Interview

„Die russische Börse ist noch nicht ausgereizt“

14.09.2005
, 21:17
Peter Elam Håkansson von East Capital
Die Börsen in Mittel- und Osteuropa haben sich in jüngster Vergangenheit hervorragend entwickelt. Die Frage ist, ob es so weitergehen kann. FAZ.NET unterhielt sich mit Fondsmanager Peter Håkansson von East Capital. Er ist optimistisch.

Die europäischen Börsen haben sich in den vergangenen Wochen im Trend hervorragend geschlagen. Noch besser schnitten jedoch manche Märkte in den Schwellenländern ab. Zum Beispiel in Mittel- und Osteuropa.

Die Börse in Ungarn kann seit Jahresbeginn ein Plus von knapp 55 Prozent vorweisen, der russische RTS kommt in Dollar gerechnet auf einen Kursgewinn von 45 Prozent und auch die Märkte in Estland, Litauen und der Ukraine verzeichnen ein Plus von mehr als 40 Prozent.

Solche Kursgewinne scheinen an sich schon ein Phänomen zu sein. Sie werden allerdings von einzelnen Fondsmanagern sogar noch übertroffen. Zum Beispiel von Peter Elam Håkansson von der Fondsgesellschaft East Capital in Stockholm. Sein Rußlandfonds hat seit Jahresbeginn ein Plus von 69,4 Prozent erzielt und auch der Osteuropafonds kann sich mit einer Performance von 53,5 Prozent sehen lassen. Gründe genug, um sich mit Håkansson über die weiteren Perspektiven zu unterhalten.

Bild: FAZ.NET

Die mittel- und osteuropäischen Börsen laufen ziemlich gut und Ihre Fonds schneiden noch besser ab. Was sind die Gründe dafür und wie positionieren Sie Ihre Fonds?

Wir sehen immer noch Wachstumstrends in diesen Märkten, die stärker sind, als viele Experten prognostizierten. Ein Grund dafür ist der EU-Beitritt. Wie wir schon früher beim Beitritt Spaniens oder Portugals sehen konnten, führt dieser Effekt zu starkem Wachstum sowohl vorher, vor allem aber auch noch danach. Nun sehen wir, daß sich zum Beispiel die baltischen Staaten noch besser entwickeln als Spanien und Portugal. Ein zweiter Faktor sind die anhaltend hohen Rohstoffpreise, vor allem mit Blick auf das Öl. Sie treiben das Wachstum an und stimulieren in der Konsequenz den privaten Konsum in Ländern wie Rußland und Kasachstan.

Wird sich diese Entwicklung fortsetzen oder haben es die Finanzmärkte schon weitgehend vorweggenommen?

Ich denke momentan nicht, daß es die Finanzmärkte schon „eingepreist“ haben. Ich denke, der teilweise vollzogene und in anderen Staaten anstehende EU-Beitritt wird sich noch lange auswirken. Die meisten dieser Staaten haben noch ein sehr geringes Wachstum pro Kopf im Vergleich zu Europa oder Schweden. Sie werden noch einige Jahre von starken Investitionen profitieren. Das heißt, hier handelt es sich um einen langfristigen Trend.

Blicken wir auf das Öl, so hat der hohe Ölpreis dazu geführt, daß Rußland plötzlich wirtschaftlich sehr stark geworden ist. Die Währungsreserven sind höher als die Schulden, die sie innerhalb der kommenden Jahre komplett zurückzahlen wollen. So haben sich die Risikofaktoren dramatisch verringert. Nachdem sich das Land 1998 noch in einer Schuldenkrise befand, wird es bald schuldenfrei sein.

Soweit zu den ökonomischen Risiken. Wie sieht es aus mit den politischen? Ist ein zweiter „Fall Yukos“ möglich?

Ich denke, das war ein einmaliger Fall. Er führte dazu, daß die wahrgenommenen Risiken höher waren, als sie es tatsächlich waren. Dieser Effekt läßt zur Zeit allerdings rasch nach und das dürfte zur guten Entwicklung der russischen Börse im laufenden Jahr geführt haben.

Folglich wird es weitergehen?

Die russische Börse ist definitiv volatiler als etwa die baltischen oder mitteleuropäischen Börsen. Der Trend wird allerdings weiterhin sehr positiv sein.

Welches Land in Mittel- und Osteuropa würden sie als Anleger gegenwärtig vorziehen?

Wenn man die Bewertung und das Wachstumspotential betrachtet, so ist das eindeutig Rußland!

Auf welche Branchen würden Sie setzen?

Ich denke, der Finanzsektor ist sehr interessant, da sich das Bankensystem weiterentwickelt. Daneben ist aber auch der Einzelhandel hochinteressant. Diese beiden Bereiche dürften nach meiner Einschätzung sogar besser abschneiden als die Ölunternehmen, obwohl diese vom hohen Ölpreis getrieben werden.

Können Sie einige Unternehmen nennen, in die Sie investieren?

Ja, im Finanzbereich ist es Sberbank, die größte Sparkasse in Rußland. Im Einzelhandel ist ein Unternehmen namens OAO Seventh Continent interessant. Dabei handelt es sich um ein großes Nahrungsmittelshandelsunternehmen, das sehr schnell wächst. Einen näheren Blick ist auch AFK Sistema wert, ein Konglomerat im Telekommunikations-, Technologie-, Versicherungs-, Banken-, Immobilien- und Einzelhandelsbereich.

Wie sieht es aus mit den Bewertungen?

Nimmt man die aktuellen Gewinnprognosen der meisten Broker, so ist die russische Börse mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis zwischen sieben und acht bewertet. Das Interessante daran ist, daß viele der Gewinnprognosen einen Ölpreis unterhalb des aktuellen Niveaus unterstellen.

Um zurückzukommen zu den Risiken, wo liegen die Schwerpunkte?

Eindeutig auf der politischen Seite. Auch wenn das wahrgenommene Risiko in den vergangenen Monaten höher gewesen sein mag als das tatsächliche, so ist es doch da. Immerhin gibt es noch den Tschetschenien-Krieg und auch terroristische Attentate dürften jederzeit möglich sein.

Präsident Wladimir Putin befindet sich in seiner zweiten Amtsperiode und kann laut Verfassung keine dritte mehr anschließen. Was wird passieren?

Wir gehen davon aus, daß er die Verfassung nicht ändern wird. Sollte er versuchen, Präsident zu bleiben, könnte es turbulent werden. Im Unterschied zu anderen Staaten steht in der russischen Verfassung jedoch nicht, daß er nicht nach einer gewissen Pause zurückkommen kann. Er ist noch jung und könnte sich so auf Grund seines guten Rufes später wiederwählen lassen.

Was ist Ihr Eindruck? Ist das Wachstum bei der Bevölkerung tatsächlich spürbar, nimmt ihre Kaufkraft tatsächlich zu?

Ja. Und ich denke, dieser Effekt wird vielfach unterschätzt. Nimmt man die Penetrationsrate von mobilen Telephonen als Maßstab für die Wohlstandsverteilung, so lag sie bei Putins Amtsbeginn im Jahr 2000 bei einem Prozent. Im Jahr 2004 bei seiner Wiederwahl lag sie bei 25 und heute sogar über 70 Prozent. Das deutet darauf hin, daß der Wohlstand nicht mehr in den Händen der Oligarchen oder in den Gebieten um Moskau und St. Petersburg konzentriert ist, sondern sich über das ganze Land verbreitet hat.

Das zeigt sich auch daran, daß sich die beiden größten Einkaufszentren Europas in Moskau und nicht etwa in London oder Paris befinden. Es ist bei solchen Märkten nicht nur schwierig, Parkplätze zu finden, sondern man steht auch an der Kasse Schlange.

Das hat auch damit zu tun, daß die Einkommen zwar nicht sehr hoch sein mögen. Dafür sind jedoch die Steuern und die Ausgaben für Mieten - viele erhalten die Wohnungen im Rahmen der Privatisierung günstig - und Energie sehr tief. Das heißt, die Bevölkerung hat netto eine vergleichsweise hohe Kaufkraft.

Und - wie ist die Mentalität, nutzen die Leute sie auch?

Ja, im Gegensatz zu Deutschland oder Schweden wird in Rußland kaum gespart. Die Leute wollen den Lebensstandard rasch erhöhen.

Wie sieht es auch mit der russischen Industrie, abgesehen vom Rohstoffbereich? Profitiert er von der Nachfrage oder wird sie vor allem über Importe abgedeckt?

Im Raum Moskau oder St. Petersburg wird viel importiert. Aber was nützt ein Mercedes oder LKW, wenn man etwa in Sibirien Ersatzteile benötigt? Aus diesem Grund gibt es einige starke heimische Unternehmen. Gleichzeitig hat die Schuldenkrise im Jahr 1998 dazu geführt, daß diese Unternehmen Spielraum haben, um ihre Produkte und Prozesse zu verbessern. Sie konnten ihre Marktanteile wieder ausweiten. Vor allem bei Nahrungsmitteln und Konsumgütern beherrschen sie den Markt inzwischen vollständig. Das amerikanische Unternehmen Heinz war beispielsweise einmal Marktführer bei Ketchup. Inzwischen haben sie in St. Petersburg nur noch einen Marktanteil von zwei oder drei Prozent.

Wie schätzen Sie die mitteleuropäischen Märkte ein? Sie scheinen doch teilweise schon recht teuer geworden zu sein?

Ich denke, hier muß man unterscheiden. Wir sind nicht „scharf“ auf den polnischen Markt und halten ihn in Anbetracht der Bewertung und auch des Wachstums für überschätzt. Tschechien ist interessanter, dürfte allerdings schon viele Transformationen gesehen haben. Ungarn könnte interessant werden, denn die Zinsen sind sehr hoch und könnten herunterkommen. Allerdings müssen sie zuvor ihre Fiskalprobleme lösen. Interessanter dürfte es insgesamt sein, entweder nach Nordosten auf die baltischen Staaten oder nach Südosten auf den Balkan zu blicken.

Das heißt auf die Türkei?

Ja auf die Türkei, aber auch auf Kroatien und Serbien.

Serbien - ist das auf Grund der politischen Konstellation und auch der Vergangenheit nicht viel zu riskant?

Es ist eine Frage der wahrgenommenen Risiken. Sobald sie Absichten und konkrete Schritte haben, die Wirtschaft wachsen zu lassen, kann das Wunder bewirken.

Investieren Sie in diesen Regionen?

Absolut und sehr deutlich.

Gehen sie von einem EU-Beitritt der Türkei aus?

Ich bin nicht so sicher. Sie werden die Beitrittsgespräche beginnen, aber der Beitritt kann lange Zeit benötigen.

Besteht nicht die Gefahr, daß es in diesem Fall zu einem Rückschlag der Reformbemühungen kommen wird?

Sicherlich besteht sie. Allerdings haben sie schon gewaltige Fortschritte gemacht und viele werden nicht auf die inzwischen durch die Reformen erreichten Vorteile verzichten wollen.

Ist nicht die Religion ein kritischer Punkt?

Die Türken sind nicht viel religiöser als die anderen Mitteleuropäer und genauso pragmatisch. Die Manager der Unternehmen sind sogar sehr gut.

Was denken sie über die anderen Staaten wie Rumänien, Bulgarien und die Ukraine?

Die ersten beiden werden nach unserer Einschätzung im Jahr 2008 EU-Mitglieder werden. Die Märkte haben allerdings zumindest kurzfristig schon einen großen Teil vorweggenommen. Allerdings werden sich die Effekte längerfristig weiterhin positiv auf die Wirtschaft auswirken. Die Ukraine ist als Markt aufgrund der tiefen Bewertung und der großen Bevölkerung sehr interessant, aber auch äußerst riskant. Die Bevölkerung hat gezeigt, daß sie eigentlich in die EU möchte. Das könnte irgendwann möglich werden, allerdings eher später als früher.

Was würde mit den mittel- und osteuropäischen Märkten passieren, wenn der Weltkonjunktur die Puste ausgehen sollte und die Wall Street abtauchen sollte?

Sie werden davon nicht unbewegt bleiben. Allerdings ist die Korrelation dieser Märkte zu den etablierten Börsen nicht sehr ausgeprägt. Der Neubewertungsprozeß dürfte langfristig dominieren. In einem Portfolio kann man aus diesem Grund mit der Beimischung das Gesamtrisiko reduzieren.

Zu Ihrem Unternehmen: East Capital wächst rasant und kürzlich sogar ein Büro in Paris eröffnet. Kann das so weitergehen und wer sind ihre Klienten?

Ich hoffe, daß es so weitergehen wird. Wir verwalten im Moment mit 60 Leuten etwa 1,5 Milliarden Euro für 250.000 Kunden, etwa ein Drittel davon sind institutionelle Anleger. Wir sagen aber allen, daß es sich bei unseren Fonds um langfristige Anlagen handelt.

Das Gespräch führte Christof Leisinger

Quelle: @cri
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