Kommentar

Bei Investmentfonds mehr Demokratie wagen

EIN KOMMENTAR Von Hanno Beck
16.08.2004
, 18:35
Deutschlands Fondsgesellschaften vertreten inzwischen stärker ihre Interessen gegenüber Aktiengesellschaften. Nur: Grundsätze guter Unternehmensführung müßten auch für Fonds gelten, meinen Aktionärsschützer.
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Ein schlafender Riese erwacht: Nachdem Deutschlands Kapitalanlagegesellschaften sich jahrelang darauf beschränkt haben, die Aktien von Unternehmen zu kaufen oder zu verkaufen und Kritik an den Unternehmen, in die sie investieren, allenfalls hinter verschlossenen Türen zu üben, gehen sie nun stärker dazu über, ihre Inhaberinteressen in aller Öffentlichkeit zu artikulieren. Die diesjährige Hauptversammlungssaison, deren Höhepunkt wohl die kollektive Kritik einiger deutscher Fonds an der Selbstbedienungsmentalität des Daimler-Chrysler-Vorstands war, dürfte nur ein Vorgeschmack dessen sein, was viele Unternehmen in den kommenden Jahren erwartet.

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Doch mit dem Gang in die Öffentlichkeit und der in Deutschland an Fahrt gewinnenden Diskussion um die Grundsätze guter Unternehmensführung kommen auch die Fonds ins Kreuzfeuer der öffentlichen Kritik: Was an Grundsätzen ordentlicher Unternehmensführung für Unternehmen erstrebenswert sei, gelte auch für Fonds, postulieren Aktionärsschützer.

Aufhänger der Diskussion ist der Vorwurf des Vorstandes der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK), daß Investmentfonds sich nicht ausreichend an den Abstimmungen auf den Hauptversammlungen beteiligen und deswegen eine gesetzliche Pflicht, ihre Stimmrechte zu nutzen, für in Deutschland zugelassene Fonds nötig sei. Doch nicht nur das: Die meisten Fondsgesellschaften geben keine Auskunft darüber, wie sie abgestimmt haben - was den Verdacht nahelege, daß man den Worten der Kritik keine entsprechenden Taten habe folgen lassen.

Fondsgesellschaften nicht so unabhängig sind, wie sie vorgeben

Die Aktionärsschützer sehen in diesem Umstand einen Beleg dafür, daß die Fondsgesellschaften nicht so unabhängig sind, wie sie vorgeben - wer als Fondsgesellschaft eine Bank als Muttergesellschaft im Nacken habe, müsse auf deren Interessen Rücksicht nehmen und könne den Unternehmen als potentiellen Kunden der Bank nicht die Entlastung verweigern.

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Daß eine Offenlegung des Abstimmungsverhaltens möglich ist, zeigen die Deka, die Fondsgesellschaft der Sparkassen, sowie Union Investment, die Fondsgesellschaft des Raiffeisen-Verbundes. Die Deka hatte öffentlich erklärt, dem Daimler-Chrysler-Vorstand die Entlastung zu verweigern. Praktikabel allerdings wäre eine Offenlegung des gesamten Abstimmungsverhaltens nicht, sagen die Fondsgesellschaften: Bei 50 bis 100 Gesellschaften im Portfolio eines Fonds, die dann jeweils auf ihrer Hauptversammlung über rund zehn Tagesordnungspunkte abstimmen lassen, käme ein großer Aufwand auf die Gesellschaften zu, dies zu dokumentieren, zumal man die einzelnen Beschlüsse dann noch begründen müßte.

Praktikabler wäre es wohl, das Abstimmungsverhalten nur in den Fällen zu dokumentieren, in denen man von den Vorschlägen des Vorstandes der jeweiligen Aktiengesellschaft abweicht. Vermutlich würde das Abstimmungsverhalten der Fondsgesellschaft die meisten Fondskunden nur in wenigen spektakulären Fällen interessieren, wie es beispielsweise bei Daimler-Chrysler der Fall war. Mit einer solchen Praxis könnten die Fondsgesellschaften auch dem Vorwurf der Abhängigkeit von der Muttergesellschaft begegnen. Dennoch scheuen viele Fondsgesellschaften die Gefahr eines permanenten Rechtfertigungsdrucks gegenüber Fondskunden, die wissen wollen, warum man so abgestimmt habe und nicht anders.

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Wie steht es mit dem Gehalt der Fondsmanager?

Aber das ist nicht der einzige Kritikpunkt an den Fondsgesellschaften: Wer einen Schritt weiter denkt, kommt über die Frage nach der Transparenz des Abstimmungsverhaltens rasch auf die Frage, ob es denn nicht noch andere Punkte gibt, bei denen sich die Fondskunden mehr Transparenz wünschen - hier spielen Aktionärsschützer vor allem auf das Gehalt der Fondsmanager an, aber auch zu anderen Details, die sich nicht in den Rechenschaftsberichten des Fonds finden, solle es den Anlegern möglich sein, detaillierter nachzufragen. Zu Ende gedacht, gipfeln diese Überlegungen in der Forderung, Hauptversammlungen auch für Fonds einzuberufen, auf denen die Anleger ihre Fondsmanager entlasten können - oder auch nicht.

Theoretisch betrachtet, entbehrt dieser Gedanke nicht eines gewissen Charmes: Warum sollten die Anleger nicht einen stärkeren Einfluß auf die Verwaltung ihres Geldes haben? Allerdings stimmt der Vergleich zwischen Fondskunden und Aktionären nicht ganz: Während die Aktionäre tatsächlich Eigentümer des Unternehmens sind, über das sie abstimmen, und somit ein natürliches Recht haben zu erfahren, was die Führungsriege ihres Unternehmens verdient, verhält sich das im Falle eines Fonds nicht ganz so.

Fondsbesitzer ist Kunde, nicht Miteigentümer einer Gesellschaft

Dem Fondskunden gehört nur das Geld in dem Sondervermögen, in das er investiert hat, und dieses Sondervermögen wird eben von der Fondsgesellschaft verwaltet. Insofern, so argumentieren die Fondsgesellschaften, sei der Fondskunde nur Käufer eines Produktes und nicht Eigentümer der Gesellschaft, die das Gehalt des Fondsmanagers bezahle. Wenn in diesem Rechtsverhältnis der Fondskunde über das Gehalt des Fondsmanagers abstimme, dann sei das in etwa so, als würde man den Sportwagenkäufer über das Gehalt der Ingenieure abstimmen lassen, die den Wagen konzipiert haben.

Jenseits dieser kniffligen Diskussion halten die Fondsgesellschaften diesen Vorschlag schlichtweg für unpraktikabel: Für so viele Fonds und Fondskunden eine jährliche Hauptversammlung auf die Beine zu stellen sei logistisch und technisch kaum zu bewältigen, abgesehen davon, daß die Präsenzquote auf regulären Hauptversammlungen bereits andeute, wie groß das Interesse der Anleger wirklich sei. Eine Hauptversammlung für Fonds sei zudem gleichbedeutend mit steigenden Kosten für die Fondsprodukte - und steigende Kosten haben noch keinen Fondskäufer reich gemacht.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.08.2004, Nr. 190 / Seite 19
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