Interview

„Der Yuan wird bis Februar um fünf Prozent aufwerten“

17.11.2004
, 12:04
Jim O'Neill, Chefökonom von Goldman Sachs
Nach dem neuen Rekordhoch des Euro gegen den Dollar stellt sich die Frage, wie es weitergehen wird. Jim O'Neill, Chefökonom von Goldman Sachs, schließt Interventionen der Europäischen Zentralbank nicht aus, wie er im Interview sagte.
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Nach mehreren Anläufen scheint es dem Euro am Mittwoch gelungen zu sein, die Marke von 1,30 Dollar nachhaltig zu überwinden. Nun stellt sich die Frage, wie es weitergehen wird. Im folgenden Interview schließt Jim O'Neill als Chefökonom von Goldman Sachs Interventionen der Europäischen Zentralbank nicht völlig aus. Die EZB werde allerdings nur dann einschreiten, wenn sich die asiatischen Währungen nicht bewegen.

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Gleichzeitig wagt er die Prognose, daß die asiatischen Staaten ihre Interventionen reduzieren werden und daß China den Yuan in den kommenden Monaten um fünf Prozent aufwerten wird.

Sie sind schon eine ganze Weile sehr „bearish“ für den Dollar. Der Euro tat sich mit der Marke von 1,30 Dollar jedoch sehr schwer. Woran liegt das?

Der Markt weiß, daß weder die Europäische Zentralbank noch europäische Politiker es mögen, wenn der Euro teurer als 1,30 Dollar wird. Er weiß auch, daß das europäische Wachstum wirklich schwach ist. Aus diesem Grund tut sich der Markt schwer damit, noch begeisterter für den Euro zu werden, als er es schon ist.

Was bedeutet das?

Wir befinden uns zumindest kurzfristig in einer schwierigen Sackgasse: Der Markt will eigentlich den Dollar verkaufen, denkt, bei den asiatischen Währungen blockiert zu sein, und fürchtet, beim Euro in die Falle zu laufen, da er schon so stark gestiegen ist. Im Prinzip sucht der Markt nach neuen Währungen, gegen die er den Dollar verkaufen kann. Grundsätzlich blickt der Markt jedoch mit einem gewissen Respekt auf das, was die europäischen Politiker in jüngster Zeit sagten.

Welche Möglichkeiten hätten sie denn, das Marktgeschehen zu beeinflussen?

Wir können uns an das Frühjahr erinnern, als der Euro schon einmal über die Marke von 1,29 Dollar gestiegen war. Damals hatte die Europäische Zentralbank sehr heftig verbal interveniert und der Euro ging in der Folge zurück bis auf 1,24 Dollar. An solche Dinge erinnert sich der Markt manchmal sehr genau.

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Denken Sie, die Europäische Zentralbank könnte intervenieren, wenn der Euro zu stark steigen sollte?

Ich würde es nicht von der Hand weisen. Sollte der Euro über die 1,32 Dollar steigen und sollten sich gleichzeitig die asiatischen Währungen nicht bewegen, dann würde ich Interventionen für möglich halten.

Müssen sie nicht vielleicht sogar intervenieren?

Nein, wieso?

Weil alle Welt den Dollar vor allem gegen den Euro verkaufen würde, die Europäer aber eine Situation nicht akzeptieren könnten, in der vor allem Amerika und Asien gewinnen würden, während Europa nur Nachteile hätte.

Ich glaube nicht, daß die Europäische Zentralbank intervenieren muß. Denn es wäre für alle klüger, wenn die Europäer nicht versuchen würden, den Anstieg des Euro zu stoppen. Statt dessen sollten sie zusammen mit den Amerikanern den Druck auf Asien erhöhen, ihre Interventionen einzustellen. Denn dann würde der Druck auf den handelsgewichteten Euro verschwinden.

Denken Sie, es wird soweit kommen?

Es ist keine einfache Prognose, aber ich denke, es wird sogar schon bis Februar des kommenden Jahres soweit sein.

So früh?

Ja. Ich denke, das kommende G20-Meeting wird entscheidend werden. In der Folge werden die asiatischen Staate ihre Interventionen reduzieren und China wird die Bindung des Yuan an den Dollar lockern.

Was wird das für die Märkte bedeuten?

Der Dollar wird bis Februar unter 100 Yen fallen und der Euro wird über 1,35 Dollar steigen. Allerdings wird das dann kein Problem mehr sein, denn es ist nicht mehr nur der Euro alleine, der steigen wird.

Was bedeutet ein noch stärkerer Euro für die europäische Wirtschaft?

Er ist überhaupt kein Problem, wenn gleichzeitig auch der Yen entsprechend aufwertet. Denn in diesem Fall wird sich der handelsgewichtete Euro nicht bewegen. Ich sage unseren „Aktienleuten“ immer wieder, die Bedeutung des Euro-Dollar-Verhältnisses wird überschätzt. Ein starker Euro hat auch Vorteile für die europäische Wirtschaft. Vor allem dann, wenn die Rohstoffpreise steigen. Das Problem Europas ist nicht der starke Euro, sondern der geringe Binnenkonsum.

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Ist ein schwacher Dollar auf der anderen Seite nicht riskant für die amerikanische Wirtschaft, da die Importpreise steigen? Immerhin sahen wir am Dienstag deutlich steigende Produzentenpreise?

Es gibt gewisse Risiken. Angesichts der unausgewogenen amerikanischen Wirtschaft - das Leistungsbilanzdefizit ist in den vergangenen Monaten noch einmal deutlich angestiegen - ist ein schwächerer Dollar sehr sinnvoll.

Wird das amerikanische Wachstum nicht nachlassen, da die Preise steigen und die Zentralbank die Zinsen weiter erhöhen muß?

Die amerikanische Wirtschaft kann nicht ewig mit vier Prozent wachsen in Verbindung mit einem stetig zunehmenden Leistungsbilanzdefizit. Ein leicht geringeres Wachstum ist ein vernünftiger Preis, wenn man dafür mehr Nachhaltigkeit erreichen kann. Je länger die Anpassung verschoben wird, desto schwieriger und schwerwiegender wird der Anpassungsprozeß. Nachdem die bisherige Regierung wiedergewählt wurde, wäre es das beste, wenn sie möglichst früh damit beginnen würde.

Rechnen Sie damit?

Ja, die amerikanische Regierung sendet entsprechende Signale. Sie stehen nur offiziell zum „starken Dollar“. Was sie brauchen, das ist eine weitere Abwertung um zehn Prozent auf handelsgewichteter Basis. Das heißt, die asiatischen Währungen müssen sich stärker bewegen: Yuan, Yen und koreanischer Won müssen jeweils um zehn Prozent aufwerten. Der Euro ist gar nicht mehr so wichtig. China wird den Yuan bis Februar um fünf Prozent gehen lassen und ihn danach in einem Währungsband halten. Danach müssen wir weitersehen.

Was bedeutet das für die Börsen und die Rentenmärkte?

Es ist grundlegend gut für die amerikanische Börse, denn die multinationalen Unternehmen des Landes werden wettbewerbsfähiger und günstiger. Es ist auch positiv für die europäischen Rentenmärkte. Denn es erhöht den Druck auf die Europäische Zentralbank, nicht nur Zinserhöhungen zu vergessen, sondern möglicherweise sogar den Leitzins zu senken.

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Heißt das, daß sich die europäischen und die amerikanischen Rentenmärkte entkoppeln werden, da die amerikanischen Zinsen weiter steigen werden?

Ich denke ja, gewisse Anzeichen dafür sind jetzt schon auszumachen und wir könnten mehr sehen. Der amerikanische Rentenmarkt wird leicht unter Druck geraten, sowohl bei kurzen als auch bei langen Laufzeiten.

Besteht nicht die Gefahr größerer Turbulenzen, da der Markt schon ziemlich einseitig positioniert ist?

Wenn Asien seine Währungen nicht flexibler macht, dürfte das nicht ausgeschlossen sein. Aus Sicht eines Händlers wäre ich mit Positionen im Euro ziemlich vorsichtig, denn es ist immer gefährlich, sich an übervölkerten Plätzen aufzuhalten.

Auf welche Währungen würden Sie denn spekulieren?

Dollar gegen den koreanischen Won, Dollar gegen den taiwanesischen Dollar und den amerikanischen Dollar gegen den brasilianischen Real. Denn die Nachricht war hochinteressant, daß China in den kommenden zwei Jahren zehn Milliarden Dollar in Brasilien investieren wird. Das ist positiv für Brasilien.

Ein paar Worte noch zu China: Ist das Wachstum dort nachhaltig?

Das Wachstum läßt zwar etwas nach. Allerdings wurde es mit Absicht verlangsamt, um es nachhaltiger zu machen.

Können sich China und Japan stärkere Währungen leisten?

Ja, denn sie helfen, wirtschaftliche Turbulenzen zu vermeiden. China hat unter anderem Probleme mit zu schnell steigenden Preisen. Eine stärkere Währung wird helfen, die Preisentwicklung zu dämpfen. Für Japan ist ein stärkerer Yen gegen den Dollar überhaupt kein Problem, wenn gleichzeitig die chinesischen und die koreanischen Währungen aufwerten. In dem Moment, in dem sich alle gleichzeitig bewegen, ist es auch für alle akzeptabel. Das ist der Schlüssel.

Das Gespräch führte Christof Leisinger

Quelle: @cri
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