Interview

„Hedge Fonds-Sorgen“ - ein Sturm im Wasserglas

27.05.2005
, 06:35
Stanley Fink, CEO der Man Group plc
Hedge Fonds sind im Gespräch. Nicht nur wegen der Diskussion über Heuschrecken, sondern auch wegen Gerüchten über mögliche Schieflagen. Stanley Fink, CEO der Man Group, relativiert manche Argumente.

Die Aktie des irischen Hedge-Fonds-Unternehmens MAN Group gehörte in den vergangenen Jahren zunächst zu den "Highflyern" an der Börse. In den vergangenen Monaten kam es jedoch zu gewissen Konsolidierungstendenzen.

Sie dürften mit Gerüchten über Schieflagen in Verbindung zu bringen sein, vor allem aber auch mit einer vielfach eher enttäuschenden Entwicklung dieser Anlagevehikel in jüngster Zeit. Das zeigt sich auch an den Ertragszahlen des Unternehmens. Die verwalteten Mittel und die Verwaltungs- und Brokeragegebühren konnten zwar deutlich gesteigert werden, jedoch gingen die Performancegebühren um knapp 50 Prozent zurück.

Grund genug, sich mit Stanley Fink zu unterhalten. Er ist Vorstandschef der Man Group, einem der größten unabhängigen Anbieter der Branche weltweit.

Sie präsentierten heute gute Zahlen für das vergangene Geschäftsjahr, der Markt machte sich jüngst jedoch gewisse Sorgen über die weiteren Wachstumsaussichten, festgemacht an der schwachen Performance und deutlich sinkenden Performancegebühren.

Blickt man auf den Kursgewinn unserer Aktie mit einem Plus von gerade 83 Pence oder 6,8 Prozent, so ist das der größte Kursgewinn innerhalb eines Tages seit mehr als einem Jahr. Daraus kann ich keine sonderlich starke Sorge des Marktes ablesen.

Ja, aber das ist eine kurzfristige Reaktion. Denken Sie, die Bedenken waren überzogen?

Es ist überhaupt nicht zu bezweifeln, daß wir bei manchen unserer Fonds in der jüngeren Vergangenheit eine schwache Performance gesehen haben. Die Zahlen über drei, fünf Jahre oder länger sind dagegen sehr gut und robust. Und genau das sind Gott sei Dank die Zeiträume, auf die sich die meisten unserer Kunden stützen, wenn sie unsere Produkte kaufen.

Seit etwa einem Jahr sind die Bedingungen für unseren Hauptstil, das sind die Managed Futures, nicht sonderlich günstig. Richtungslose Märkte und scharfe Trendbrüche sind in der Tendenz schlecht für uns.

Auf der anderen Seite ist unser grundlegendes Geschäftsmodell jedoch robust. Wir können den Gewinn noch deutlich steigern. So konnten wir die Gebühren für das Fondsmanagement im vergangenen Jahr um knapp 34 Prozent steigern. Und obwohl die Performancefees deutlich eingebrochen sind, konnten wir unsere Einnahmen aus dem Borkerage-Geschäft um knapp 21 Prozent steigern. Der Gewinn je Aktie ist um 28 Prozent auf 181 Pence gestiegen.

Rechnen sie mit einer Verbesserung der Marktbedingungen?

Die Erfahrung zeigt, daß sich die Märkte - wir handeln 120 unterschiedliche - von ihrem Verhalten her in vier bis fünf Gruppen einteilen lassen. Sie reagieren in der Regel auf bestimmte Szenarien. Wenn es den Vereinigten Staaten gelingen sollte, ihre Defizite in den Griff zu bekommen und wenn es gleichzeitig nicht mehr zu terroristischen Zwischenfällen kommt, kann man grundsätzlich eine sehr positive Grundentwicklung sehen. Und die Schlüsselmärkte würden darauf reagieren.

Sollte Amerika jedoch seine Defizite nicht in den Griff bekommen und sich gleichzeitig die geopolitische Lage verschlechtern, könnte der Dollar in einer Spirale nach unten gehen und damit die Finanzmärkte in die Bredouille bringen. Im Moment sind die Marktteilnehmer noch unentschlossen. Ich denke, in den kommenden sechs Monaten könnte das Bild klarer werden zu neuen Trends führen.

Wie würden Sie die verschiedenen Szenarien „spielen“?

Wenn ich positiv wäre, würde ich in Long-Short-Aktienfonds investieren. Denn sie würden mehr bringen als der Markt, wenn er nach oben ginge und sie würden weniger verlieren als der Markt, wenn es nach unten ginge. Wenn ich pessimistisch wäre, würde ich in eines unserer Produkte investieren, die negativ korreliert sind zum Markt.

Es gehen zur Zeit Gerüchte um, daß manche Hedge Fonds schief liegen, pleite gehen oder zumindest viel Geld verlieren könnten. Was sagen Sie dazu und wie behandelt die MAN Group die Risiken?

Vor noch sechs oder sieben Jahren hätten wir herumtelefonieren müssen, um die detaillierten Risikoposition der damals etwa 100 Fondsmanager, mit denen wir handeln, abzufragen und zu prüfen. Das tun wir zwar heute auch noch, aber mehr als 100 der heute 200 bis 300 Fondsmanager und damit 20 Milliarden der 43 Milliarden Dollar an verwalteten Mitteln haben wir auf so genannten „Managed-Account-Plattformen“. Mit ihrer Hilfe können wir auf Tagesbasis beobachten, wie ein breiter Querschnitt der Manager positioniert ist und wie stark sie so genannten GM-Carry-Trades und anderen Arbitragestrategien ausgesetzt sind, über die sich viele Leute heute Sorgen machen.

Und wie sieht es aktuell aus?

Manche Dinge, über die sich der Markt Sorgen macht aktuell, würden die meisten unserer Dachfonds gerade einmal um ein paar Basispunkte bewegen. Wir denken, das ist ein Sturm im Wasserglas. Die Hauptverlierer der ganzen Geschichte sind jene Anleger, die „ungehedged“ GM-Anleihen wegen ihrer hohen Rendite gekauft haben. Dazu zählen Pensionskassen und ich glaube, die Investmentbanken haben auch ziemlich viele davon in ihren Beständen. Hedge Fonds dagegen scheinen sich mehrheitlich vernünftig verhalten zu haben. Es mag zwar einige kleinere geben, die ein Problem haben, weil das Risikomanagement nicht richtig kalibriert war oder weil sie sich auf diese Papiere konzentriert haben. Aber wir glauben nicht so richtig daran.

Es gibt Stimmen, wie zum Beispiel Warren Buffett, die vor Kreditderivaten warnen und dabei auf Intransparenz und die Risikokonzentration bei einigen wenigen Banken verweisen ...

In Zeiten, in denen die Banken die Risiken noch in ihren Büchern hielten, hätte ein Konkurs wie bei Worldcom den ganzen Finanzbereich in die Pleite treiben können. Das Aufkommen der Kreditderivate hat dazu geführt, daß die Risiken viel weiter gestreut sind: Manche werden von Anlegern getragen, manche von Pensionsfonds, manche von Versicherungsgesellschaften und Banken und manche von Hedge Fonds. Das macht in meinen Augen Risiken tragbarer. Die Risikoverteilung ist in meinen Augen die beste Art, mit Risiken umzugehen. Das ist auch der Grund dafür, daß die Futuresmärkte in den vergangenen Jahren so erfolgreich gewesen sind.

Also sind Derivate keine „Waffen zur finanziellen Massenvernichtung“, wie es Buffett formuliert hat?

Buffett prägte diesen Spruch schon vor etwa zehn Jahren. Bis jetzt hatte er allerdings unrecht. Im Gegenteil, er hat zum Teil gravierende Fehler bei seinen Anlegeentscheidungen gemacht und im Versicherungsbereich riesige, konzentrierte Risiken übernommen. Wenn er clever wäre, würde er einen Teil davon über Kreditderivate weitergeben.

Sie sehen also kein zweites „LTCM-Debakel“ am Horizont stehen?

Der Schlüssel für mich ist die Statistik über die Schuldenquote der Hedge Fonds. Im Jahr 1998 lag die durchschnittliche Quote noch bei zehn zu eins. Heute liegt sie bei drei zu eins. Wir fürchten daher eher, daß Hedge Fonds nicht genug verschuldet sind, um die Zielrenditen erreichen zu können.

Das heißt, die Risiken sind zurückgegangen?

Ja. Schauen Sie, LTCM machte Zinsarbitragegeschäfte und hatte eine Zielrendite von 30 Prozent pro Jahr nach Gebühren. Erreicht man in diesem Bereich bei einer Einzeltransaktion eine Rendite von einem Prozent, so ist man schon gut. Um also die angestrebte Rendite zu erwirtschaften, hat sich der Fonds mit in der Größenordnung 80 zu eins extrem stark verschuldet. Das Problem von LTCM hatte nichts mit Derivaten zu tun, sondern war alleine die Verschuldung.

Wo sehen Sie den Hedge-Fonds-Markt hingehen?

Jedes Jahr sage ich wieder, die Wachstumsraten werden herunterkommen von 20 bis 25 auf nachhaltige zehn bis 15 Prozent. Und bisher werde ich jedes Jahr überrascht, wenn der Markt wieder um 20 bis 25 Prozent gewachsen ist. Aber das bedeutet nach meiner Meinung nicht unbedingt, daß immer mehr Geld dieselben Strategien verfolgt. Es ist zum Teil eine Umschichtung der Mittel. Wenn sich ein Team von Goldman Sachs selbständig macht und sich Hedge Fonds nennt, dann ist das Geld gewissermaßen in die Hedge-Fonds-Statistik „umgebucht“ worden.

Wie sieht es aus mit dem Wettbewerb? Wird es nicht immer schwieriger, eine gute Performance zu erzielen?

Doch, aber das ist der Lauf der Dinge. Auf der anderen Seite entwickeln sich immer wieder neue Technologien, die neue Chancen bieten.

Gilt das auch für die Gebührenseite?

Auf Seiten der Privatanleger gibt es bis jetzt noch keinen nennenswerten Druck auf die Verwaltungsgebühren. Auf der institutionellen Seite schon eher, allerdings haben wir gegengesteuert, indem wir mehr Transparenz, Liquidität und andere zusätzliche Vorteile anbieten.

Sind sie enttäuscht über die bisherige Entwicklung der Hedge-Fund-Marktes in Deutschland?

Ich begrüße es, daß Hedge Fonds in Deutschland zugelassen worden sind. Ich bin allerdings enttäuscht darüber, wie das ganze umgesetzt worden ist. Es ist zu kompliziert und bringt auf diese Weise zu viele und oft auch überflüssige Kosten in die Strukturen. Nichtsdestotrotz werden wir weitere interessante Produkte auf den deutschen Markt bringen. Er dürfte für uns langfristig sehr wichtig werden.

Was sagen sie über Deutschland, die Diskussion über Kapitalismus, Heuschrecken et cetera?

Wenn der Kanzler (und andere Politiker der SPD) einmal schauen, in welcher Gesellschaft sie sich mit der Kritik an Hedge Fonds befinden - beispielsweise der ehemalige Präsident von Malaysia - so sind das solche, wie manche Leute der Bank of England, die einst George Soros kritisierten, als er das Pfund aufs Korn nahm. Das ist keine sonderlich gute Gesellschaft. Die Kritik erinnert mich ein wenig an einen alten König in England, der dachte, er könnte Ebbe und Flut verbieten und erwartete, das Meer würde auf ihn hören, weil er König sei. Gegen Naturgesetze kommt man jedoch nicht an.

Das Gespräch führte Christof Leisinger

Quelle: @cri
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