Interview

„Wir haben erst die Hälfte der Rohstoff-Rally gesehen“

12.12.2003
, 14:39
Fondsmanager Evy Hambro glaubt an weiter goldene Zeiten
Evy Hambro von Merrill Lynch managt zwei herausragende Rohstoff-Fonds. Und er blickt zuversichtlich in die Zukunft: Der Preisauftrieb bei Gold, Nickel & Co. wird anhalten, sagt er im FAZ.NET-Interview.

2003 ist bisher ein Rohstoff-Jahr. Wer vor Monaten auf Gold oder einen anderen metallischen Rohstoff gewettet hat, kann sich die Hände reiben. Die Zahlen sind eindrucksvoll: Der Preis für die Unze Gold ist in diesem Jahr von knapp 340 auf zuletzt 404 Dollar gestiegen. Dieselbe Menge Platin hat sich von 605 auf 818 Dollar verteuert. Kupfer hat in diesem Jahr 38 Prozent gewonnen und die beste Wertentwicklung seit 1994 gesehen, wie Bloomberg News berichtet. Nickel ist so teuer wie seit 14 Jahren nicht mehr. Und Weizen als eines der wichtigsten Getreide der Welt hat seit Jahresbeginn eines Preisanstieg von 23 Prozent erlebt. Selbst Kaffee ist teurer geworden, um 8,8 Prozent auf Dollarbasis.

Diese Entwicklung hat sich Evy Hambro zunutze gemacht. Der Fondsmanager von Merrill Lynch verwaltet zwei herausragende Fonds, die auf Rohstoffe und Aktien von Minengesellschaften setzen: den gut 500 Millionen Dollar schweren World Mining und den eine Milliarde Dollar beinhaltenden World Gold. Beide Fonds, deren Anteilsscheine wie Rohstoffe auf Dollar laufen, sind binnen Jahresfrist um 40 Prozent teurer geworden. Trotz der Schwäche der amerikanischen Währung bleibt in Euro rechnenden Anlegern eine schöne Rendite von jeweils gut 15 Prozent.

Im Interview mit FAZ.NET sagt Hambro, warum Anleger auch weiter mit steigenden Rohstoffpreisen rechnen dürfen und die Rally erst auf halbem Wege ist, wie der Fondsmanager meint.

In diesem Jahr sind die Preise für Rohstoffe auf breiter Front mehr oder weniger stark gestiegen. Haben Rohstoffe vorwiegend von der Schwäche des Aktienmarkt im Frühjahr und danach von der anhaltenden Schwäche des Dollar profitiert oder von einem Anstieg der Nachfrage?

Der Hauptgrund für den Anstieg von Rohstoffpreisen ist ein Anstieg der Nachfrage. Wir haben bei den meisten Rohstoffen sogar eine bedeutende Steigerung gesehen. Und am meisten dazu beigetragen hat China. Vor allem bei Nickel war die Rally großartig, ja spektakulär. Bei anderen wie Gold war der Preisanstieg schön. In manchen Fällen haben sich Rohstoffpreise, wie bei Gold und Platin, seit dem vierten Quartal des Jahres 2001, als sie ihre Tiefststände sahen, aus ihrem jeweiligen Tal erhoben. Wir sind aber bei der Rally dieses Bullenmarktes nicht einmal auf der Hälfte des Weges angekommen.

Sie glauben also, daß der Preisauftrieb sich fortsetzen wird?

Ich bin da sehr zuversichtlich.

Inwiefern spielt die Stimmung an den Märkten eine Rolle?

Für die Rally ist nicht zuerst das Sentiment, sondern die Nachfrage verantwortlich. Das liegt, wie gesagt, auch und gerade an China. Aber wir rechnen auch mit steigenden Orders aus anderen Regionen der Welt. Es ist Konsens unter Marktteilnehmern, daß sich die Wirtschaft in Amerika und bald auch in Europa erholt. Deshalb wird dort die Nachfrage nach Rohstoffen in Schwung kommen, was für einen sehr aufregenden Markt auf diesem Gebiet spricht.

Lassen Sie uns kurz auf Gold schauen: Ist es nicht so, daß der Goldpreis mehr durch das gestiegene Interesse bei Investoren getrieben wird als durch Nachfrage der verarbeitenden Industrie?

Die Nachfrage nach Gold von Investoren hat zwei Seiten: Zum einen ist das Interesse an physischem Gold bei Anlegern stark gestiegen, aber auch die Käufe nach Aktien von Goldminen hat zugenommen. Und zwar auf der ganzen Welt.

Glauben Sie, daß dieser Trend sich fortsetzen wird, obwohl sich die Aktienmärkte zusehends erholen und Gold deshalb als „sicherer Hafen“ uninteressanter werden könnte?

Ja, und dafür sehe ich mehrere Gründe: Das Interesse bei Investoren ist ungebrochen. Die Versorgung mit Gold bleibt dagegen stabil, wenn sie nicht sogar fällt. So etwas ist für die Preise sicher gut. Hinzu kommt eben die steigende Nachfrage aus China. Seit diesem Monat ist in London ein Exchange Traded Fund auf Gold gelistet, was auch ein gutes Zeichen ist. Außerdem ist die anhaltende Dollarschwäche für Gold ebenfalls gut.

Dem Gold mag ein schwacher Dollar dienen, aber für Anleger, die in Euro rechnen, ist dieser Trend weniger gut. Denn der Wert ihres Rohstofffonds steigt zwar auf Dollarbasis, die Zunahme wird aber infolge des Dollarverfalls zumindest teilweise aufgefressen.

Das stimmt, aber Anleger können sich gegen einen fallenden Dollar absichern (dies ist etwa durch Termingeschäfte möglich). Dessen ungeachtet ist es vor allem eine Frage, wie man auf den jeweiligen Sektor blickt, also welche Meinung man in diesem Fall von Rohstoffen hat. Wenn man glaubt, daß die Preise weiter steigen, wird man weiter in Rohstoffe investieren oder in entsprechende Fonds. Wir glauben, daß der Minen-Sektor eine sehr schöne Wertentwicklung sehen wird, in jeder Währung, am besten natürlich in Dollar. Die Preissteigerung bei Rohstoffen und den Fonds wird den Wertverfall beim Dollar mehr als ausgleichen.

Experten sagen, daß das in Gold liegende Anlagekapital im Vergleich zur Marktkapitalisierung in Aktien bisher sehr gering ist. Wird sich das im Zuge dieser Rallye ändern?

Ja, ich denke schon. Ich war immer der Auffassung, Gold werde wieder im Bewußtsein von Investoren, sozusagen auf ihrem Radarschirm, erscheinen. Dieser erkennbare Trend wird sich fortsetzen.

Spiegelt sich dies auch in der Nachfrage nach Anteilen an ihren beiden Fonds wider?

Ja, wir sehen eine phantastische Nachfrage nach den Fonds. Ende vergangenen Jahres verwalteten wir im World Mining gut 98 Millionen Dollar - derzeit sind es gut 500 Millionen Dollar. Beim World Gold ist da Volumen von 612 Millionen Dollar auf etwa eine Milliarde Dollar angewachsen.

Wo, glauben Sie wird, der Preis für Gold, Platin oder Nickel in einem Jahr liegen?

Wir sagen keine Preise vorher. Aber wir gehen von einem weiteren Preisanstieg aus, aus den genannten Gründen.

Bisher ist der World Mining ein klarer Outperformer in dieser Fondsklasse und der World Gold in der Spitze seiner. Können Sie Anlegern versprechen, daß dies so bleiben wird?

Ich kann gar nichts versprechen. Aber die Wertentwicklung ist sehr gut, und wir haben an unserem Investitionsprozeß nichts geändert. Folglich sollte sich die Performance fortsetzen, aber versprechen kann ich es natürlich nicht.

Können Sie Anlegern Tipps geben, welche Rohstoff-Aktien sich besonders anbieten?

Nein, kann ich nicht. Dazu äußern wir uns grundsätzlich nicht.

Halten Sie selbst Anteile an Ihren beiden Fonds?

Ja.

Das Gespräch führte Thorsten Winter.

Die Charts zeigen die Wertentwicklung der Fonds World Mining (oben) und World Gold von Merrill Lynch seit fünf Jahren.

Quelle: @thwi
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