Interview

„Mein Hedge Fonds ist sicherer als Bundesanleihen"

30.08.2004
, 06:46
Bernardino Branca: Erst Kräuterschnaps, dann Hedge Fonds
Hedge Fondsmanager Bernardino Branca sagt, warum er sein Geld in den eigenen Fonds steckt und warum trotzdem Vorsicht geboten ist.

Bernardino Branca war in den achtziger Jahren Geschäftsführer der italienischen Destillerie Fratelli Branca, bekannt für ihren Magenbitter Fernet Branca. Später steuerte er im Family Office die Vermögensanlage in Aktien, Renten und Futures. Seit 1997 ist er für einen eigenen Dach-Hedge-Fonds verantwortlich. Seit 2001 leitet er das Dach Hedge Fonds Management des Hamburger Vermögensverwalters Aquila Capital.

Die Bilanz des Aquila Capital Dach Hedge Fonds Portfolio von Bernardino Branca kann sich sehen lassen. Seit 1997 gewann es im Jahr durchschnittlich 10,3 Prozent, in diesem schwierigen Jahr waren es nur zwei Prozent. Die Volatilität liegt unterhalb der von Anleihemärkten.

Der Fonds ist in Deutschland nicht zugelassen. Allerdings hat Aquila auf der Grundlage des Portfolios bereits zwei Zertifikate begeben, ein drittes wird mit einem Bankpartner Anfang Oktober emittiert. Ein in Deutschland zum öffentlichen Vertrieb zugelassener Dach-Hedge-Fonds befindet sich in der Auflage. Er wird noch in diesem Jahr institutionellen und privaten Anlegern offenstehen.

Im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung verrät er mehr über seine Anlagehaltung.

Herr Branca, wie kommt der Sproß italienischer Schnapsbrenner (Fernet Branca) zum Management von Hedge Fonds?

Als ich meinen Anteil am Unternehmen verkaufte und den Erlös gut anlegen wollte, machte ich das Investieren zum Beruf. Denn mir war schnell klar: bei traditionellen Banken ist das Geld nicht gut aufgehoben.

Warum so skeptisch?

Gewöhnliche Investmentfonds schwanken zu stark. Die Manager geben sich mit Verlusten zufrieden, wenn der Markt Verluste macht. Als privater Investor wünsche ich mir aber stetige und absolut positive Erträge. So habe ich in den neunziger Jahren begonnen, ein breit gestreutes Hedge-Fonds-Portfolio aufzubauen. Inzwischen steckt aber nicht nur mein eigenes Geld drin, sondern auch das von Kunden.

Sie wählen die Fonds selbst aus?

Ja, ich denke lieber selbst - statt andere Leute fürs Denken zu bezahlen. Denn Hedge Fonds sind ein sehr gefährliches Geschäft, das müssen Sie schon ernst nehmen.

Sie haben die Entscheidung nie bereut?

Im Gegenteil. 1997 kriselte Asien, dann brach LTCM zusammen, und Rußland ging pleite. 2000 platzte die Blase am Aktienmarkt, und drei Jahre Baisse folgten. Mit meinem Hedge-Fonds-Portfolio ging es mir viel besser als mit meinen traditionellen Geldanlagen.

Wieviel hat Ihr Dachfonds denn verdient?

Seit ich 1997 begann, in Hedge Fonds zu investieren, hat das Portfolio im Durchschnitt 10,3 Prozent im Jahr gewonnen. Die Volatilität lag zwischen drei und 3,5 Prozent. Das Risiko ist also geringer als mit zehnjährigen Bundesanleihen. In seiner schlechtesten Phase büßte der Fonds nur zwei Prozent ein.

Wie sieht Ihr Portfolio aus?

Ich setze auf 25 bis 30 Manager, die vier unterschiedliche Strategien verfolgen. Wenn sich eine schlechter entwickelt, schlägt sich eine andere besser. So erziele ich stabile Erträge.

Wie finden Sie unter den mehr als 7000 Hedge Fonds die erfolgversprechenden?

Da hilft es wenig, nur nach hinten zu blicken: Es gibt keinen kausalen Zusammenhang zwischen der vergangenen und der künftigen Wertentwicklung eines Hedge Fonds. Zudem betrachten Sie im Rückblick vor allem große und etablierte Fonds, denn Sie brauchen dafür ja wenigstens drei Jahre Historie. Erfolgreiche Hedge Fonds sind aber oft jung und klein.

Welche Anforderungen muß ein guter Manager erfüllen?

Zwei intelligente Händler und ein Bloomberg-Terminal sind definitiv zuwenig. Sie brauchen wenigstens sieben Leute. Die müssen erstens einen Wettbewerbsvorteil gegenüber ihren Konkurrenten besitzen. Zweitens müssen sie mir genau erklären, wie sie ihr Risiko managen, wie konzentriert das Portfolio ist, wie liquide die Positionen sind. Drittens müssen sie auch die operative Seite des Geschäfts verstehen, wissen, wie man auf fallende Kurse spekuliert, wo man Geld leiht, was zu tun ist, wenn der Computer ausfällt, wie man mit Kunden umgeht.

Für die meisten Anleger sind Hedge Fonds ein Synonym für Spekulation, Totalverlustrisiko und Skandale. Zu Unrecht?

Da liegt ein Mißverständnis vor: In Deutschland werden viele Hedge Fonds als breit diversifiziert und immer gewinnend verkauft. Tatsächlich verfolgen sie oft nur eine einzige und noch dazu äußerst aggressive Strategie. Daran können Sie sich schnell die Finger verbrennen, wie Anleger in den vergangenen Monaten erfahren mußten.

Also doch lieber Finger weg?

Mit Hedge Fonds ist es wie mit dem Feuer: Wenn Sie damit nicht vorsichtig umgehen, kann es sehr gefährlich sein. Wenn Sie die Fonds richtig einsetzen, bieten sie großen Nutzen: Ihr Risiko-Rendite-Profil ist ungewöhnlich günstig.

Im Frühjahr haben zahlreiche Hedge Fonds viel Geld verloren. Was sind die Gründe dafür?

Es sind im wesentlichen zwei: Erstens ist, angelockt von den hohen Renditen in der Vergangenheit, jede Menge Kapital in Hedge Fonds geflossen. Viel Geld jagt wenigen guten Managern hinterher, die Renditen fallen. Zudem sind Convertible Bond Arbitrage und Merger Arbitrage faktisch tot: Der amerikanische Rentenmarkt hat 2004 die schlechteste Phase seit 20 Jahren durchlebt, und Übernahmeaktivitäten sind rar geworden.

Was ist das zweite Problem?

Die Märkte sind orientierungslos. Als Hedge Fonds können Sie bei steigenden und bei fallenden Kursen Geld verdienen, Hauptsache, es gibt einen stabilen Trend. Wenn Aktien, Anleihen und Währungen in einer engen Handelsspanne seitwärts gehen, wird es schwer. Deshalb haben in diesem Jahr viele Dachfonds Verluste gemacht.

Was passiert, wenn der Markt weiter seitwärts geht?

Die Erträge der Hedge Fonds bleiben bescheiden, solange die Volatilität niedrig ist. Die Schwankungsintensität ist derzeit allerdings ungewöhnlich schwach. Irgendwann wird es einen Ausbruch geben, in die eine oder andere Richtung, höchstwahrscheinlich nach unten. Vermutlich ist die schwierige Zeit schon im Herbst vorbei.

Einige Investmentprofis sagen Hedge Fonds bereits den Untergang voraus. Wie groß ist die Gefahr von Zusammenbrüchen?

In den vergangenen Monaten wurden die Sicherheitsleistungen, die Hedge Fonds ihren Brokern zahlen müssen, erhöht - für den Fall, daß der Markt gegen sie läuft. Aber die Gefahr von Pleiten ist auf keinen Fall so groß wie 1998. Der Leverage, also die Spekulation auf Kredit, mit der Hedge Fonds ihre Gewinne vervielfachen, ist bei weitem nicht so hoch wie vor sechs Jahren.

Läßt sich das belegen?

Long-Short-Equity-Fonds für amerikanische Aktien sind ein guter Indikator. Sie sind derzeit zu 160 Prozent investiert. Das liegt über dem langfristigen Durchschnitt von 120, ist aber weit von den 250 entfernt, die wir 1998 gesehen haben.

Warum wird heute vorsichtiger investiert als noch vor Jahren?

Die amerikanische Börsenaufsicht SEC und die Notenbank Fed nehmen Einfluß auf die Prime Broker wie Morgan Stanley. Für sie ist es heute viel schwieriger, einem Hedge Fonds hohe Kredite zu geben. Das Risiko spektakulärer Pleiten ist also begrenzt. Es wird aber immer kleine Hedge Fonds geben, die zusammenbrechen.

Ist der Zeitpunkt günstig, Hedge Fonds zu kaufen?

Das ist nicht der richtige Moment, groß zu investieren, denn in den vergangenen Monaten waren alle verrückt nach Hedge Fonds. Ich würde sie derzeit nicht übergewichten. Es wäre aber falsch, überhaupt keine Hedge Fonds zu besitzen. Sie kaufen diese Anlageklasse ja nicht allein wegen ihres Ertrages, sondern auch aus Gründen der Diversifikation.

Das Gespräch führte Catherine Hoffmann.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 29.08.2004, Nr. 35 / Seite 43
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