Interview

"Gute Unternehmen sind nur selten eine gute Anlage"

17.04.2005
, 17:07
Schwört auf Finanzaktien: Fondsmanager Andrew A. Davis
Andrew A. Davis verwaltet mit seiner Fondsgesellschaft über 60 Milliarden Dollar. Im Interview spricht er über die Anfänge seines Familienunternehmens, die Kunst des Geldanlegens und unvermeidliche Fehler.

Wenn es um amerikanische Standardwerte geht, gelten die Fonds von Davis als erste Wahl. Die Investmentgesellschaft wurde 1969 gegründet. Heute wird das Familienunternehmen in der zweiten Generation von Christopher und Andrew Davis geführt. Die Familie Davis und ihre Mitarbeiter haben selbst mehr als zwei Milliarden Dollar in ihre Fonds investiert, die heute 60 Milliarden Dollar schwer sind und jedermann offenstehen.

Die Manager von Davis setzen ebenso wie der legendäre Investor Warren Buffett auf Substanzwerte. Die Unternehmen müssen durch eine solide Bilanz und ein hervorragendes Management bestechen, damit sie möglichst jeden Abschwung ohne Blessuren überstehen, ja sogar in schlechten Zeiten wachsen können.

Der Flaggschiffonds von Davis wurde 1969 aufgelegt. Seither ist es dem Davis New York Venture Fund in sämtlichen Zehn-Jahres-Zeiträumen gelungen, den S&P 500 zu schlagen. Im Schnitt verdienten Anleger mit dem Fonds 13,5 Prozent im Jahr, während der S&P 500 immerhin 10,8 Prozent brachte. Der Parallelfonds des amerikanischen Erfolgsprodukts wird in Deutschland unter dem Namen Davis Value Fund (LU0067888072) vertrieben. Seine Wertentwicklung litt mitunter stark unter dem Verfall des Dollar.

Im Interview spricht Andrew A. Davis über die Anfänge seines Familienunternehmens, die Kunst des Geldanlegens und unvermeidliche Fehler.

Davis Funds gilt heute als ausgezeichnete Fondsgesellschaft für amerikanische Standardwerte. War das immer so, Herr Davis?

Unser Familienunternehmen wurde 1969 gegründet, zu einem extrem ungünstigen Zeitpunkt: 1972 bis 1974 waren schreckliche Jahre für Anleger. Damals leitete mein Vater die Geschäfte. Er war sehr jung, sehr aggressiv und sehr angetan von Technologieaktien. Er tat alles, wovon ihm mein Großvater abgeraten hatte, der mit Aktieninvestments reich geworden war.

Das ging nicht gut?

1974 hatte mein Vater 70 Prozent seines Vermögens verloren. Er kämpfte ums Überleben im Fondsgeschäft. Es war eine grauenhafte Zeit: Die Aktienkurse fielen Tag für Tag. Shelby M.C. Davis suchte Rat bei Benjamin Graham, einem der größten Investoren seiner Zeit.

Was riet ihm Graham?

Damals war ich noch nicht auf der Welt. Aber ich glaube, er hat ihm die Ohren langgezogen. Wie konnte er nur so riskant Geld anlegen! Warum hat er nicht getan, was sein Vater und Graham taten: auf grundsolide Substanzwerte setzen? Mein Vater kehrte zu seinen Wurzeln zurück. Seither verdienten er und seine Kunden außerordentlich viel Geld.

Wann sind Sie in das Fondsgeschäft eingestiegen?

Mein Bruder und ich haben lange Zeit nicht für Davis Funds gearbeitet. Nach dem Studium arbeitete ich zehn Jahre lang für Paine Webber, erst 1993 begann ich bei Davis. Mein Bruder tat das schon einige Jahre früher.

War das ein leichter Schritt?

Davis war vor zwölf Jahren, als ich dazustieß, eine sehr kleine Firma, die nicht einmal eine Milliarde Dollar managte. Heute sind wir sehr viel größer. Heute scheint es selbstverständlich, daß wir eingestiegen sind; damals sah das anders aus.

Was unterscheidet Davis von anderen Fondsgesellschaften?

Fidelity und Templeton beispielsweise bieten ungeheuer viele Fonds an. Wir wollten immer nur eine kleine Zahl von Fonds verantworten, die wir aber mit größter Sorgfalt pflegen. Es steckt ja unser eigenes Geld darin!

Wieviel?

Von den 60 Milliarden Dollar, die wir verwalten, stammen zwei Milliarden von der Familie.

Was machen Sie mit dem Geld?

Wir suchen gute Aktien. Das ist nicht so einfach, wie viele Menschen glauben. Es gibt viele großartige Unternehmen, aber nicht alle sind eine großartige Geldanlage. Denken Sie an Cisco! Das ist ein phantastisches Unternehmen, aber nur ein bescheidenes Investment. Deshalb verwenden wir die meiste Zeit darauf, herauszufinden, wieviel wir für ein Unternehmen zahlen wollen, wieviel es wert ist.

Haben Sie eine Daumenregel?

Wir lieben Firmen, die um zehn bis zwanzig Prozent im Jahr wachsen. Dafür zahlen wir das Zehn- bis Fünfzehnfache des Gewinns.

Ihr Konkurrent Tweedy Brown nimmt derzeit kein frisches Geld mit der Begründung, es gebe keine attraktiven Aktien mehr. Sie werden noch immer fündig?

Es ist nicht allzu schwer, einen guten Platz für neues Geld zu finden. Finanzaktien zum Beispiel sind nicht teuer. Wir glauben an ihre Zukunft und haben die Hälfte unseres Kapitals in Werte wie American Express, HSBC, J.P. Morgan Chase und Citigroup investiert. Sie verfügen über das beste Produkt der Welt: Geld. Geld wird nie überflüssig, jeder will es haben, es überschreitet jede Grenze. Die Leute eröffnen Bankkonten, ein Depot, kaufen Versicherungen.

Die steigenden Zinsen bereiten Ihnen kein Kopfzerbrechen?

Ihr Einfluß auf Finanzaktien wird überschätzt. Viel größere Sorgen machen mir die zahllosen Derivate, die auf dem Markt sind. Sie sind extrem gefährlich. Warren Buffett hat sie aus gutem Grund Massenvernichtungswaffen genannt. Nicht jedes Unternehmen kann damit umgehen, nicht alle haben verstanden, welche Risiken sie da eingegangen sind.

Wie lange bleiben Aktien in Ihrem Depot?

Im Idealfall halten wir für immer an einer Aktie fest. Das passiert natürlich nur selten. Im Schnitt besitzen wir einen Wert sieben Jahre.

Warum so lange?

Es ist wie mit Kindern: Zunächst sind sie noch klein und hilflos. Je größer sie werden, desto mehr lernen sie dazu. Meine siebenjährige Tochter kann heute vieles, was vor einem Jahr undenkbar war. Bei Unternehmen ist das nicht anders: Sie besitzen gewisse Fähigkeiten, Gewinne zu machen - und im Lauf der Zeit gelingt das auch.

Sie haben aber nicht nur begabte Kinder?

Die besten Vermögensverwalter treffen in sechseinhalb von zehn Fällen die richtige Entscheidung. Dreieinhalb Investitionen mißlingen. Wenn irgendjemand behauptet, er macht keine Fehler, laufen Sie weg! Er lügt.

Wie gehen Sie mit Fehlern um?

Wir haben da eine wunderbare Tradition: Wenn wir Mist gebaut haben, kaufen wir eine physische Aktie und hängen sie, hübsch eingerahmt, an die Wand. Darunter steht, eingraviert auf einer kleinen Tafel, was wir aus dem Fehler gelernt haben. Wir nennen es unsere persönliche "Kunstsammlung".

Haben Sie ein Beispiel für Ihre "Kunst"?

Die Papiere von Waste Management mußten wir sogar zweimal aufhängen. Wir fanden das Müllgeschäft des Unternehmens wundervoll. Müll gibt es immer, egal, was die Konjunktur macht. Wir haben die Aktie zu einem guten Preis gekauft, und sie stieg - bis aufflog, daß das Management betrogen hat. Das hätten wir erkennen müssen - Lektion Nummer eins.

Und Nummer zwei?

Die Aktie fiel, und wir hielten an ihr fest. Doch unsere Kunden bedrängten uns, und wir verkauften auf dem Tiefpunkt. Die Lehre daraus: Auch wenn es unsere Kunden schmerzt, müssen wir an Aktien festhalten, von denen wir überzeugt sind. Dieser Fehler soll nie wieder passieren, aber wir werden neue machen. Mit Fehlern ist es wie mit Müll: Es gibt genug davon.

Das Gespräch führte Catherine Hoffmann

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.04.2005, Nr. 15 / Seite 51
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