Kommentar

Der "kleine" Anleger zieht immer den Kürzeren

EIN KOMMENTAR Von Michael Lewis, Bloomberg News
18.11.2003
, 06:00
Die Finanzaufsicht vermittelt den Eindruck, daß alle Anleger die gleichen Chancen haben. Eine Illusion, denkt Michael Lewis von Bloomberg News. Das scheitere auch an der Inkompetenz vieler Fondsmanager.
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Die Finanzmärkte in den Amerika sind keine klassenlose Gesellschaft. Der Normalverdiener investiert sein Geld anders als ein sehr reicher und ausgefuchster Investor. Die Illusion der Gleichheit wird durch die Finanzaufsicht noch verstärkt. Sie vermittelt den Eindruck, daß alle die gleichen Bedingungen haben. Aber das ist ein Trugschluß.

Ein gutes Beispiel dafür sind die Investmentfonds. Hier haben sich die Hedgefonds, die in erster Linie auf reiche Privatanleger und institutionelle Investoren ausgerichtet sind, auf Kosten der Investmentfondsanleger bereichert. Dabei werden die Investmentfonds doch als sichere Anlage für den "kleinen" Anleger angepriesen. Wären nur die Investmentfondsmanager aufrichtig gewesen, dann hätten die kleinen Anleger die gleichen Konditionen bekommen wie die reichen Investoren und alles wäre in Ordnung in der Investment-Welt.

Anleger leben in verschiedenen Welten

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Aber das ist schlicht und ergreifend falsch. Das Geld reicher Investoren würde nie in einen Investmentfonds fließen - es sei denn, man könnte von Ungleichgewichten bei den Preisen der Investmentfonds profitieren. Das wahre Problem liegt nicht in der Unaufrichtigkeit der Fondsmanager oder darin, daß die Insider die Outsider austricksen, sondern daß die Anleger in zwei verschiedenen Welten leben. Es gibt eine Reihe von Anlagekategorien für die Reichen und Mächtigen wie beispielsweise Hedgefonds, Private Equity und private Vermögensverwaltung. Für die breite Masse gibt es dagegen die Investmentfonds.

Ein weiteres Problem ist die Inkompetenz der Fondsmanager. Die Millionen von Dollar, die die Investmentfonds dem normalen Anleger vorenthalten haben, sind nur ein Bruchteil der Summe, die sie verschwendet haben. In seinem Buch "A Random Walk Guide to Investing" zeigt Burton Malkiel, daß Indexfonds in den vergangenen zwei Jahrzehnten 88 Prozent der aktiv verwalteten Fonds geschlagen haben.

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In den vergangenen fünf Jahren hat sich der Standard & Poor's besser entwickelt als 53,4 Prozent der Aktienfonds, die in Standardwerte investieren. Das bedeutet, die Anleger haben in den meisten Fällen den Fonds Geld dafür gezahlt, daß ihr Kapital langsamer gewachsen ist, als wenn sie es ganz simpel in Marktindizes investiert hätten. Dennoch ist das Kapital, das die Investmentfondsbranche verwaltet, von 5,3 Billionen Dollar auf 7 Billionen Dollar gestiegen. Diese Zahlen lassen nur einen Schluß zu: Die Investmentfondsbranche ist hauptsächlich für die Leute lukrativ, die für sie arbeiten.

Regulierung hilft nicht weiter

Die Reaktion der Aufsichtsbehörden dürfte ähnlich ausfallen wie bei dem Skandal um geschönte Analystenstudien. Der Vergleich mit den Investmentbanken im Zusammenhang mit den Analystenstudien hat die Illusion geschaffen, daß die Studien jetzt "objektiv" und daher verläßlich seien. Aber das ist frommes Wunschdenken. Auch die Maßnahmen in der Investmentfondsbranche dürften eher die Illusion einer Reform vermitteln als tatsächlich etwas verändern.

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Die höheren Kosten durch vermehrte Vorschriften und mehr Rechtskosten dürften an die Anleger der Investmentfonds weiter gereicht werden. Ein weiterer Nebeneffekt: Der Skandal wird zu einer Abwanderung von talentierten Fondsmanagern führen. Dann wird in der Fondsbranche noch mehr als bisher das Mittelmaß regieren. Wo wird ein Fondsmanager mit einem glücklichen Händchen am liebsten arbeiten wollen? In der Investmentfondsbranche, die jetzt von den übereifrigen, pressehungrigen Aufsichtsbehörden mit Argusaugen überwacht wird? Wohl kaum. Die talentierten Fondsmanager dürften sich so schnell es geht in die Hedgefondsbranche absetzen.

Dafür gibt es bereits erste Anzeichen, auch auf der Kapitalseite. Privatpersonen und institutionelle Anleger, die die Wahl haben, stecken ihr Geld zunehmend in Hedgefonds. In den letzten fünf Jahren konnten die stark reglementierten Investmentfonds ihr Kapital um ein Drittel steigern. Hingegen schafften die praktisch unreglementierten Hedgefonds eine Verdopplung des verwalteten Kapitals.

Quelle: Bloomberg
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