Interview

„Erwartungen des Aktienmarktes an das Wachstum sind zu hoch“

19.10.2005
, 11:42
„Amerikanische Aktien sind nicht wirklich teuer”
Jan Hatzius, künftiger Amerika-Chefvolkswirt von Goldman Sachs, über mögliche Kursverluste von Aktien und Anleihen, das Risiko der Immobilienblase und die Rolle der Währungshüter.

Die Nachricht sorgt in der Finanzbranche für Aufsehen: Mit Jan Hatzius befördert die amerikanische Investmentbank Goldman Sachs einen Deutschen auf die Position des Chefvolkswirts für die Vereinigten Staaten. An der Wall Street sucht dieser Vorgang seinesgleichen.

Der 36 Jahre alte Ökonom ist bereits seit 1999 in der Goldman-Sachs-Zentrale in New York tätig und tritt vom 1. Dezember dieses Jahres an in die Fußstapfen seines Ziehvaters Bill Dudley. Im Jahr 1997 begann der in Hamburg aufgewachsene Hatzius im Frankfurter Büro der Investmentbank als Deutschland-Volkswirt.

Herr Hatzius, Sie werden wohl der erste deutsche Chefvolkswirt für die Vereinigten Staaten einer amerikanischen Großbank werden. Sehen Sie sich als Exot?

In Amerika ist meine deutsche Herkunft kein Thema. Dort hat man mich noch nie gefragt, warum ich amerikanischer Volkswirt in New York bin und nicht deutscher Volkswirt in Frankfurt. Es ist ja kein großer Unterschied, ob man nun Volkswirt in Europa oder Amerika ist, denn die theoretischen Zusammenhänge sind überall gleich.

Fühlen Sie sich der neuen Aufgabe gut gewachsen?

Es ist natürlich eine große Herausforderung. Mein Vorgänger Bill Dudley hinterläßt große Fußstapfen - er hat Goldman Sachs eine starke Position in diesem Bereich verschafft. Allerdings haben wir schon seit sechs Jahren in der Analyse der amerikanischen Wirtschaft zusammengearbeitet. Neu ist, daß ich in der Rolle sicherlich mehr mit der Öffentlichkeit zu tun haben werde als bisher.

An den Aktien- und Rentenmärkten ist es nach den kräftigen Kursgewinnen der vergangenen Jahre zuletzt wieder abwärtsgegangen. Rechnen Sie mit weiterem Druck auf die Märkte?

An den Aktienbörsen gab es eine zyklische Erholung. Auch sind die Unternehmensgewinne deutlich gestiegen. Die Nachhaltigkeit dieses Gewinnwachstums war vor allem im Jahr 2004 sehr beeindruckend. Amerikanische Aktien sind daher nicht wirklich teuer bewertet. Allerdings sind die Erwartungen des Aktienmarktes an das Wirtschaftswachstum zu hoch, weitere Kursrückgänge sind deshalb durchaus denkbar. Bei amerikanischen Staatsanleihen ist das aktuelle Zinsniveau von der angemessenen Risikoprämie nicht mehr so weit entfernt wie noch vor einiger Zeit. Dennoch dürfte bei langlaufenden amerikanischen Staatsanleihen der Zins von derzeit 4,5 Prozent bis Mitte 2006 auf vielleicht fünf Prozent steigen, was weitere Kursverluste bedeutet.

Der Wirbelsturm „Katrina“ hat das wirtschaftliche Leben in Amerika in einigen Bereichen stark beeinträchtigt und zu steigenden Öl- und Gaspreisen geführt. Welche Folgen hat das Ereignis für die amerikanische Wirtschaft?

Zunächst einmal sind die Ereignisse in New Orleans eine unermeßliche menschliche Tragödie. Aus volkswirtschaftlicher Sicht darf die Bedeutung von „Katrina“ jedoch nicht überschätzt werden, auch wenn sich die Gesamtschäden auf schätzungsweise 100 Milliarden Dollar belaufen. Zwar dürfte das Wachstum in diesem Jahr etwas geringer ausfallen als ursprünglich erwartet, denn in Teilen des Landes gibt es zur Zeit gar keine normale wirtschaftliche Tätigkeit mehr. Auch die gestiegenen Energiepreise belasten. Spätestens im Jahr 2006 sollten jedoch die erhöhten Ausgaben für den Wiederaufbau stimulierend wirken.

Ein Sorgenkind war ja lange Zeit auch der amerikanische Arbeitsmarkt. Wie beurteilen Sie die aktuelle Lage?

Es hat lange gedauert, bis sich der Arbeitsmarkt erholt hat. Aber das Beschäftigungswachstum ist wieder angelaufen. Aus Arbeitnehmersicht ist allerdings das reale Lohnwachstum nicht so gut gelaufen. Hier hat kein Ausgleich für die zunehmende Teuerung stattgefunden.

Aber rechnen Sie denn nicht mit Zweitrundeneffekten?

In geringem Umfang erwarten wir schon Zweitrundeneffekte. Nicht zuletzt dadurch könnte die Kerninflationsrate bis Ende nächsten Jahres von zwei auf 2,5 Prozent steigen. Das ist aber nicht besorgniserregend.

Den Währungshütern der amerikanischen Notenbank Fed scheint die Verbraucherpreisentwicklung aber Sorgenfalten auf die Stirn zu treiben.

In der Tat, doch ich gehe davon aus, daß die Inflation längerfristig niedrig sein wird, denn die Fed hat aus ihren gravierenden Fehlern der siebziger Jahre gelernt. Sie wird nicht mehr zulassen, daß die Kerninflation über 2,5 Prozent steigt. Wir erwarten daher, daß die Leitzinsen bis Mitte nächsten Jahres von derzeit 3,75 auf fünf Prozent angehoben werden - trotz der Befürchtungen, das könne den Wirtschaftsaufschwung gefährden.

Wird sich an dieser Geldpolitik unter dem künftigen Nachfolger des Notenbankchefs Alan Greenspan etwas ändern?

Unabhängig davon, wer letztlich die Nachfolge antritt, dürfte das Inflationsziel eine immer wichtigere Rolle spielen. Doch das kommt nicht von heute auf morgen. Einen Zeitrahmen von drei bis fünf Jahren halte ich für wahrscheinlich.

Wenn Sie ein vorläufiges Resümee ziehen: Was hat Greenspan in seiner 18jährigen Amtszeit erreicht?

Greenspan hat sich als ein geschickter geldpolitischer Taktiker erwiesen, der schnell und entschlossen auf die Veränderungen der kurzfristigen Markterwartungen reagiert. Damit hat er die „geldpolitische Feinsteuerung“ wieder salonfähig gemacht. Während seiner Amtszeit sind die Inflation und die Arbeitslosenquote in Amerika zurückgegangen, das Produktivitätswachstum und die Vermögenswerte dagegen stark gestiegen.

Was hätte er besser machen können?

Ein Punkt, den man sicherlich kritisieren kann, ist seine Einmischung in Bereiche, die nicht das ureigene Aufgabengebiet der Fed betreffen. Seine Befürchtungen waren zudem nicht immer begründet. Auch sein Umgang mit spekulativen Übertreibungen an den Finanzmärkten läßt Raum für Kritik. So wäre es angesichts des Immobilienbooms durchaus gerechtfertigt, die geldpolitischen Bedingungen stärker zu straffen als bisher.

Ist die Teuerung das Hauptrisiko für die amerikanische Wirtschaft?

Keineswegs. Ein viel größeres Risiko ist die Verquickung des Immobilienmarktes mit dem privaten Konsum. Durch die steigenden Immobilienpreise und dem damit verbundenen Zuwachs der Nettovermögen haben die Amerikaner ihre Spartätigkeit völlig zurückgefahren. Die Sparquote liegt unter Null. Für die langfristige Vorsorge ist aber eine Quote von sechs bis acht Prozent notwendig. Wenn die Vermögenszuwächse durch steigende Immobilienpreise versiegen, wird die Sparquote zunehmen, was zu Lasten des Konsums gehen wird. Eine Sparquote in der genannten Höhe würde pro Jahr ein bis zwei Prozentpunkte an Wirtschaftswachstum kosten.

Aber besteht nicht die Gefahr, daß die Fed mit ihrer Politik steigender Zinsen ebendiese Krise auslösen wird?

Ja, das mag sein. Aber was ist die Alternative? Die Frage ist doch, ob letztlich die Rechnung nicht noch viel höher ausfallen wird, wenn die Notenbank einfach abwartet. Denn eigentlich läuft die amerikanische Wirtschaft derzeit recht gut. Das ist der richtige Zeitpunkt, um die Luft langsam aus der Immobilienblase rauszulassen.

Wie sehr bereitet Ihnen Amerikas Leistungsbilanzdefizit Kopfzerbrechen?

Das Leistungsbilanzdefizit wird stets durch Zuflüsse ausländischen Kapitals finanziert werden. Der Preis dafür wird aber sein, daß der Dollar bei gleichzeitig steigenden Zinsen abwerten wird. Dann werden die Amerikaner mehr exportieren und die anderen Länder weniger Güter in Amerika verkaufen.

Derzeit wandert doch aber mehr Produktion aus Amerika in Billiglohnländer ab, als daß neue entsteht.

Es ist richtig, daß der Anteil der Güterproduktion an der gesamten Wirtschaftsleistung in den vergangenen Jahrzehnten stetig gesunken ist. Auch die jetzige Marke von 13 Prozent wird sich nochmals verringern. Aber ein gewisser Anteil der Produktion wird immer in Amerika verbleiben, anders kann die Leistungsbilanz gar nicht ausgeglichen werden. Es gibt zwar immer mehr handelbare Dienstleistungen wie zum Beispiel in der Softwarebranche. Aber es wird wohl noch eine Weile dauern, bis ein amerikanischer Bürger nach Indien fährt, um sich die Haare schneiden zu lassen.

Das Gespräch führten Kerstin Papon und Daniel Schäfer.

Quelle: F.A.Z., 19.10.2005, Nr. 243 / Seite 22
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