Interview

„Wir erwarten eine zyklische Kursrally“

08.04.2005
, 16:53
Tim Heyes, Ned Davis Reseach
Die Stimmung an den etablierten Börsen scheint eingetrübt zu sein. Tim Hayes läßt sich jedoch als Chefstrage bei Ned Davis Research im FAZ.NET-Interview nicht beirren. Er rechnet bis in den Sommer mit steigenden Kursen.

Kamen die etablierten Börsen schon seit Jahresbeginn nicht so richtig in Fahrt, so schien sich die Stimmung in den vergangenen Wochen sogar richtiggehend einzutrüben. Verschiedene Indizes fielen sogar unter den mittelfristigen Aufwärtstrend.

Nun stellt sich die Frage, wie es weitergehen wird. FAZ.NET unterhielt sich darüber mit Tim Hayes. Er ist seit dem Jahr 1986 bei Ned Davis Research und beschäftigt sich als Chefstratege mit den internationalen Finanzmärkten. Das Unternehmen selbst bedient Kunden - unter anderem auch verschiedene Hedge Fonds - aus mehr als 30 Ländern mit ökonomischen und vor allem auch quantitativen oder technischen Marktanalysen.

Wie würden Sie aktuell die Lage an den Finanzmärkten beschreiben?

Die Kurse haben in den vergangenen Wochen nachgegeben in Erwartung negativer Impulse. Das hat zu einer ausgesprochen pessimistischen Grundstimmung geführt, die eine Vorbedingung für eine erneute Kursrally betrachtet werden kann. Wir rechnen damit, daß der Markt den im Jahr 2003 begonnenen Aufwärtstrend wiederaufnehmen wird.

Abgesehen von der Stimmung, gibt es andere Gründe für diese Einschätzung?

Ja, die jüngsten Wirtschaftsdaten in Amerika, Europa und auch in Japan waren relativ schwach. Sie dürften dazu betragen, daß die Inflations- und Zinsängste etwas abflauen dürften.

Über welchen Zeithorizont reden Sie bei diesen Aussagen?

Ich denke dabei zunächst an den April und möglicherweise über einen Zeitraum bis in den Sommer hinein. Kurzfristig sind wir also ziemlich bullisch.

Und dann?

Dann muß man schauen. Wenn wir im Sommer eine Kombination zwischen höheren Märkten und höheren Zinsen haben sollten, könnte das ein Anzeichen für die Ausbildung eines wichtigeren Hochs Mitte des Jahres sein. Dem kann dann unter Umständen eine größere Korrektur in der zweiten Jahreshälfte folgen.

Wie sieht es aus mit der Bewertung?

Rückblickend auf die vergangenen fünf bis zehn Jahre sieht die Bewertung noch vorteilhaft aus. Langfristig betrachtet sind die Aktien jedoch deutlich überbewertet, vor allem in den Vereinigten Staaten. Vergleichsweise günstig sehen die Bewertungen in der Pazifikregion aus, vor allem auch in Japan. Das Bewertungsproblem dürfte spätestens bei einem etwas höheren Kurs- und Zinsniveau wieder ins Bewußtsein der Anleger zurückkehren.

Welche Aktien und Branchen würden Sie „spielen“ im Moment?

In jüngster Zeit haben vor allem die Energiewerte das Geschehen dominiert und sie sind aus technischer Sicht immer noch recht stark. Möglicherweise werden sich in den kommenden Wochen aber jene Bereiche erholen, die sich bisher nicht so sonderlich gut geschlagen haben. Zum Beispiel der Technologiesektor oder auch zyklische Werte. Sie dürften vor allem dann gut aussehen, wenn sich der Ölpreis stabilisieren sollte.

Würden Sie eher auf kleine, mittlere oder große Unternehmen setzen?

In den vergangenen Monaten haben sich die Aktien kleiner und mittlerer Firmen hervorragend geschlagen. Man muß künftig allerdings aufpassen, denn sie sind ziemlich zinssensitiv. Im Moment habe ich diesbezüglich keine klaren Präferenzen.

Welche Märkte sind aus Sicht eines europäischen Anlegers besonders interessant?

Wir haben eine Art Beurteilungssystem für 42 Märkte weltweit. Hier liegen die osteuropäischen Märkte nach wie vor weit vorne. Speziell die tschechische, die ungarische und auch die österreichische Börse. Sie dürften weiterhin von der EU-Expansion profitieren können. Allerdings würde ich vorsichtig werden, wenn sich das globale Wachstum abschwächen sollte. Denn dann dürften diese Märkte relativ volatil werden.

Was erwarten Sie auf der Zinsseite?

Wir rechnen mit weiteren Zinserhöhungen. Allerdings dürfte die amerikanische Zentralbank nicht so aggressiv vorgehen, wie es zwischenzeitlich befürchtet wurde. Das globale Wachstum und der Preisdruck lassen genügend nach, um Zinsüberraschungen zu vermeiden. Gleichzeitig dürfte das Wachstum aber stark genug bleiben, um zumindest kurzfristig ein vorteilhaftes Umfeld für Aktien zu bieten.

Fürchten Sie nicht, daß die hohen Energiepreise auf den Konsumenten durchschlagen werden?

Doch das konnte man schon sehen und dürfte auch ein gewisses Risiko darstellen, wenn die Energiepreise weiter steigen sollten.

Rechnen Sie mit einer weiteren Erholung des Dollars von seiner Schwäche?

Wir erwarten eher eine Seitwärtsbewegung. Falls die amerikanische Zentralbank jedoch weniger aggressiv werden sollte, könnte der Dollar auf Grund des Leistungsbilanzdefizits wieder unter Druck geraten.

Wo sehen Sie Risiken und Chancen auf der Währungsseite?

Der Yen ist gemessen an der Kaufkraftparität deutlich unterbewertet, insbesondere gegen den Euro. Entgegen der aktuellen Wahrnehmung rechnen wir in Japan mit einer relativ robusten Wirtschaftsentwicklung. Auf dieser Basis dürfte das Land toleranter gegen eine gewisse Aufwertungstendenz sein können, als in der Vergangenheit. Die gegenwärtige Schwäche der Währung könnte eine gute Kaufgelegenheit darstellen.

Sie nutzen für Ihre Prognosen unter anderem so genannte „Crowd-Indicators“, die das Massenverhalten der Anleger beurteilen. Auf welche Daten beziehen Sie sich dabei?

Wir nutzen zur Konstruktion verschiedene Umfragen, aber auch Kennzahlen wie die Put-Call-Ratio. Wir nutzen sie in der Regel als Kontraindikatoren. Entscheidend ist die „Kalibrierung“, um Wendepunkte identifizieren zu können. Dafür analysieren wir die historischen Daten.

Das Gespräch führte Christof Leisinger

Quelle: @cri
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