Interview

„Schwellenländer bieten die besseren Anlagechancen“

26.04.2001
, 11:33
Glaubt an die Märkte im Osten: Marc Faber
Osteuropas Zukunft liegt im Westen. Das glaubt Emerging-Markets-Kenner Marc Faber.
ANZEIGE

Es braucht nicht nur Zeit, sondern auch den politischen Willen, um einen Reformprozess wie den in Osteuropa erfolgreich durchzuziehen, glaubt Marc Faber. Im Gespräch mit FAZ.NET erklärt er, warum viele osteuropäische Staaten auf einem guten Weg sind.

ANZEIGE

Wie beurteilen Sie den Stand des Annäherungsprozesses Osteuropas an den Westen?

Grundsätzlich bin ich der Ansicht, wenn Osteuropa eine Zukunft hat, dann liegt diese schon in Richtung Westeuropa. Wenn Sie vor 20 Jahren von Deutschland nach Moskau gefahren sind, dann waren die Eindrücke zum Teil doch sehr bitter. Heute gleichen Städte wie Prag und Warschau schon viel eher westeuropäischen Metropolen.

Mit der Zeit wird sich dann natürlich auch das Preisniveau in Osteuropa dem westlichen angleichen. Und damit einhergehend werden sich an den Börsen und den Immobilienmärkten sehr interessante Kaufgelegenheiten bieten. Wenn mir also heute jemand sagt, ich möchte in Aktien investieren, dann würde ich ihm eher raten, in Schwellenländer inklusive Russland und Osteuropa zu investieren als in die Industrieländer, wo die Aktien immer noch vergleichsweise hoch bewertet sind.

Und wer weist Ihrer Ansicht nach die größten Beitrittschancen auf?

Ich glaube mit der Zeit werden die meisten Länder im Osten, ob Slowakei, Tschechien, Polen oder Ungarn oder auch die baltischen Staaten, sich sehr stark an Westeuropa annähern. Wann sie tatsächlich beitreten, ist im Grunde erst einmal gar nicht so wichtig. Auch wenn der EU-Beitritt diesen Ländern schon erheblich helfen wird.

ANZEIGE

Aber ich würde eben nicht nur aus diesem Grund in diese Länder investieren. Denn ich glaube, heutzutage ist es kaum noch möglich, auf Fragen zu antworten wie sind Sie negativ oder positiv für die USA, für Deutschland oder auch für Polen oder Ungarn? Es kommt eben eher darauf an, welche Branchen und Einzelwerte man kauft. Wir haben es doch gerade erst wieder gesehen: Wenn Sie im vorigen Jahr in Technologiewerte investiert haben, dann haben Sie 60 Prozent verloren. Hätten sie aber amerikanische Tabakaktien gekauft, dann hätten Sie 140 Prozent verdient.

Dann nennen Sie uns doch einmal einige Einzelwerte.

Um Ihnen ein Beispiel zu geben: Nehmen Sie die Ölindustrie. Sie könnten heute Exxon Mobile oder Royal Dutch kaufen. Oder eben die russische Lukoil zum Beispiel. Lukoil ist ein sehr bedeutendes Unternehmen, im Grunde schon eine Art Blue Chip. Aber wenn das Unternehmen eines Tages wirklich so ähnlich bewertet sein soll wie Exxon Mobile, dann müsste sich der Kurs bis dahin sicher verfünffachen.

ANZEIGE

Sehen Sie ähnliche Beispiele in anderen Ländern?

Ich möchte hier eigentlich gar nicht so sehr als Tippgeber für Einzelaktien auftreten, aber eins kann man schon sagen: Zum Teil hat die Privatisierung in diesen Ländern noch gar nicht richtig stattgefunden. Vor allem im Energiebereich. Nehmen Sie beispielsweise die ungarische Öl- und Gasgesellschaft Mol. Die ist bereits an der Börse und wird irgendwann wahrscheinlich aufgekauft. Mit entsprechend positivem Effekt auf den Aktienkurs. In Tschechien wird der Gaslieferant Transgas privatisiert. Und aus der pharmazeutischen Branche wäre sicher Gedeon Richter zu nennen, die eine sehr starke Stellung in Osteuropa hat.

Wo liegen denn aus Ihrer Sicht die größten Risiken?

Mit dem Risiko ist das so eine Sache. Wenn Sie mich fragen würden, wie groß ist das Risiko, in Cisco oder Lucent Technologies zu investieren, dann könnte ich Ihnen heute sagen, es liegt bei rund 90 Prozent. Das haben wir ja gerade gesehen in den vergangenen zwölf Monaten. Das Risiko bemesse ich weniger nach dem Land oder der Branche als nach der Bewertung eines Unternehmens an der Börse.

Das zweite Risiko ist natürlich schon die Performance der Börse. In den meisten Schwellenländern sind die Börsenkurse sehr stark gedrückt. Natürlich können die Kurse auch noch weiter fallen. Aber das können sie auch in Deutschland oder in Amerika. Und weil sie dort noch relativ hoch bewertet sind, können sie im Grunde sogar noch stärker fallen.

ANZEIGE

Das dritte Risiko ist die Währung. Und da würde ich einem Anleger in Osteuropa schon empfehlen, abzuwarten, bei sich diese argentinische Krise gelöst hat. Wenn Argentinien abwerten sollte, dann hat das auch Auswirkungen auf andere Währungen. Und das könnte unter Umständen noch einmal ein kleiner Schock werden.

Warum stellt denn eigentlich Argentinien ein Problem für Osteuropa dar?

Argentinien macht ungefähr 25 Prozent des Emerging Market Bond Index aus, der die gesamte weltweite Landschaft von Anleihen in den Schwellenländern abbildet. Eine Krise in einem solchen Land kann allein deshalb schon nicht ohne Folgen auch für andere Währungen bleiben. Wenn argentinische Anleihen sehr stark fallen, dann übt das einen Druck aus auf russische Bonds, türkische Bonds und so weiter. Temporär bietet sich da sicher eine Kaufgelegenheit bei einigen dieser festverzinslichen Papiere. Aber es würde auch die Aktienbörsen etwas drücken in diesen Ländern. Was für mich allerdings ebenfalls eine Kaufgelegenheit darstellen würde.

Marc Faber arbeitet seit Jahren als Berater und Manager verschiedener Schwellenländer-Fonds. Das Gespräch führte Hans Heuser.

Quelle: @hh
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE