Märkte im Herbst

Die Aktienmärkte haben eine solide Basis

Von Steffen Uttich
26.08.2005
, 20:03
Trotz der jüngsten Kursgewinne ist eine Übertreibung am deutschen Aktienmarkt nicht in Sicht. Auch Wall Street hat Nachholbedarf.

Ein Land wird wiederentdeckt: Vor allem ausländische Investoren, die Deutschland jahrelang mit Mißachtung für ihre Reformunwilligkeit straften, meinen plötzlich, daß da etwas Vielversprechendes in Bewegung geraten ist. Und so steht der deutsche Aktienindex Dax in diesem Sommer plötzlich mit einem zweistelligen Wertzuwachs seit Jahresbeginn da - kratzte einmal sogar kurz an der Marke von 5000 Punkten.

So manche Marktausblicke färben sich rosarot. Von den Unternehmensrestrukturierungen ist darin die Rede, die sich allmählich auszuzahlen beginnen. Der Verweis auf die schon seit längerem attraktive Bewertung der Standardwerte im Vergleich zu anderen Industriestaaten findet plötzlich Gehör.

Fondsmanager sind optimistisch

Zudem wird die Phantasie durch die großen angelsächsischen Beteiligungsgesellschaften beflügelt, die inzwischen auf so viel Kapital sitzen, daß ihr Appetit über nichtbörsennotierte Unternehmen längst hinausgeht. In ihr Blickfeld gerät dabei zunehmend Deutschland - und erste Wetten auf potentielle Kandidaten werden abgeschlossen. Solange nicht ein völlig überraschendes Wahlergebnis im September die Stimmung trübt, deutet derzeit aus Sicht der meisten Strategen wenig auf einen Rückschlag hin.

Bild: F.A.Z.

Auch vom europäischen Aktienmarkt wird in diesen Tagen mit Blick auf den Herbst ein freundliches Bild gezeichnet. Die Kombination aus positiven Unternehmensmeldungen, einem wachsenden Anlegervertrauen und der großen Auswahl an chancenreichen Werten nennt etwa John Hatherly, Chefstratege bei der Fondsgesellschaft M&G, als Basis für weitere Gewinne. Er bevorzugt derzeit Aktien aus zyklischen Branchen wie Autos und Maschinenbau und verbindet das mit der Erwartungshaltung, daß der Aufschwung in der Weltwirtschaft ungeachtet des hohen Ölpreises andauern sollte.

Trotz der Gewinne auf dem europäischen Aktienmarkt gibt es derzeit kaum Befürchtungen, daß die Luft allmählich dünner wird. Bei der jüngsten Fondsmanagerumfrage der Investmentbank Merrill Lynch meinten nur neun Prozent der Befragten, europäische Aktien seien überbewertet.

Lokomotive Amerika

Einen großen Stellenwert nimmt unter Marktstrategen die Feststellung ein, daß die Unternehmen in der Sanierung ihrer Bilanzen diesseits und jenseits des Atlantik weit vorangeschritten sind. Dadurch stehen die Kurse insgesamt auf einem soliden Fundament. Ein fester Grund unter den Füßen eröffnet den Unternehmen wiederum die Möglichkeit, Risiken einzugehen.

Während in Europa von den neu gewonnenen Spielräumen bislang allerdings nur wenig Gebrauch gemacht wird, spielen die amerikanischen Unternehmen schon Vorreiter. Die Investitionen in Ausrüstungen würden in den Vereinigten Staaten schon wieder auf einem Niveau wie zur Jahrtausendwende liegen, stellte kürzlich die Hypo-Vereinsbank fest. Mit monatlich rund 190.000 neugeschaffenen Stellen habe zudem der Beschäftigungsaufbau die Niveaus früherer Aufschwungzyklen erreicht.

Das hat aber noch nichts daran ändern können, daß die Kurse an den amerikanischen Aktienmärkten in diesem Jahr bislang hinter den europäischen Werten zurückgeblieben sind. Dow Jones und Nasdaq verzeichnen seit Jahresbeginn immer noch leichte Verluste. Der marktbreite S&P 500 hat sich kaum bewegt. Im direkten Vergleich ist zwar noch keine breite Bewegung der Strategen zu beobachten, europäische Aktien wieder unter- und amerikanische Werte überzugewichten. Doch das Bemühen um eine bessere Stimmung an der Wall Street ist durchaus erkennbar.

In Japan hat die Gegenbewegung begonnen

Vor allem die jüngste Quartalsberichtssaison der Unternehmen lieferte den Optimisten gute Argumente. Ein durchschnittlich zweistelliges Gewinnwachstum gibt so manchem Marktausblick mehr Zuversicht. Selbst die unterdurchschnittliche Wertentwicklung seit Jahresbeginn wird als ein Zeichen dafür herangezogen, daß noch bis zum Jahresende eine Aufholjagd anstehen könnte.

Doch es gibt auch genug Unsicherheitsfaktoren. Fondsmanager Andrew Holliman von Threadneedle Investments zählt hierzu etwa einen stärkeren Dollar und einen hohen Ölpreis. Der stärkere Dollar hätte einen dämpfenden Einfluß auf die Gewinnentwicklung, und beim Ölpreis könne man einfach nicht vorhersagen, wann das Niveau erreicht sei, das zu einer Verlangsamung des Wachstums führe. Aus seiner Sicht sind die Markterwartungen für Industriewerte, Banken und Einzelhandelskonzerne ausgesprochen optimistisch und für die Energiekonzerne zu niedrig angesetzt.

In Japan hat im Sommer die Gegenbewegung dagegen schon begonnen. Der Aktienmarkt in Tokio ist wie der deutsche auf die Landkarte der Investoren zurückgekehrt. Inzwischen verzeichnet der Nikkei-Index im Jahresverlauf wieder ein Plus von gut einem Prozent - Anfang dieser Woche markierte er sogar ein Vierjahreshoch. Danach hatte es lange Zeit nicht ausgesehen.

Den entscheidenden Schub gaben jedoch zuletzt die von Premierminister Koizumi ausgerufenen Neuwahlen. Auch das ist eine interessante Parallele zum deutschen Markt. Die Börse belohnt derzeit vor allem die Großbanken, deren Bilanzbereinigung offenbar erfolgreich voranschreitet. Aus Sicht der Investmentgesellschaft Schroders gibt es derzeit wenig Argumente, die gegen einen weiteren Kursaufschwung sprechen. Die Bewertung sei immer noch attraktiv und die Binnennachfrage verbessere sich, meint ihr Japan-Experte Andrew Rose.

Insgesamt befinden sich die Aktienmärkte derzeit also in einem freundlichen wirtschaftlichen Umfeld. Das sollte den Respekt vor dem Zittermonat September etwas dämpfen. Auch im vergangenen Jahr scherten sich die Aktienmärkte wenig um die Historie. Der MSCI World legte damals im Monatsverlauf um 1,8 Prozent und der Dax sogar um 2,9 Prozent zu.

Quelle: F.A.Z., 27.08.2005, Nr. 199 / Seite 22
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