Kommentar

Geiz ist bei Fonds nicht immer geil

EIN KOMMENTAR Von Hanno Beck
23.08.2004
, 18:30
Ob nur Fonds mit niedrigen Gebühren gute Fonds sind, läßt sich schwer beantworten. Ein geeigneter Rat könnte es aber sein, bei Massenware auf den Preis zu achten und bei exklusiveren Produkten auf die Qualität.

Längst leben viele Deutsche nach dem Motto: Geiz ist geil. Wo immer es ein Schnäppchen zu machen gilt, wo immer es etwas preiswert gibt, da zieht es die Leute hin. Kein Wunder, daß zum Leidwesen der Fondsbranche auch bei ihren Produkten die Kostendebatte immer wieder auf die Tagesordnung gesetzt wird.

Billige Fonds? Das muß doch eigentlich gut sein, oder? Oder gilt in der Fondsbranche, was auch im täglichen Leben gelten soll: Qualität hat ihren Preis? Der gemeine Fondsinvestor, der sich eingehend mit der Frage beschäftigt, wird rasch mit seinem Latein am Ende sein. Das einzige, was ihn trösten kann: Auch den Profis geht es so.

Die Ergebnisse einer Studie von Standard & Poor´s ...

Der beste Beleg sind zwei Studien, die sich mit dem Thema teure versus billige Fonds auseinandergesetzt haben. Da wären zum einen die Fondsspezialisten des Finanzdienstleisters Standard & Poor's (S&P). Sie haben in ihrer Studie eindeutig herausgefunden, daß teure Fonds ihr Geld nicht wert sind. Billigere Fonds, so hat S&P festgestellt, schlagen ihre Kollegen zumeist, was die Wertentwicklung angeht: „Hohe Gebühren können einen wichtigen Teil der Wertentwicklung zunichte machen - deswegen sollten Vermögensverwalter und Anleger bei der Zusammenstellung ihrer Portfolios vor allem auf die Kosten der von ihnen bevorzugten Produkte achten."

Um dieses zu beweisen, teilte S&P die untersuchten Fonds in ihren entsprechenden Segmenten in zwei Kategorien ein - und zwar in überdurchschnittlich teure und überdurchschnittlich billige Fonds. In einem nächsten Schritt stellten sie dann fest, wie sich die Fonds der beiden Kategorien über die Zeit hinweg entwickelten. Das Ergebnis: Lediglich bei Aktienfonds, die in Werte mit mittlerer Marktkapitalisierung investieren und dabei eine Mischung aus wertorientierter und wachstumsorientierter Anlagestrategie verfolgen, waren die teureren Fonds besser in der Wertentwicklung als ihre billigeren Konkurrenten.

... und von Lipper widersprechen sich

Damit scheint die Frage doch beantwortet, oder? Nicht ganz, denn eine Studie des Finanzdienstleisters Lipper kommt zu einem etwas anderen Ergebnis: Wer Fonds mit geringeren Gebühren wähle, erhöhe damit nicht seine Chancen, einen Fonds zu finden, der den Index schlage. Im Gegenteil seien in manchen Fällen die kostspieligsten Fonds auch jene gewesen, die am ehesten den Index schlagen.

Allerdings lesen sich die Ergebnisse der Studie im Kleingedruckten etwas differenzierter, da Lipper nach Anteilsklassen unterscheidet: So habe man festgestellt, daß bei Fonds ohne Ausgabeaufschlag in der Tat die billigeren Fonds auch zumeist die besseren seien. Allerdings habe man nur bei drei von acht verschiedenen Anteilsklassen bei Aktienfonds, die es in den Vereinigten Staaten gibt, festgestellt, daß man seine Chancen auf einen guten Fonds erhöht, wenn man zur Billigware greift.

Bei den Rentenfonds waren es ebenfalls nur drei von neun Anteilsklassen, in denen billiger auch besser bedeutet. Behält man im Hinterkopf, daß Fonds ohne Ausgabeaufschlag zumeist Indexprodukte oder indexnahe Produkte sind, so kommt Lipper zu einem eindeutigen Resultat: Gute Fondsmanager, die den Index schlagen, verlangen eben auch höhere Vergütungen - die sie aber auch wert sind.

Die richtige Antwort hängt vom Einzelfall ab

Die Argumente beider Studien klingen logisch und lassen nur einen Schluß zu: zwei Experten, zwei Meinungen. Dem gemeinen Investor ist damit natürlich nicht geholfen. Er muß sich fernab von allen Zahlen auf ein paar alltagsfeste Plausibilitätsvermutungen verlassen, um für sich die Frage zu beantworten, ob Geiz wirklich geil ist. Und wie so oft im Leben dürfte die Antwort lauten: Es kommt darauf an.

Die Relevanz der Kostenfrage hängt stark von der Art der jeweiligen Fondsgattung ab, meint Jochen Wiesbach, Leiter des Produktmanagements für Europa bei der DWS, der Fondsgesellschaft der Deutschen Bank. Bei Geldmarktfonds mache es in der Tat Sinn, Ausschau nach einem günstigen Fonds zu halten - hier sei es für einen Fondsmanager bei gleichem Risiko relativ schwer, sich von der breiten Masse abzusetzen.

„Die Spannbreite der Strategien und damit auch der Wertentwicklung ist hier so gering, daß bei gleichem Risiko die Unterschiede in der Wertentwicklung der Produkte zu gering sind, als daß man damit große Kostenunterschiede wettmachen könnte", meint Wiesbach. Im Klartext: Eine Genie- oder Qualitätsprämie ist in dieser Fondsklasse in aller Regel geringer, da für die dazu notwendigen Überrenditen die Freiheitsgrade limitiert sind.

Bei der Massenware auf den Preis achten, bei exklusiveren Produkten auf die Qualität

Je größer die Spannbreite der Möglichkeiten für den Fondsmanager und damit auch die Spannbreite der Wertentwicklung werde, um so relevanter werden dann aber andere Faktoren als die Kosten des Fonds. „In Rentenfonds mit mehr Möglichkeiten zu einem aktiven Management kann man rasch 20 bis 30 Basispunkte mehr als die Konkurrenz erwirtschaften - in diesen Fällen sinkt dann die Relevanz der Fondskosten als Entscheidungskriterium für den Fondskauf", erklärt Wiesbach.

Und wie sieht es bei Aktienfonds aus? „In den Standardwertesegmenten macht es Sinn, auf die Kosten zu achten", meint Thomas Portig von HCM. Je stärker sich allerdings die Fondsmanager am Index orientieren, um so relevanter werde die Kostenfrage als Entscheidungskriterium. Der Grund liegt auf der Hand: Je weniger Freiräume der Fondsmanager habe, um so weniger kann er sich von der Konkurrenz absetzen, und um so weniger können höhere Kosten durch eine bessere Wertentwicklung kompensiert werden. In kleinen Nischen, in denen Fonds große Leistungsunterschiede zeigen, seien Kostenunterschiede durchaus gerechtfertigt.

Ist Geiz also geil? Vereinfacht gesagt, ist Geiz gerechtfertigt, wenn der betreffende Fonds wenig Möglichkeiten bietet, sich von anderen Konkurrenzprodukten abzusetzen. Je flexibler der Fondsmanager hingegen agieren kann, um so stärker rückt die Kostenfrage als Entscheidungskriterium in den Hintergrund. Auch in der Fondsbranche ist es also wie so oft im richtigen Leben: Bei der Massenware sollte man auf den Preis achten, bei den exklusiveren Produkten auf die Qualität.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.08.2004, Nr. 196 / Seite 17
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