Interview

„Blasen haben Amerikas Wirtschaft langfristig nie geschadet“

27.10.2005
, 06:22
Nobelpreisträger Vernon L. Smith
Die hohen Immobilienpreise in den Vereinigten Staaten und der Ölpreis werfen die Frage auf, wie gut die Preisfindung in unregulierten Märkten wirkt. Nobelpreisträger Vernon L. Smith sieht Kursblasen im FAZ.NET-Interview jedoch positiv.

Die hohen Immobilienpreise in Amerika und die stark gestiegenen Ölpreise werfen wieder einmal die Frage auf, wie gut die Preisfindung in unregulierten Märkten funktioniert. Ein Wissenschaftler, der dem Zusammenspiel der Kräfte auf Märkten sein Lebenswerk gewidmet hat, ist der Amerikaner Vernon L. Smith.

Der Professor für Wirtschaft und Recht an der George Mason Universität in Virginia wurde im Jahr 2002 für seine Forschung zum Thema der experimentellen Ökonomie gemeinsam mit Daniel Kahnemann mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Mit seinen grauen Haaren und Pferdeschwanz sieht der 78 Jahre alte Amerikaner eher wie ein Altrocker aus als wie ein Top-Wissenschaftler. In Europa tritt Smith als Berater der Liechtenstein Global Trust (LGT) Bank in Liechtenstein in Erscheinung.

Herr Professor Smith, können Sie Spekulationsblasen etwas Gutes abgewinnen?

Ich sehe Spekulationsblasen durchaus positiv. Sie helfen bei der Finanzierung von Innovationen, und sie werden typischerweise auch selbst durch Innovationen angeschoben. Neuen Firmen mit neuen Technologien wird frisches Kapital zur Verfügung gestellt. Der Ausgang dieser Prozesse ist aber unvorhersehbar und ungewiß. Ein solches Umfeld begünstigt das Entstehen von Blasen. Immer wenn neue Technologien entstehen, scheitern viele Unternehmen, einigen Gesellschaften gelingt aber der Durchbruch, und sie schaffen so enorme Werte und Reichtum. Man erinnere sich nur an die Entstehung der Eisenbahnen in Amerika. Der amerikanischen Wirtschaft haben Blasen, langfristig gesehen, nie geschadet. Und weil die amerikanische Wirtschaft so innovativ ist, besteht sogar eine höhere Wahrscheinlichkeit für Spekulationsblasen als an anderen Börsen.

Gibt es bestimmte Märkte, die besonders effizient oder ineffizient sind?

Vergleichsweise gut schneiden die Konsumgütermärkte ab. Hier bildet sich meistens sehr schnell ein Gleichgewicht. Die Marktteilnehmer brauchen dazu wenig Erfahrung und Informationen, und sie müssen auch nicht viel von Ökonomie verstehen. Alle Kapitalmärkte, wie etwa die Aktien- oder Immobilienmärkte, sind dagegen ineffizient. Spekulationsblasen gibt es immer dann, wenn sich die Marktteilnehmer Gedanken über den zukünftigen Wert der gehandelten Waren machen müssen. Dieser Prozeß der Entscheidungsfindung ist mit großen Unsicherheiten behaftet. Was die Diskussion um die gestiegenen Ölpreise angeht, ist dieser Preisanstieg aus meiner Sicht übrigens vermutlich vornehmlich durch das sich verknappende Verhältnis von Angebot und Nachfrage am Ölmarkt bestimmt.

Der Forderung nach einer staatlichen Reglementierung der Ölpreise können Sie folglich wenig abgewinnen?

Von staatlichen Eingriffen in die Preisfindung beim Öl halte ich wenig. So etwas gab es auch schon einmal in Amerika. Eines der größten Probleme einer solchen Vorgehensweise ist es, wie dann der Verteilungsschlüssel aussehen soll. Ich kenne kein besseres System als den freien Markt. Er bringt riesige Vorteile in Sachen Wissens- und Arbeitsteilung mit sich und schafft über die Arbeitsteilung große Werte. Selbst in Märkten mit dezentraler Informationsverteilung entsteht früher oder später ein Gleichgewicht. Es dauert in der Regel nur einige Zeit, bis die Marktteilnehmer die Spielregeln verstanden haben. Im Kampf gegen die Entstehung von Spekulationsblasen hilft letztlich nur eine ausreichende Erfahrung der Marktteilnehmer. Auch die Ölpreise werden sich früher oder später wieder einpendeln. Die hohen Preise führen nämlich dazu, daß nach anderen Energiequellen gesucht und geforscht wird.

Sehen Sie derzeit irgendwo ein Marktsegment, das Züge einer spekulativen Blase trägt?

Ja, im amerikanischen Wohnimmobilienmarkt gibt es eine Blase, zumindest in manchen Regionen. Wenn man die Preise mit den Einkommen und den Mieten vergleicht, dann kann man in diesem Bereich durchaus von einer spekulativen Blase sprechen. Alle wissen im Grunde genommen, daß die Preise zu hoch sind, aber keiner verhält sich entsprechend. In unseren Labortests gab es solche Verhaltensweisen auch zu beobachten. Keiner der Teilnehmer will in so einer Situation verkaufen, weil alle hoffen, daß es noch weiter nach oben gehen wird. Für einige Teilnehmer zahlt sich diese Strategie sogar aus, vor allem für jene mit einem guten Timing. Am amerikanischen Aktienmarkt sehe ich im übrigen keine Blase.

Eine Spekulationsblase dieser Art ist aber doch bestimmt nicht positiv zu werten - oder?

Natürlich sind nicht alle Spekulationsblasen gutartig. Bestimmte Blasen können auch ein Problem sein. Bei der Blase auf dem amerikanischen Immobilienmarkt handelt es sich um eine solche Kreatur. Ihre Entstehung hat aber auch viel mit steuerlichen Anreizen zu tun. So hat die Möglichkeit, Gewinne aus Verkäufen von bis zu 500 000 Dollar aus Immobilien steuerfrei zu vereinnahmen, den Herdentrieb entscheidend mitbegünstigt.

Auch bei der Versteigerung der UMTS-Lizenzen in Deutschland hat der Markt offenbar versagt. Wie können derartige Auktionen aus Ihrer Sicht besser gestaltet werden?

Darauf gibt es keine einfache Antwort. So wie die Auktionen gehandhabt wurden, dienten sie nicht dazu, langfristige Werte zu schaffen. Es ist einiges schiefgelaufen. Man hätte das Ganze besser organisieren müssen. Unter anderem ist es wichtig, die Waren, um die es geht, auch nach der Auktion weiterhin handeln zu können.

Sie favorisieren ein Steuersystem, das ausschließlich den Konsum besteuert. Was steckt hinter dieser Idee?

Das Steuersystem sollte keine Anreize dahingehend setzen, daß manche Anlageklassen dadurch bessergestellt werden. Nur der Konsum sollte besteuert werden, Einkünfte wie Kapitalgewinne sollten dagegen steuerfrei bleiben. In Amerika gibt es übrigens einen derartigen Gesetzentwurf, der genau in Richtung Konsumbesteuerung geht. Er beinhaltet aber natürlich eine Klausel, die das Existenzminimum berücksichtigt. Ein solches Steuersystem ist folgerichtig. Es ist falsch, Ersparnisse und Investitionen zu besteuern, denn die tun einiges für die Wirtschaft und helfen so dem Allgemeinwohl.

Das Gespräch führte Jürgen Büttner

Quelle: F.A.Z., 27.10.2005, Nr. 250 / Seite 21
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