Interview

„Nur Amerika hat mehr Millionäre als China“

15.11.2004
, 08:07
China ist und bleibt auf absehbare Zeit eine Wachstumsstory, so Klaus Martini, Chefstratege von DWS. Er würde Anlegern empfehlen, fünf bis zehn Prozent ihres Vermögens dort anzulegen.

China ist und bleibt auf absehbare Zeit eine Wachstumsstory, so Klaus Martini. Als Chefstratege von DWS ist er im Interview nach einer dreiwöchigen Reise durch das Reich der Mitte von der raschen, soliden und nachhaltigen Entwicklung des Landes überzeugt.

Er würde Anlegern empfehlen, fünf bis zehn Prozent ihres Vermögens dort anzulegen. Allerdings nicht direkt in Aktien, sondern über Fonds, Zertifikate oder ähnliches.

Herr Martini, Sie sind drei Wochen durch China gereist. Was hat Sie am stärksten beeindruckt?

Die Disziplin der Leute. Überall spürt und sieht man das. Auf Schiffen, bei Empfängen, in Fabriken.

Haben Sie ein Beispiel?

Als wir ein Werk besichtigten, war das für die Arbeiterinnen alles andere als eine willkommene Abwechslung. Die haben sich beschwert, daß wir fotografierten und sie von der Arbeit ablenkten.

Klingt nach Ausbeutung.

Nein, die Leute werden nicht ausgebeutet. Das ist eine vereinfachte westliche Sicht, die Chinesen sehen das anders. Sie sind stolz auf das, was sie tun. Ihre Triebfeder ist: Sie wollen Geld verdienen. Das geht nur in der Stadt mit einem Job, für den sie hart kämpfen. Um ihn zu bekommen und zu behalten. Weil sie wissen, daß vor der Tür Tausende auf die gleiche Chance warten. Da wird nicht nur 40 Stunden die Woche gearbeitet, sondern lieber 50 oder 60. Und auch schon mal das Wochenende durch, um Aufträge zu erfüllen.

Für wahnwitzig niedrige Löhne. Unternehmer freut es sicher, wenn ein Arbeiter pro Stunde nur 60 Cent statt 24 Dollar wie hier kostet. Aber die Leute?

Alle wollen ihren Anteil am Wohlstand haben und sehen es als Chance. Und den Arbeitern in der Stadt geht es immer noch viel besser als auf dem Land. Alle sparen extrem stark, viele werden wohlhabend und manche sogar reich. Nur Amerika hat mehr Millionäre als China. Und nebenbei überschwemmen die Chinesen die Welt mit DVD-Playern, Spielzeug, Schuhen, Handys.

Meines ist auch "made in China".

Da sehen Sie es. Noch produzieren die Chinesen nicht immer allerneueste Geräte, doch sie holen schnell auf. Sie investieren in Grundlagenforschung und haben keine moralischen Bedenken, etwa in der Gentechnik. Sie bauen die Universitäten aus: Dieses Jahr kommen knapp drei Millionen Akademiker auf den Arbeitsmarkt, in zwei Jahren doppelt so viele. Sie sind lern- und wißbegierig und kopieren, was ihnen in die Finger kommt.

Wie Kinder, die dabei gerne und oft auf die Nase fallen?

Das passiert. Den Studenten etwa fehlt der Praxisbezug, sie haben falsche Vorstellungen von westlichen Unternehmen sowie den Verdienst- und Karrieremöglichkeiten. Und bei der Jobsuche benötigen sie Hilfe. Aber auch hier wird Abhilfe geschaffen. China hat eine Führung, die verstanden hat, wie man die Wirtschaft in die richtigen Bahnen lenkt.

Und auf die Bremse tritt.

Eindeutig. Die Regierung dämpft Investitionen in Stahl, Zement, Aluminium und Immobilien. Doch in Kraftwerke, Kohle, Häfen, Eisenbahnen und Wasserversorgung wird weiter Geld gesteckt.

Ist das die ewige Wachstumsstory?

Auf absehbare Zeit ja. Die Investitionen sind der stärkste Wachstumsmotor. 70 bis 80 Prozent laufen über staatseigene Betriebe. Sie tragen damit 4 bis 6 Prozentpunkte zum jährlichen Wachstum bei. Bis zu den Olympischen Spielen 2008 gibt es Wachstumsraten von sieben bis acht Prozent. Im Eiltempo wandelt sich China von einer ländlichen und landwirtschaftlich geprägten Wirtschaft zu einer industriellen.

Wie Deutschland seit 1870?

Nein, zehnmal so schnell.

Wo sehen Sie das?

In jeder Metropole im Westen Chinas. Schanghai hat über 2000 Hochhäuser mit mehr als acht Stockwerken. Generalstabsmäßig werden ganze Städte in den Städten geplant und gebaut: mit bis zu 8000 Einfamilienhäusern, Krankenhäusern, Hotels, Schulen, Schwimmbädern und sogar Golfplätzen. Alles in irrem Tempo: Einen kompletten Flughafen haben sie in 13 Monaten aufgestellt.

Die Küstenregionen blühen auf. Aber ist die bittere Armut auf dem Lande nicht ein Sprengsatz?

Die Nahrungsmittelpreise steigen exorbitant. Doch das ist erwünscht, damit die Kluft zwischen Stadt und Land nicht zu groß wird. Die Menschen flüchten vom Land in die Städte. Auch das ist gewollt. Jedes Jahr müssen daher 15 bis 20 Millionen Arbeitsplätze entstehen. Das geht nur, wenn die Wachstumsraten so hoch bleiben.

China ist zum Erfolg verdammt und muß die Währung unterbewertet halten, um Waren zu Spottpreisen zu verkaufen?

Die Chinesen werden die Währung höchstens leicht aufwerten.

Und ihre Kapitalverkehrskontrollen beibehalten, was nicht gerade zur Vermögensanlage einlädt.

Wenn man will, kommt man rein.

Auch als Anleger?

Mein Credo ist: Der asiatische Raum wird die höchsten Kapitalerträge bringen. Schon wegen des Bevölkerungswachstums. Asien wird im Portfolio einen Stellenwert wie Amerika und Europa haben.

Wieviel China empfehlen Sie?

Fünf bis zehn Prozent.

Nicht gerade viel.

Anleger müssen ja nicht direkt in China investieren, sondern können auch an China verdienen. Das geht in Hongkong. Auch Japan hat eine China-Story. Das ist ein entscheidender Faktor für Nippons Wirtschaft. Anleger müssen verstehen: China ist die treibende Kraft in den nächsten Jahren.

Wo soll ich denn nun investieren?

Ich würde es über einen Profi machen, also einen Fonds oder ein Zertifikat. Einzelne Aktien sollten Privatanleger lieber nicht kaufen. Als attraktiv schätzen wir Nahrungsmittel ein. Fleisch, Getreide, Soja. Da wird die Nachfrage steigen, weil es einen Strukturbruch wie bei Metallen geben wird.

Warum Nahrungsmittel? Haben Chinesen nicht genug zu essen?

Nein. Ein Viertel des Landes ist Wüste, und jedes Jahr kommen 1300 Quadratkilometer hinzu. Nur 11 Prozent der Fläche sind nutzbar.

Wird China hier in Deutschland falsch wahrgenommen?

Es wird unterschätzt. Die Geschwindigkeit der Entwicklung und auch die Dimension.

Überrennen uns die Chinesen?

Glaube ich nicht. Aber wir müssen in atemberaubender Geschwindigkeit den Reformkurs fortsetzen. Und wir müssen Nischen entdecken und nutzen, um uns zu behaupten.

Das Gespräch führte Thomas Schmitt

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.11.2004, Nr. 46 / Seite 49
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