Interview

iShares will mit ETFs mehr deutsche Privatanleger erreichen

01.08.2004
, 17:01
Vruce Lavine, Leiter von iShares Europe
Börsengehandelte Fonds, auch ETFs genannt, werden in Deutschland vor allem von institutionellen Investoren gekauft. Anbieter iShares will vermehrt auch Privatanleger erreichen, wie iShares Europe-Chef Lavine im Interview sagt.

Börsennotierte Fonds haben ein strammes Wachstum erlebt. Ende Juni verwalteten die an der Deutschen Börse notierten Produkte, die auch als Exchange Traded Funds (ETFs) bezeichnet werden, ein Vermögen von 14,4 Milliarden Euro. Damit hat das Marktsegment innerhalb eines Jahres einen deutlichen Wachstumsschub von rund 60 Prozent verzeichnet. In diese Phase hinein hat sich eine verstärkte Auseinandersetzung von ETF-Anbietern mit Emittenten von Zertifikaten, die zum Teil wie börsenbehandelte Fonds auf Aktien- oder Rentenindizes laufen, entwickelt. Dessenungeachtet haben ETFs zwar bei institutionellen Anlegern großen Erfolg, aber gleichzeitig bei privaten Investoren deutlichen Nachholbedarf.

Dabei weisen Indexfonds gegenüber aktiv gemanagten mehrere Vorteile auf: Sie können jederzeit gehandelt werden. Ihr Preis wird nicht nur einmal am Tag, sondern fortlaufend festgestellt. Ein Ausgabeaufschlag entfällt bei ETFs, zudem sind die Verwaltungsgebühren geringer. Zwar sind börsengehandelte Indexfonds nicht besser als der jeweilige Markt - doch viele gemanagte Fonds schlagen ihren Vergleichsindex nicht, weshalb sie auch dem entsprechenden ETF mehr oder weniger deutlich nachlaufen ().

Im folgenden Interview von FAZ.NET sagt Bruce Lavine, Leiter vom Anbieter iShares Europe, wie er den Streit mit Zertifikate-Emittenten beurteilt, wie er mit iShares-Fonds verstärkt Privatanleger gewinnen will und warum es bisher in Europa keine ETFs auf außergwöhnlich gut laufende Aktienmärkte wie den österreichischen ATX zu kaufen gibt. iShares stellt mit seinem DJ EuroStoxx50-Fonds den umsatzstärksten ETF in Europa.

Warum sollte ein Anleger einen ETF einem anderen Fonds vorziehen?

Wir glauben, daß ein ETF im Vergleich zu einem indexorientierten traditionellen Aktienfonds die gleichen Chancen bietet sowie die Flexibilität, die Anteile ständig kaufen oder verkaufen zu können. Dazu kommen niedrige Verwaltungsgebühren, eine vollständige Transparenz der Zusammensetzung des Portfolios, die Möglichkeit, die Fonds an verschiedenen Börsenplätzen zu handeln, so wie bei Aktien auch.

Nun schneiden manche Indexfonds sogar besser ab als viele aktiv gemanagte Produkte. Führen Sie das als Verkaufsargument an?

Sicherlich. Anleger greifen zu aktiv gemanagten Fonds, weil sie sich eine bessere Wertentwicklung als bei Indexfonds versprechen - nach Gebühren, versteht sich. Viele traditionelle Fonds verweisen jedoch auf ihre Performance vor solchen Kosten. Der Durchschnitt bei der Gesamtkostenquote liegt in Europa bei aktiv gemanagten Fonds bei etwa 1,5 Prozent, bei den meisten ETFs aber lediglich bei etwa 0,5 Prozent. Höhere Verwaltungs- und Transaktionskosten machen es schwieriger, den Index zu schlagen. Außerdem muß der Fondsmanager die richtigen Aktien auswählen. Davon abgesehen denken wir, daß ein gut abgestimmtes Fonds-Portfolio eines Anlegers eine Kombination aus aktiv gemanagten Produkten und Indexfonds ist und ETFs eine gute Gelegenheit sind, um mit ihnen den Kern des Portfolios aufzubauen und in bestimmten Märkten präsent zu sein.

In Deutschland führen Fondsgesellschaften verstärkt Klage über Anbieter von Zertifikaten, die zum Teil Indexfonds ähneln. Warum sollte jemand nicht zu einem Indexzertifikat greifen?

Wir sehen eine Reihe von Unterschieden. Zertifikate werden jeweils von einer einzigen Bank auf den Markt gebracht. Somit hängt auch das Wohl und Wehe des Anlegers vom Kreditrisiko der Bank ab. Wichtiger ist aber, daß zu vielen Zertifikaten kaum Informationen zum verwalteten Vermögen erhältlich sind, auch gibt es meisten versteckte Kosten.

Wie steht es mit dem Vergleich, wie ETFs einerseits und Indexzertifikate andererseits mit Dividenden umgehen?

ETFs leiten die Dividenden an Anleger weiter - bei Zertifikaten ist das zumindest nicht immer der Fall.

Rund 90 Prozent der börsengehandelten Fonds in Deutschland werden von institutionellen Anlegern gekauft. Warum werden ETFs, wenn sie soviele Vorteile haben, von privaten Investoren wenig beachtet, während Institutionelle ausgiebig von ihnen Gebrauch machen?

Institutionelle Anleger durchblicken die Vielfalt der Finanzprodukte, und sie tendieren zu börsengehandelten Fonds und nicht zu Zertifikaten - anders als Privatanleger. Letzteres kann sich ändern, wenn wir es schaffen, den Anlageberatern die ETFs näherzubringen und damit auch dem einzelnen Investor. Die Kenntnisse zu ETFs unter Anlegern könnten noch verbessert werden, Wir streben schon an, den Anteil individueller Investoren in Deutschland zu erhöhen. In den Vereinigten Staaten kommt die Hälfte des Geldes, da uns zufließt, von Privatanlegern.

Kann ein Grund für die Zurückhaltung in Deutschland sein, daß große europäische Indizes sich in der jüngsten Zeit nicht sonderlich gut entwickelt haben? Der Dax hat sich binnen Jahresfrist um 11,4 Prozent verbessert, der britische FTSE 100 um 6,8 Prozent und der EuroStoxx um 7,2 Prozent. Das wirkt nicht üppig...

So kurzfristig darf man das Geschäft nicht sehen. Wir begreifen ETFs als langfristige Angelegenheit. Der Trend hin zu diesen Produkten ist offensichtlich. Sie bieten eben den Vorteil, sich genau in Märkten engagieren zu können, die man attraktiv findet. Wer glaubt, die führenden europäischen Aktien sind attraktiv, findet genauso den entsprechenden Fonds wie jemand, der auf amerikanische Standardwerte setzen möchte. Es gibt Leute, die sich an der Performace der Vergangenheit ausrichten. Wir zielen auf Anleger, die sich ihr Portfolio intelligent zusammenstellen wollen.

Wäre es nicht intelligent, einen börsengehandelten Fonds anzubieten, der auf den österreichischen ATX läuft? Denn immerhin hat dieser Index binnen Jahresfrist um 50 Prozent zulegt und wirkt weiter dynamisch?

Wir bieten schon seit etwa einem Jahr in den Vereinigten Staaten einen ETF an, der auf den MSCI Austria-Index läuft. Diesen Fonds können auch europäische institutionelle Anleger kaufen, private allerdings nicht, denn er ist in Deutschland nicht gelistet. Sie haben recht, der ATX sieht sehr gut aus - aber viele große Anleger orientieren sich auch und gerade an der Marktkapitalisierung und damit an großen Märkten. Wir werden die Nachfrage in Deutschland beobachten, und es ist vorstellbar, daß wir eiens Tages einen ETF anbieten, der auf den österreichischen Aktienmarkt läuft.

Der iShares DJ Euro Stoxx 50 ist der populärste börsengehandelte Fonds in Europa, obwohl der entsprechende Index nur eine mittelmäßige Performance aufweist...

Es ist nicht ganz fair, beide Märkte anhand der Jahresperformance zu bewerten. Auf die vergangenen fünf Jahre gerechnet sieht der EuroStoxx etwas besser aus als der Dax. Es sind auch unterschiedliche Märkte. Wir stellen davon abgesehen den Investoren nur Werkzeuge zur Verfügung, sagen ihnen aber nicht, wo sie investieren sollen.

Die Fragen stellte Thorsten Winter.

Quelle: @thwi
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