell muß doch die Konkurrenz anziehen?

Aber selbstverständlich tut es das. Zeigen Sie mir einmal ein Warenhaus, das keinen Stand mit Modeschmuck hat. Es gibt zum Beispiel auch die Firma Six, die auch Läden an vielen Ecken hat. Allerdings hat sie ein anderes Konzept, das nicht jeden Kunden anspricht. Wir haben die Kunden zwischen drei und 83 Jahren - und sie die Kunden zwischen 15 und 23. Es gibt auch Firmen Venus oder Claires - jeder hat sein eigenes Konzept. Wir respektieren sie, aber wir haben keine Angst vor Ihnen. Wir konzentrieren uns vor allem auf den eigenen Erfolg.

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Sie kaufen in Asien ein, sehen Sie gewisse Risiken mit Blick auf die Wechselkurse oder möglichen Protektionismus?

Wir machen unsere Preise, wenn wir die Produkte einkaufen. Zu diesem Zeitpunkt wissen wir, wie die Kurse sind. Das heißt, sie fließen in die Preise ein. Auf der anderen Seite sind unsere Einkaufsquellen und auch unsere Verkaufsmöglichkeiten so breit diversifiziert, daß sich immer Ausweichmöglichkeiten ergeben.

Wann ging das Unternehmen an die Börse?

Firmengründer Friedrich-Wilhelm Werner ist in den vergangenen Tagen geehrt worden für seine „Schuhputzer“- oder „Tellerwäscherkarriere“. Seit 42 Jahren ist er dabei. Das Unternehmen wurde 1987 in eine Aktiegesellschaft umgewandelt und ging 1988 an die Hamburger und im Jahr 1989 an die Frankfurter Börse.

Nach dem Börsengang stieg der Aktienkurs relativ verhalten. Wie läßt es sich erklären, daß der Kurs in den vergangenen drei Jahren so angezogen hat?

Zum einen waren wir jahrelang unterbewertet - und plötzlich entdeckte der Markt die Nebenwerte. Wir haben eine enorme Ertragskraft, die sich alleine schon an der Steigerung der Dividendenausschüttungen der vergangenen Jahre zeigt. Gleichzeitig haben die Umsätze im ersten Quartal um 34 Prozent zugenommen und davon 14 Prozent flächenbereinigt. Das heißt auf den angestammten Flächen und bei der gleichen Personalausstattung.

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Das ist günstiges Wachstum.

Ja, aus diesem Grund haben wir eine entsprechende Ad-hoc-Meldung veröffentlicht nach dem ersten Quartal. Solche Zahlen führen im Markt natürlich zu einer gewissen Phantasie, nachdem wir im vergangenen Jahr schon einen Gewinn je Aktie von 5,85 Euro erwirtschaftet haben.

Das Gespräch führte Christof Leisinger

Quelle: @cri
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