Kommentar

Der Fondsverband steckt in der Zentrifuge

EIN KOMMENTAR Von Hanno Beck
15.11.2004
, 18:45
Ein Transparenzvorstoß einiger Anbieter von Immobilienfonds legt Abstimmungsprobleme beim Fondsverband BVI offen. Dabei wäre es auch aus Sicht der Fondssparer wichtig, daß die Verbandsmitglieder an einem Strang ziehen.

Was ist eigentlich ein Verband? Grob gesprochen ist er eine Interessengemeinschaft: Mehrere Interessenparteien schließen sich zusammen, um ihre Kräfte zu bündeln und gemeinsam Aufgaben zu bewältigen, die sie alleine nicht bewältigen könnten, die aber im gemeinsamen Interesse aller Beteiligten liegen. Das ist es auch, was einen Verband in seinem Innersten zusammenhält - gemeinsame Interessen.

Doch was passiert, wenn die Einzelinteressen der Verbandsmitglieder Vorrang vor der Interessenkongruenz erhalten? Dann kommt es früher oder später zu etwas, was man vornehm als "Zentrifugalkräfte" bezeichnet: Die Verbandsinteressen, der gemeinsame Kitt, sind nicht mehr stark genug, um alle Mitglieder an Bord zu halten. Mit der Konsequenz, daß die gemeinsamen Interessen nicht oder nicht mehr ausreichend gewahrt werden.

Vorstoß der Immobilienfonds zeigt das Abstimmungsproblem

Solche Zentrifugalkräfte kann man derzeit beim Bundesverband Investment und Asset Management (BVI), der Interessenvertretung der deutschen Fondsbranche, beobachten.

Aktueller Anlaß ist die in der vergangenen Woche angekündigte Transparenzinitiative von vier der größten Immobilienfondsanbieter: Die Commerz Grundbesitz Invest (CGI), die Deutsche Gesellschaft für Immobilienfonds (Degi), die Deka Immobilien Investment und die Deutsche Immobilienfonds AG (Difa) haben angekündigt, die Informationen in den Rechenschaftsberichten ihrer Immobilienfonds erheblich auszuweiten.

Zudem wolle man mit der Datenweitergabe an Rating-Agenturen in Zukunft liberaler verfahren, verkündeten die Transparenz-Vorreiter. Man sehe sich dabei in der Rolle des Schrittmachers, hieß es weiter. Immerhin repräsentiere man knapp zwei Drittel des Marktvolumens.

Eher reaktives als aktives Verhalten

Was nach Aktion aussieht, ist eigentlich eher Reaktion: Nach monatelangen Querelen um Immobilienskandale, Mittelabflüsse und intransparente Produkte - die zu großen Teilen auch der jetzige Transparenzinitiator Deka Immobilien Investment mitverschuldet hatte - war es für die Anbieter höchste Eisenbahn zu reagieren.

Bleibt für den normalen Fondskunden aber die Frage offen, warum denn nur vier Anbieter reagiert haben und was denn die restlichen Anbieter nun zu tun gedenken. Man werde sich über diese Initiative im Dezember auf der nächsten Sitzung des Immobilienausschusses des BVI austauschen, heißt es dazu bei den Transparenzrenegaten - ein Satz, der um so mehr befremden muß, als mit Degi-Geschäftsführerin Bärbel Schomberg, die Vorsitzende des betreffenden Ausschusses, zu den Initiatoren der außerverbandlichen Initiative zählt.

Diesen Posten hat sie übrigens erst vor kurzem recht überraschend von ihrer Vorgängerin Barbara Knoflach übernommen, deren Abschied aus dieser Position bereits auf Differenzen innerhalb des Verbandes hindeutet.

Nicht der erste Tiefschlag für den Verband

Schön für den Fondskunden, daß offenbar ein Transparenzwettbewerb unter den Fondsanbietern entsteht - doch wie geht der Verband damit um? Anstatt eine solche Initiative innerhalb der Branche vorab zu koordinieren, will man erst, nachdem man vollendete Tatsachen geschaffen hat, auch im Verband darüber reden? Das klingt entweder danach, daß die vier Transparenzführer den Verband nicht ernst nehmen oder man bereits miteinander gesprochen hat und der Verband die "Transparenzler" nicht ernst nimmt. Wie man es auch dreht und wendet - hier scheinen Zentrifugalkräfte am Werk zu sein.

Es ist nicht der erste Tiefschlag, der den Verband ereilt: Noch vor wenigen Monaten startete man einen Frontalangriff gegen die als intransparent verschriene Zertifikatebranche - und nur wenige Wochen später erwischte man BVI-Vorstandssprecher Axel-Günter Benkner beim öffentlichen Kuscheln mit der Zertifikatebranche. Man sei ja auch aufeinander angewiesen, erklärte Benkner im einem Interview, das in einer Fachzeitung erschien - die Branche dankt vermutlich dem Herrgott, daß diese Sätze es nicht in die Regionalzeitungen schafften. Ob gewollt oder nicht - für den Verband muß dieses Interview wie eine Ohrfeige gewirkt haben. Nach einer großen Aktion, die mit viel Verve gestartet wurde, kommt kurz danach die kalte Dusche ausgerechnet vom Vorstandssprecher.

Ein ähnlich kalter Wind bläst dem Verband auch in Sachen Altersvorsorge ins Gesicht: Das vom BVI propagierte Altersvorsorgekonto fand in den Medien und der Politik weniger Widerhall als erhofft - nicht weil man vielleicht schlecht gearbeitet hätte oder der Vorschlag selbst nicht attraktiv sei. Hier kam der Gegenwind unter anderem von der Initiative Finanzplatz Deutschland (IFD), die mit dem Eigenvorsorgekonto ein eigenes Konzept propagierte. Die Folge: Im lauten Getümmel auf dem munteren Basar der Altersvorsorgeverbesserungsvorschläge verloren all diese Initiativen rasch an Schwung.

Die Verbandsmitglieder müssen an einem Strang ziehen

Nun kann man sich auf den Standpunkt stellen, daß es dem Fondskunden gleichgültig sein kann, ob die Fondsbranche mit einer Stimme spricht oder nicht - im Falle eines Transparenzwettbewerbs könnten diese Zentrifugalkräfte ihm sogar in die Hände spielen. Doch ein Blick auf die Agenda vergangener Tage zeigt, daß die Interessen der Fondsbranche oft auch die Interessen der Fondskunden sind: Solange die Branche sich bemüht, Bedingungen zu schaffen, die ihre Produkte attraktiver machen, kann auch der Endkunde davon profitieren. Beispiele dafür sind die Einführung von Geldmarktfonds, an welcher der Verband nicht unbeteiligt war, oder auch das Gerangel um die Doppelbesteuerung von Fonds, wo der BVI erhebliche politische Gewichte stemmte.

Auch die AS-Fonds, die ein Kind des BVI sind, sind trotz ihres den Umständen geschuldeten Mißerfolgs kein grundsätzlich verkehrtes Produkt. Und die politische Diskussion um die weitere Ausgestaltung der Altersvorsorge zeigt, welche schweren Aufgaben auf die Branche in Zukunft warten. Um so mehr gilt es zu vermeiden, daß die Fliehkräfte im BVI an Momentum gewinnen. Vermutlich müssen die zentrifugalen Kräfte innerhalb des Verbandes wieder begreifen: Wer sich vereinen will, muß auch teilen können.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.11.2004, Nr. 268 / Seite 21
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot