Interview

„Der Nikkei hat 50 Prozent Potential nach oben“

18.08.2003
, 06:19
Hedgefondsmanager Michael Thomas
Der Nikkei befindet sich deutlich im Aufwind. Im FAZ.NET-Interview zeigt sich Hedgefonds-Manager Michael Thomas von Martin Currie weiterhin sehr optimistisch. Das ist interessant, denn seine Performance stimmt.

Mit deutlichen Kursgewinnen machen nicht nur die europäischen und amerikanischen Börsen Freude, sondern auch der Nikkei legte seit Mai etwa 30 Prozent zu. Manche Beobachter führen zur Begründung Wachstumsimpulse an.

FAZ.NET wollte es genauer wissen und unterhielt sich mit Michael Thomas von der schottischen Fondsboutique Martin Currie. Er ist schon knapp 30 Jahre in diesem Markt und verwaltet seit dem Jahr 2000 einen auf Japan spezialisierten Hedgefonds. Seit dieser Zeit hat er eine Rendite von 25 Prozent erzielt, während der Markt gleichzeitig knapp 50 Prozent verlor.

In jüngster Zeit ist mit Blick auf die japanische Wirtschaft und die Börse richtiggehender Optimismus ausgebrochen. Wie schätzen sie die Lage ein?

Wir betrachten die japanische Börse ziemlich optimistisch.

Aus welchen Gründen?

Es gibt mehrere. Die japanische Börse befand sich in einer strukturellen Abwärtsbewegung auf Grund von Angebots- und Nachfrage-Ungleichgewichten. Und die scheinen sich langsam aufzulösen. Banken und Lebensversicherer traten in den vergangenen zehn Jahren als strukturelle Verkäufer von Aktien auf. In diesem Jahr werden sie sehr wahrscheinlich nur die Hälfte von dem verkaufen, was sie noch im vergangenen Jahr auf den Markt brachten und im kommenden Jahr dürfte es sich wieder halbieren. Die Verkäufe dürften insgesamt langsam auslaufen.

Wieso mußten sie die ganze Zeit verkaufen?

Ganz einfach, sie hatten zu viele Aktien in ihren Depots. Die Banken vergaben Kredite an Unternehmen und übernahmen als Sicherheit Aktien. Sie bemerkten irgendwann, daß sie sich zu viele Risiken eingehandelt hatten und begannen zu verkaufen. Dazu wurden sie auch von der Regierung gezwungen. In einer starken Wirtschaft war das kein Problem, auf Grund der schwachen Konjunktur und der zunehmenden Insolvenzen verschlechterte sich die Bilanzstruktur immer mehr und das erhöhte den Verkaufsdruck. Bei Lebensversicherern sieht es ähnlich aus. Auf der einen Seite müssen sie Leistungen garantieren auf der anderen hatten sie zu viele Aktien - das passte nicht zusammen. Auch sie mußten bei fallenden Kursen ständig verkaufen. Manche Gesellschaften haben den Aktienanteil im Portfolio von 22 auf fünf Prozent reduziert.

Das genügt aber sicherlich noch nicht, um wieder in japanische Aktien zu investieren?

Nein, aber auch die Gewinne sprechen für den Markt. Obwohl die Konjunktur schwach ist, steigen die Unternehmensgewinne im Verhältnis zur Produktion. Vor allem auf Grund von Kostensenkungen dürften sie auch im laufenden und kommenden Jahr um jeweils zehn Prozent steigen. Im vergangenen Jahr sind die operativen Gewinne - allerdings ausgehend von einer tiefen Basis - um 48 Prozent gestiegen.

Wieso ist dann die Börse trotzdem gefallen?

Das ist der dritte Grund für unsere Erwartung. Normalerweise entwickeln sich Gewinne und Aktienkurse in die gleiche Richtung, im vergangenen Jahr war das nicht der Fall. Hauptssächlich auf Grund der schwachen Entwicklung an den Weltbörsen. Dabei ist die Gewinnentwicklung in Japan deutlich besser als in Europa oder in Amerika. Dazu kommen steigende Dividenden. Das macht Aktien im Vergleich mit Anleihen hoch interessant und dürfte zu einer deutlichen Erholung führen. Statt Gewinne auszuschütten können Unternehmen nun auch Aktien zurückkaufen, die Ankündigungen belaufen sich auf etwa zwei Prozent des gesamten Marktes.

Wo sind wir und wo gehen wir hin?

Wir sind aktuell bei einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 18,5 bis 19 und bei einem Preis zu Buch-Verhältnis von 1,1 bis 1,3. Wir gehen davon aus, daß die japanische Börse innerhalb der kommenden zwei Jahre um 30 bis 50 Prozent steigen kann.

Welche Branchen sind interessant?

Die, bei denen das Gewinnwachstum hoch und die Bewertung tief ist. Wenn die Gewinne steigen, nehmen die Investitionen zu. Es gibt schon Anzeichen dafür, daß alte, abgenützte Maschinen ersetzt werden. Davon profitiert der am Boden liegende Maschinenbau. Zum anderen ist das der IT-Sektor. Dazu kommt China, das seine Infrastruktur verbessert und dafür japanische Produkte nutzt.

Im Konsumbereich setzen wir auf das Ersetzen alter Fernsehgeräte durch solche mit Flachbildschirm. Ich weiß nicht, ob die japanischen, koreanischen oder taiwanesischen Hersteller die Gewinner sein werden. Aber das entscheidende und komplexeste Teil ist die Beschichtung. Und dort haben japanische Firmen 80 Prozent des Weltmarktes. Wir haben eine große Position in Nitto Denko und seinen Zulieferern, wie etwa JSR oder Zion.

Interessant sind die Hersteller digitaler Kameras wie etwa Canon, aber auch die Fahrzeughersteller und deren Zulieferer, wie Denso und Aisin Seiki. Die japanischen Autohersteller wie Honda und Toyota sind die besten der Welt. Sie und ihre Zulieferer weiten ihre Marktanteile ständig aus.

Haben sie eine Meinung zum japanischen Rentenmarkt?

Japan ist weltweit einer der größten Gläubigernationen. Gleichzeitig ist allerdings die Verschuldung im Inland bezogen auf das Sozialprodukt extrem hoch. Damit ist die entscheidende Frage, wann die japanischen Anleger nicht mehr bereit sind, diese Anleihen zu kaufen. Der Auslöser für einen Kurssturz wird nicht aus dem Ausland, sondern aus Japan selbst kommen.

Was kann ihn auslösen?

Die japanische Regierung kann ihr riesiges Schuldenloch nur über eine Inflation füllen. Im Moment gibt es allerdings eine Deflation. Die Frage ist damit, wann die abebben wird. Und das kann noch ein paar Jahre dauern. Gleichzeitig wird sich der riesige Handelsbilanzüberschuß in den kommenden fünf Jahren in ein Defizit verwandeln. Denn ähnlich wie in Deutschland und anderen Ländern exportiert die japanische Industrie die Arbeitsplätze zunehmend ins Ausland, um dann die dort billig produzierten Güter zu importieren.

Was heißt das für den Yen?

In den kommenden Jahren werden die Einnahmen aus Übersee zunehmen und den Yen in der Tendenz stärken. Aber die Notenbank wehrt sich mit Interventionen. Ich denke, der Yen wird nur aufwerten, wenn gleichzeitig die Bindung des chinesischen Renminbi an den Dollar aufgehoben wird. Denn 70 Prozent der japanischen Deflation kommt aus China. Was die Japaner deswegen am meisten interessiert, ist die Yen-Renminbi-und damit auf Grund der festen Bindung die Dollar-Yen-Relation.

In dem Moment, in dem die Deflation endet und der Handelsbilanzüberschuß zu einem Defizit wird, dürfte der japanische Rentenmarkt zusammenbrechen und der Yen sich abschwächen.

Das Gespräch führte Christof Leisinger

Quelle: @cri
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