Interview

„Ölpreis von 100 Dollar ist nicht das Ende der Welt“

31.08.2005
, 14:46
Ölanalyst Charles Whall: Ölpreis ist kein Drama
Steigt der Ölpreis auf 100 Dollar? Und was passiert dann? Ölanalyst Charles Whall sieht das entspannt: Erstens hatten wir das schon und zweitens dreht sich die Welt auch dann weiter.

Die Befürchtungen, daß der steigende Ölpreis beginnt, das Wachstum der Weltwirtschaft zu gefährden, haben in den vergangenen Tagen zugenommen. Amerikanische Regierungsstellen führen einen wesentlichen Teil des Inflationsanstiegs auf den Ölpreis zurück, Wal-Mart befürchtet Konsumzurückhaltung und in Großbritannien erreichte die Inflation aufgrund des Öls den höchsten Stand seit acht Jahren. Charles Whall, Öl- und Gas-Analyst bei Newton Investment Management, einer der 13 Fondsgesellschaften unter dem Dach der Mellon Financial Corporation, rechnet mit einem dauerhaft höheren Ölpreis. Tragisch findet es das Ganze im folgenden Interview trotzdem nicht,

Die Vergangenheit zeigt, daß ein Anstieg der Inflationsrate nur die erste Auswirkung eines höheren Ölpreises ist, meist folgen heftige Wachstumseinbrüche. Wird das diesmal anders?

Aller Wahrscheinlichkeit nach ja. Die beiden häufig genannten Behauptungen, daß der Ölpreisanstieg nur temporär sei und daß das Angebot so wachsen kann, daß es die Nachfrage wieder ausgleicht, halte ich schon einmal für falsch. Der Ölpreis wird nicht auf den langfristigen Durchschnitt zurückfallen, weil wir es hier mit einer Niveauverschiebung zu tun haben.

Es gibt zahlreiche Gründe, die dafür sprechen, daß der aktuelle Preiszyklus anders ist als frühere. In früheren Zyklen ging die Nachfrage zurück, derweil die Produktion ausgeweitet wurde, so daß der Markt wieder ins Gleichgewicht kam. Diesmal hat ein fünfjähriger Preisanstieg auf der Angebotsseite keine nennenswerte Reaktion ausgelöst, weil wir weder erfolgreiche Neuerschließungen hatten, noch zu Effizienzsprüngen durch den Einsatz neuer Techniken kam, wie es in den achtziger und neunziger Jahren der Fall war.

Die Nachfrage dagegen reagierte früher in zwei Schritten. Erst griffen die Verbraucher zu anderen Brennstoffen, dann optimierten sie ihren Verbrauch. Diesmal gibt es aber kein billiges Erdgas als Ersatz, während die meisten Energieeinsparungsmaßnahmen in den OECD-Ländern bereits getroffen wurden. Daher werden die Verbraucher wohl erst einmal gezwungen sein, ihr Verhalten zu ändern und sich im zweiten Schritt vom Öl unabhängig machen.

Wie wird die Opec auf diese Situation reagieren?

Die Opec sucht derzeit nach einem Gleichgewichtspreis, den sie aufrecht erhalten kann, ohne die Nachfrage zu schwächen und auf alternative Energien umzuleiten. Ich denke, daß das Konsortium derzeit bequem mit einem Preis von 50 Dollar leben könnte und sich wegen der Auswirkungen eine dauerhaft über 60 Dollar liegenden Preises eher Sorgen macht.

Vor einem Jahr hat man noch gedacht, die Schwelle läge bei 40 Dollar, doch jetzt wissen wir, daß diese deutlich höher liegt. Es ist einfach albern zu behaupten, die Opec habe noch eine Reservekapzität von 1,5 Millionen Barrel pro Tag, wenn der Ölpreis bei 65 Dollar oder höher liegt. Die geringen nicht genutzten Kapazitäten liegen bei schwerem schwefelreichem Rohöl, das äußerst schwer zu raffinieren ist.

Im Jahr 2004 wollte die Opec ursprünglich ihren Anteil an der Weltölproduktion senken und wurde dann von der Stärke der weltwirtschaftlichen Erholung ebenso überrascht wie vom geringen Produktionswachstum in den Nicht-Opec-Ländern. Sie hat dann rasch reagiert, so daß es nicht zu langfristigen Engpässen kam. In diesem Sommer haben die Länder sogar mehr produziert als benötigt, um die Lagerbestände für den Winter aufzustocken.

Gibt es also gar keine Engpässe?

Angespannt ist die Situation nicht bei Rohöl, sondern vielmehr bei Benzin und Diesel, wo nicht nur die Lagerbestände niedrig, sondern auch die Raffinieriekapazität knapp ist. Das Rohöl, daß die Raffinerien in diesem Winter erhalten werden, wird sehr viel schwerer und schwefelreicher sein und die Margen der Raffinerien stärken. Es gibt in einem System, das auf vollen Touren läuft und deswegen schon immer mehr ungeplante Ausfallzeiten zeigt, keine Überschußkapazität mehr.

Wie stark beeinflußt der politische Aspekt den Ölpreis?

Viele Beobachter haben noch gar nicht begriffen, wie emotional das Thema Iran bei der amerikanischen Regierung geworden ist. Selbst wenn die Rohölnachfrage aufgrund der hohen Preise nachgeben sollte, werden wir kaum eine Preisreaktion sehen, solange diese Spannungen existieren. Obwohl ich es für unwahrscheinlich halte: eine Eskalation der Krise könnte dazu führen, daß der Iran seine Ölproduktion von vier Millionen Barrel pro Tag aus der Opec zurückzieht.

Wenn der geopolitische Ausblick etwas stabiler wird, könnte der Ölpreis nachgeben, zumal wir uns in den Vereinigten Staaten dem Ende der Autofahrsaison nähern. Es würde mich aber nicht überraschen, wenn die Marke von 75 Dollar getestet wird, wenn die Iranängste weiter anhalten und wir weiter Produktionsausfälle haben.

Was ist mit den Nicht-Opec-Staaten?

Ich glaube, daß die weiter enttäuschen werden. Wie man hört, versucht der russische Staat weiterhin ziemlich unbeholfen den Ölsektor, der mittlerweile aus Unternehmen bestand, die zu den effizientesten der Welt gehörten, effektiv wieder zu verstaatlichen. Nach den neuesten Daten kommt das Wachstum des russischen Ölangebots knirschend zum Stehen.

Wie weit kann der Ölpreis dann noch steigen?

Ich glaube, daß ein Ölpreis von 100 Dollar nicht so etwas wie das Ende der Zivilisation darstellt. Wir haben schon in so einer Welt gelebt und werden das auch wieder tun. Wenn man die Preiszyklen der siebziger und achtziger Jahre inflationsbereinigt, kostete das Barrel über 100 Dollar und die Welt hat sich dennoch weiter gedreht.

In den nächsten Jahren steht zu erwarten, daß wir kurzfristig mal immer wieder einen Preis von 100 Dollar haben werden. Allerdings sind 55 Dollar ein viel wahrscheinlicheres Szenario, wenn erst einmal die derzeitigen Investitionen der Opec Frucht bringen.

Wird der Ölpreis eine weltweite Rezession auslösen?

Es wird natürlich Gewinner und Verlierer geben, so daß sich die Welt ändern wird. Aber das muß unter dem Strich nicht negativ für die Welt sein. Am schlimmsten wird es diejenigen Volkswirtschaften treffen, die wenig energieeffizient arbeiten und importabhängig sind. Indien benötigt beispielsweise für eine Einheit des Bruttoinlandsprodukts dreimal so viel Energie wie die Vereinigten Staaten. In energieeffizienten Ländern wird erst der Konsum darunter leiden, bevor die Wettbewerbsfähigkeit in Mitleidenschaft gezogen wird.

China hat sich schnell darauf eingestellt seine Importabhängigkeit zu verringern und hat damit die Auswirkungen eskalierender Ölpreise im Vergleich zu seinen südostasiatischen Konkurrenten verringert. Dennoch die volle Auswirkung des hohen Ölpreises hat China noch gar nicht zu spüren bekommen. In China, Indien und ganz Südostasien haben die Regierungen bisher die Benzinpreise unter Kontrolle gehalten - trotz der riesigen Kosten. Im Durchschnitt steht für die Verbraucher in diesen Ländern der Ölpreis praktisch etwa bei 40 Dollar.

Der Effekt auf die Weltwirtschaft wird davon abhängen, in welchem Umfang die Erlöse reinvestiert werden. Zu den deutlichen Gewinnern sollten einige ölexportierende Nationen gehören. Putin will das Wachstum verdoppeln, das wird der russischen Wirtschaft zugutekommen. Saudi-Arabien wird einiges reinvestieren, um dem Königreich mehr Stabilität angesichts des sprunghaften Bevölkerungswachstums zu verleihen. Rückenwind sollten auch Venezuela, Nigeria und sogar Angola über die Zeit erhalten. Da gibt es vielleicht nicht viel Möglichkeiten zu investieren. Deswegen stehen für uns internationale Unternehmen im Vordergrund, die in diesen Ländern aktiv sind. Auch wenn hohe Ölpreise für die Weltwirtschaft nicht positiv sind, gibt es doch Investitionsmöglichkeiten. Energieversorgung ist daher für Newton derzeit ein Kernthema.

Charles Whall arbeitete 19 Jahre in der Ölindustrie als Bohringenieur, Entwicklungsleiter und Erdgashändler, bevor er vor fünf Jahren zur Fondsgesellschaft Newton Investment Management kam.

Quelle: @mho
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