Interview

„Probleme sehe ich eher auf politischer Ebene“

20.04.2001
, 19:26
Ungarn und Estland sind ihre Beitrittsfavoriten. Monica Mastroberardino, Fondsmanagerin beim Schweizerischen Bankhaus Vontobel, im Gespräch mit FAZ.NET.
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Für das Schweizerische Bankhaus Vontobel managt sie einen der besten Fonds für osteuropäische Anleihen. Mit FAZ.NET sprach die Expertin über den aktuellen Stand der EU-Beitrittsbemühungen in den einzelnen Ländern. Aber auch über Chancen und Risiken für Osteuropa-Anleger.

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Wer hat auf dem aktuellen Stand der Konvergenzbemühungen die besten Chancen zur Aufnahme in die EU?

Das sind aus meiner Sicht die Länder, die - nicht nur auf politischem, sondern auch auf wirtschaftlichem Gebiet die größten Anstrengungen und Fortschritte gemacht haben in den letzten zehn Jahren. Ungarn und Estland sind die aussichtsreichsten Kandidaten für eine erste Beitrittsrunde. Dagegen haben Länder wie Rumänien oder Bulgarien sicher die geringsten Chancen. Schon allein deshalb, weil sie über keine ausreichende gesamtwirtschaftliche Stabilität verfügen. Denn das wird eines der Hauptthemen sein.

Was bedeutet das im Hinblick auf die zeitliche Komponente?

Man kann derzeit nicht erwarten, dass irgendeins der osteuropäischen Länder vor dem Jahr 2004 beitreten wird. Die letzten Gespräche innerhalb der EU zeigen zudem, dass es eher einzelne Länder sein werden, die nacheinander beitreten, nicht etwa alle zusammen. Außerdem: Noch gibt es keine wirklich konkreten Vorgaben für einen Beitritt. Irgendwann aber wird es diese geben, und dann wird sich zeigen, wer sie bereits erfüllt und wer noch warten muss.

Wie sieht es denn aus bei Themen wie dem Zinsniveau und der Inflationsrate?

Was diese Bereiche angeht, da sind die osteuropäischen Länder - mit Ausnahme Tschechiens - noch weit weg vom EU-Niveau. Allerdings sind auch hier deutliche Fortschritte erkennbar und es besteht eine klare Tendenz, dass Zinsen und Inflation von Jahr zu Jahr zurückgehen. In Ungarn etwa beträgt die Inflation aktuell zehn Prozent, wenn auch mit dem deutlichen Trend nach unten. Die kurzfristigen Zinsen liegen bei über elf Prozent, aber das Potenzial auf deutlich sinkende Zinsen innerhalb der nächsten zehn Jahre ist ja durchaus vorhanden.

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Und dann sollte man auch nicht vergessen, dass für die Aufnahme in die EU schließlich eben nicht die Themen Inflation, Zinsen und Staatsverschuldung von Bedeutung sind. Viel wichtiger sind die so genannten Kapitel, die sich auf Bereiche wie rechtliche Strukturen, die gesamte Umweltsituation eines Landes wie auch Fragen der Infrastruktur und vieles mehr beziehen. Die sind sehr viel wichtiger für den EU-Beitritt, der schließlich als erstes ansteht, bevor es überhaupt zu einer Aufnahme in die Europäische Währungsunion kommen kann. Wenn ein Land - unabhängig von Inflation und Zinsen - bei den rechtlichen Rahmenbedingungen weit weg ist vom EU-Standard, dann wird es von der EU nicht akzeptiert werden.

Wo sehen Sie die größten Probleme im Hinblick auf das Erreichen der Beitrittskriterien?

Ein Problem gibt es sicher im Hinblick auf die Frage der Subventionen in der Agrarwirtschaft. Da gibt es noch einige Fragen zu klären. Denn allzu viel bezahlen für die neuen Kandidaten, das will natürlich keiner. Und dann natürlich der gesamte Komplex aus Umweltfreundlichkeit und Infrastruktur. Da muss zum Teil noch sehr viel investiert werden. Sicher kann da vieles über die Privatwirtschaft laufen, einiges aber muss über öffentliche Gelder finanziert werden. Das könnte in manchen Ländern sicher zu Verzögerungen führen.

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Wo liegen die größten Risiken eines solchen Investments?

Die liegen schon im Zins- und im Währungsbereich natürlich, das sind die Risiken, die man eingeht. Wenn Sie Staatspapiere kaufen oder gute westliche Unternehmen, die eine Anleihe in einer osteuropäischen Währung emittiert haben, dann unterliegen Sie auch Zinsschwankungen, wirtschaftlichen Zyklen oder Währungsbewegungen wie in anderen Ländern auch. Und das trotz des niedrigen Kreditrisikos.

Und welches konkrete Renditepotenzial sehen Sie für den Anleger?

Ich erwarte, dass wir mit unserem Fonds auch in diesem Jahr wieder einen Wertzuwachs von zehn Prozent erzielen können. Mag sein, dass das sogar etwas konservativ geschätzt ist. Das bedeutet allerdings nicht, dass das jedes Jahr so sein muss. Aber in den nächsten zehn Jahren sollte man schon eine Rendite von mindestens zwei oder drei Prozentpunkten über dem Euroniveau erreichen können.

Wann ist denn überhaupt der richtige Zeitpunkt zum Einstieg in Osteuropa?

Wenn Sie innerhalb der nächsten zwei Monate sichere Kursgewinne erzielen wollen, dann ist nie der richtige Einstiegszeitpunkt für Osteuropa. Man muss in diesen Ländern schon langfristig investieren. Selbst wir als Fondsmanager investieren nicht auf Sicht von zwei Wochen, nur weil wir vielleicht die Chance auf eine kurz bevorstehende Zinssenkung sehen.

Das Gespräch führte Hans Heuser

Quelle: @hh
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