Investmentfonds

Skandal bei amerikanischen Fonds weitet sich aus

29.10.2003
, 20:13
Die Ermittlungen wegen illegaler Handelspraktiken bei amerikanischen Investmentfonds ziehen immer weitere Kreise. Die fünftgrößte Gesellschaft Putnam und zwei ihrer Fondsmanager wurden wegen Betruges verklagt.
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Die Ermittlungen wegen illegaler Handelspraktiken bei amerikanischen Investmentfonds ziehen immer weitere Kreise. In dieser Woche wurde die fünftgrößte amerikanische Fondsgesellschaft Putnam und zwei ihrer Fondsmanager von der Börsenaufsicht SEC und der Aufsichtsbehörde des Bundesstaates Massachusetts wegen Betrugs verklagt. Dabei handelt es sich um das erste zivilrechtliche Verfahren gegen eine Fondsgesellschaft, seitdem der New Yorker Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer im September die Untersuchung der Geschäftsmethoden in der Branche forciert hatte.

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Spitzer hatte sich mit dem Hedgefonds Canary Capital auf einen außergerichtlichen Vergleich verständigt, weil der wegen fragwürdigen Handels mit Anteilen von Investmentfonds der Bank of America, der Bank One sowie mit Fonds der Gesellschaften Janus und Strong Capital aufgefallen war. Gegen diese Banken und Fondsgesellschaften gibt es bisher keine formellen Vorwürfe.

Fondsgesellschaften verstießen gegen eigene Regeln

Im Zentrum der Ermittlungen stehen zwei unterschiedliche Praktiken. Die erste ist der illegale Handel mit Fondsanteilen nach Börsenschluß. Der Preis von Fondsanteilen wird einmal am Tag zum Börsenschluß festgesetzt. Für Aufträge nach Börsenschluß gilt daher schon der Preis, der am nächsten Tag festgesetzt wird. Manche Kunden konnten Anteile aber offenbar auch nach Börsenschluß noch zum Preis des Vortages handeln. Auf diese Weise konnten sie unrechtmäßig von Nachrichten profitieren, die nach Marktschluß veröffentlicht wurden. Die zweite anscheinend weitverbreitete Praxis im Visier der Ermittler ist der Kauf und Verkauf von Fondsanteilen in kurzen zeitlichen Abständen. Das ist zwar nicht gesetzlich verboten, verstößt aber in der Regel gegen die Statuten der Fondsgesellschaften, die auf langfristige Anlage ausgelegt sind. Die Gesellschaften sind rechtlich an ihre Statuten gebunden. Kleinanleger wurden wegen dieser Methoden benachteiligt. Mit häufigen Transaktionen zumeist institutioneller Investoren steigen die Kosten der Fonds und deren Anfälligkeit für Kursschwankungen.

Mit dieser von der Wertpapieraufsicht kritisierten Methode, die auch unter dem Fachbegriff "Market Timing" bekannt ist, können Anleger Preisunterschiede auf internationalen Finanzmärkten ausnutzen. So kann etwa ein Anleger in den Vereinigten Staaten profitieren, wenn ausländische Aktienmärkte nachgeben. Das funktioniert so: Fallen die Aktienkurse in Übersee, wird das wegen des Zeitunterschieds die Preise der internationalen Aktienfonds in Amerika am nächsten Tag belasten. Deren Preise werden wie die der anderen Fonds aber erst zum Ende des amerikanischen Börsentags festgesetzt. Ein Anleger weiß nun aber schon während des Handelstags, wie die amerikanischen Börsen tendieren. Da die internationalen Finanzmärkte häufig den Vorgaben der Wall Street folgen, kann der Anleger bei steigenden amerikanischen Börsenkursen mit guten Chancen auf steigende internationale Kurse am folgenden Tag wetten. Die Fondsanteile kann er aber vor Börsenschluß noch zum niedrigen Preis erwerben. Am nächsten Tag verkauft er die Anteile dann mit Gewinn, wenn die Kurse in Übersee wieder gestiegen sind. Die meisten Fondsgesellschaften versuchen nach eigenen Angaben, dieses Verhalten zu unterbinden, indem sie Aufträge von kurzfristig orientierten Anlegern verweigern oder zusätzliche Gebühren für häufige Transaktionen verlangen.

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Putnam erzielte Gewinne auf Kosten der Kunden

Die Vorwürfe gegen Putnam haben eine neue Qualität, weil hier nicht den Kunden der Fondsgesellschaft "Market Timing" vorgeworfen wird, sondern den eigenen Fondsmanagern. Die Aufsichtsbehörden beschuldigen sie, die genaue Kenntnis ihrer internationalen Aktienfonds ausgenutzt zu haben, um auf Kosten ihrer Kunden Gewinne einzustreichen. Manager bei Putnam seien darüber informiert gewesen, hätten diese Praktiken aber nicht unterbunden. "Diese Personen und das Management von Putnam haben es zugelassen, daß die normalen Fondsanleger betrogen wurden", sagte William Galvin, der für die Wertpapieraufsicht in Massachusetts verantwortlich ist. Putnam wies die Vorwürfe zurück. Die Gesellschaft ist wie einige andere große Fondsgesellschaften in Boston beheimatet und eine Tochtergesellschaft des Versicherungsmaklers Marsh & McLennan Cos. Insgesamt verwaltet Putnam 272 Milliarden Dollar. Amerikanische Fondsgesellschaften verwalten gemeinsam 7 Billionen Dollar für rund 95 Millionen Anleger. Staatsanwalt Spitzer hatte wegen der fragwürdigen Geschäftspraktiken von möglichen Schäden für Privatanleger in Milliardenhöhe gesprochen.

Für Fondskunden, die die Gelegenheit zum spekulativen Handel mit Fondsanteilen bekamen, war es ein lukratives Geschäft. In der vergangenen Woche wurde bekannt, daß zehn Mitglieder einer Gewerkschaft mit Tausenden von Käufen und Verkäufen in ihren Pensionsdepots bei Putnam von Mitte 2000 bis Anfang 2003 zusammen 2 Millionen Dollar verdient hatten - trotz Baisse an den Aktienmärkten.

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Fondsgesellschaften griffen nicht durch

Putnam hatte in der vergangenen Woche die Entlassung von vier Fondsmanagern angekündigt. Die Entlassung erfolgt vier Jahre nachdem Putnam in einer internen Prüfung herausgefunden hatte, daß die Transaktionen der Fondsmanager langfristig orientierte Anleger schädigen.

"Die größte Frage ist ganz klar, warum Putnam nicht stärker reagiert hat, als sie von den Aktivitäten erfuhren", sagt Analyst Kunai Kapoor von der Marktforschungsgesellschaft Morningstar. Staatsanwalt Spitzer und die SEC haben ihre Ermittlungen auf zahlreiche Fondsgesellschaften ausgedehnt. In diesem Monat wurden im Rahmen von internen Untersuchungen bei verschiedenen Wertpapierhäusern zahlreiche Mitarbeiter entlassen. Alliance Capital, Prudential Securities, die Citigroup-Tochtergesellschaft Smith Barney, Fred Alger Management sowie Merrill Lynch haben Mitarbeiter wegen Verdachts auf unrechtmäßigen Handel mit Fondsanteilen entlassen oder suspendiert. Die Bank of America hat ebenfalls Mitarbeiter entlassen, darunter den Chef der Fondssparte.

Quelle: nks. , Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.10.2003, Nr. 252 / Seite 23
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