Mögliche Folgen für den Euro

„Angst vor Wilders? Le Pen ist das größte Risiko“

Von Martin Hock
14.03.2017
, 18:03
Marine Le Pen: Europas größtes Risiko?
Der Chefökonom der niederländischen Fondsgesellschaft Robeco sieht die Wahlen in seiner Heimat am Mittwoch gelassen. Viel mehr Sorgen macht ihm ein anderes Land.
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Die Welt ist im Umbruch. Ob es nun der Austritt Großbritanniens aus der EU ist oder die neuen Unwägbarkeiten der amerikanischen Politik sind, die Finanzmärkte haben viel zu verarbeiten. Einige Beobachter hat diese Entwicklung überrascht und sie mutmaßen, die Akteure seien mit den bevorstehenden Veränderungen überfordert.

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Léon Cornelissen, Chefökonom der niederländischen Fondsgesellschaft Robeco, hat eine andere Interpretation: „Es ist noch nichts passiert. Großbritannien hat den Austritt nach Artikel 50 noch nicht eingeleitet. Und auch von Trump haben wir noch nicht wirklich etwas gesehen: Viel Lärm, aber wenig Substanz.“ Zudem habe sich der Brexit in der deutlichen Abwertung des Pfundes durchaus niedergeschlagen.

„Nexit wäre Selbstmord“

Nicht, dass Cornelissen entspannt wäre. Obwohl er den nächsten Prüfstein, die am Mittwoch bevorstehenden Wahlen in seinem Heimatland vergleichsweise nicht als solchen betrachtet. Schon gar nicht sieht er einen „Nexit“, also ein Austritt der Niederlande aus dem Euro, im Bereich des Möglichen. „Nur 25 Prozent der Niederländer sind gegen den Euro. Wir sind eine kleine Handelsnation – da wäre so ein ‚Nexit‘ Selbstmord.“

Mit einem vor kurzem erfolgten Parlamentsbeschluss, eine Kommission die Vor- und Nachteile des Euro für die Niederlande auflisten zu lassen, hätten die Christdemokraten viel mehr der Freiheitspartei PVV des Populisten Wilders das Wasser abgraben wollen. Sicher werde die Regierungsbildung länger dauern. Aber das habe in den Niederlanden durchaus Tradition.

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Wilders werde an der Regierung nicht beteiligt sein, da ist sich Cornelissen ziemlich sicher. Selbst im Falle eines Wahlerfolgs sei die PVV in der Länderkammer weiter schwach vertreten, deren Zusammensetzung sich erst 2019 wieder ändern werde. „Und selbst wenn der Euroraum auseinanderfallen sollte, werden wir auf der Währungsseite wieder Deutschland folgen – so wie wir das schon immer gemacht haben.“

„Frexit führt zu Finanzkrise“

Mit Blick auf Europa hat der Niederländer ganz andere Sorgen. Diese haben einen Namen: Marine Le Pen. „Der Front National hat dezidierte Pläne zur Einführung eines neuen Franc und einer Umschuldung. Ein Frexit aber ist eine ganz andere Sache als ein Brexit oder Grexit. Und ein Euro-Austritt Frankreichs würde eine Finanzkrise auslösen, die vermutlich Jahre anhält.“

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Der Ökonom geht davon aus, dass dann eine massive Flucht aus dem Euro in den Dollar einsetzt. Auch innerhalb des Euroraums würden sich die Gewichte verschieben. Besonders französische Anleihen würden verkauft, während deutsche, niederländische oder finnische Wertpapiere gesucht wären.

Tatsächlich werde es schon genügen, wenn Le Pen im ersten Wahlgang die meisten Stimmen erhalte. „Die Märkte werden dann sofort in den Risk-Management-Modus gehen und in erster Linie von Frankreich und in zweiter Linie von Euroraum Abstand nehmen.“ Wenn Le Pen dann doch nicht gewählt würde, könnte sich das alles wieder beruhigen. „Im Gegenteil: Unter einem Gespann aus Fillon oder Macron und Merkel oder Schulz könnte sich die Lage des Euroraums und das Ansehen des Euro sogar verbessern. Aber: Wir wissen einfach nicht, was passieren wird.“

Auch ein „Ixit“ täte weh

Eine Wahl Le Pens ist laut Cornelissen das mit Abstand größte Risiko für Europa: „Und das ist kein tail risk“, sagt der Volkswirt. Als „tail risk“ werden Ereignisse bezeichnet, die zwar starke Veränderungen auslösen, allerdings keine hohe Wahrscheinlichkeit besitzen. Doch nicht nur auf Frankreich gelte es zu schauen. Auch Italien sei längerfristig ein Problem, der Effekt aber wohl nicht ganz so stark. „Ein ‚Ixit‘ oder wie man das nennen mag, könnte den Euro auf Dauer sogar stärken und der Währungsraum stärker zusammen wachsen. Kurzfristig dürfte aber der Austritt jedes größeren Landes eine Finanzkrise zur Folge haben.“ Das gelte natürlich um so mehr, wenn ein solcher Austritt die entsprechenden Bewegungen in anderen Ländern stärke Indes sei ein „Ixit“ nicht wirklich wahrscheinlich. „Aber Le Pen – das ist eine ganz andere Sache.“

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Der Ökonom tut sich daher derzeit schwer, Prognosen und Empfehlungen abzugeben. Auf einen Frexit könne man sich am einfachsten vorbereiten, indem man französische gegen deutsche Staatsanleihen leer verkaufe. „Französische Staatsanleihen tendieren derzeit bei 0,7 Prozentpunkten und könnten um 1,5 bis 1,7 Prozentpunkte höher tendieren als Bundesanleihen, wenn Le Pen im ersten Wahlgang gewinnt. Dann nämlich ist die Wahrscheinlichkeit eines Austritts Frankreichs aus dem Euro deutlich gestiegen.“

Für Aktienanleger hat Cornelissen noch eine andere Empfehlung parat. „Statt europäischer Aktien könnte man zum Beispiel mehr amerikanische oder japanische ins Depot nehmen.“ Die amerikanische Notenbank Fed werde in diesem Jahr die Zinsen mehrfach anheben werde. Das werde den Dollar aufwerten lassen, was Japan zugute kommen werde.

Obwohl der Ökonom auch hier nicht so richtig sorgenfrei ist. Die Handelsbeziehungen mit Amerika und die Spannungen mit China stellten durchaus ein Risiko dar. Wenn Amerika sich tatsächlich aus dem pazifischen Raum zurückziehen sollte, würden die Spannungen zwischen den beiden Ländern zunehmen.

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Protektionismus wird zunehmen

Generell sei die künftige Haltung der Vereinigten Staaten ein kritischer Faktor für die Zukunft der Weltwirtschaft, vor allem, wenn diese tatsächlich die Welthandelsorganisation verließen. Für Cornelissen ist das gar nicht so unwahrscheinlich. „Eines ist sicher: Die nächste G20-Erklärung wird nicht mehr vor dem Protektionismus warnen.“ Dass sich China zum Champion des Freihandels aufschwinge, sei doch ein wenig schwer zu glauben. „Aber es ist wirklich zu früh, um zu sagen wie sich das entwickelt.“

Angesichts der vielen Unwägbarkeiten könne man als Anleger nur vorsichtig agieren. „Unsere Aktienposition ist wie unser Gesamtportfolio ziemlich neutral.“ Aber einen Tipp hat Cornelissen dann doch noch: Die Renditen von Schwellenländeranleihen seien derzeit besser als die von Hochzinsanleihen. Und die politischen Risiken letztlich geringer. Denn die lägen derzeit ja eher in den entwickelten Ländern. Die Welt ist kompliziert geworden.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Hock, Martin
Martin Hock
Redakteur in der Wirtschaft.
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