Investmentfonds

Nur noch wenige Schwellenländer begeistern

Von Martin Hock
17.12.2015
, 14:18
Einst waren Länder wie China und Brasilien die Favoriten der Investoren. Inzwischen müssen Anleger schon sehr genau hinschauen, wo noch Chancen liegen.

Die ersten Jahre des jungen Jahrtausends gehörten an den Finanzmärkten den Schwellenländern. Man kam an ihnen nicht vorbei: Aktien, Dollar-Anleihen, Anleihen in lokaler Währung - die bevorzugten Anlageklassen wechselten, aber Schwellenländer mussten sein. Heute herrscht Katzenjammer. „Die Stimmung für Schwellenländer ist momentan eher negativ“, sagt Thomas Gerhardt, der bei der Fondsgesellschaft Edmond de Rothschild die Abteilung Schwellenländer leitet. „Aber die Schwellenländer sind keine homogene Gruppe. Das Gesamtbild wird von den großen Schwellenländern beherrscht.“ Und da steht nun einmal an erster Stelle China.

Die Wachstumsabschwächung im Reich der Mitte raubt den Investoren die Phantasie. Dabei ist das geringere Wachstum nicht dramatisch. „Wir sehen da keine harte Landung“, sagt Craig Botham, für Schwellenländer zuständiger Volkswirt der Fondsgesellschaft Schroders. „Da wäre die Wachstumsschwäche offensichtlicher.“ Für Gerhardt und Botham ist die Wachstumsschwäche eine zwangsläufige Folge des Struktur- und Kulturwandels. „China will von der investitions- zur konsumorientierten Wirtschaft reifen“, sagt Gerhardt. Man sehe auch die Erfolge im hohen Wachstum des Online-Handels oder der Pharmabranche. „Vor rund zehn Jahren machte die Schwerindustrie noch mehr als 40 Prozent der Wirtschaftsleistung aus. Heute sind es rund 30 Prozent“, sagt Botham.

China kämpft mit dem alten System

„Es gab bei einigen Anlegern immer ein Missverständnis“, sagt Gerhardt. „Wachstum schlägt sich nicht per se am Aktienmarkt nieder, sondern nur profitables Wachstum. Doch gerade viele große Unternehmen in China, in erster Linie die Staatsbetriebe, arbeiten nicht wirklich gewinnorientiert.“ Deswegen halte er in seinem Fonds auch keine Aktien von Staatsbanken oder etwa von China Telecom.

Die Führung müsse Reformen durchführen, die die Profitabilität erhöhten. Die bisherigen Maßnahmen reichten dazu nicht aus. So habe etwa die angekündigte Restrukturierung des Mineralölkonzerns Sinopec damit geendet, dass 20 Prozent des Tankstellennetzes an chinesische Finanzinvestoren wie den Versicherer Ping An verkauft wurden. Es sei nicht einfach, institutionalisierten Interessen beizukommen.

Botham sieht gute Ansätze in der Anti-Korruptions-Kampagne der Führung. Doch das Problem liege noch weniger in der Politik als in der nachfolgenden Arbeitslosigkeit. „Die Belegschaft ist in manchen Großbetrieben doppelt so groß wie notwendig. Da stellt sich die Frage: Wohin mit diesen Arbeitern?“ Notwendig sei der Aufbau eines Sozialstaats, der derzeit eher rudimentär sei. „Das ist die wirklich große Aufgabe.“

Nur raus aus Brasilien

Während die Fachleute in China also zumindest auf längere Sicht gute Chancen sehen, so sind sie auf Brasilien derzeit eher schlecht zu sprechen. „Die meisten Anleger wollen derzeit nur wissen, wie sie dort rauskommen können“, sagt Gerhardt. „Keine Investitionen, keine Hoffnung auf Reformen - das ist wirklich schwer, hier Wachstumsphantasie zu entfalten“, meint Botham. Das Land habe es wie die meisten Rohstoffexporteure verpasst, sich während des Booms auf den Abschwung vorzubereiten.

Das gelte auch für andere Länder, die einen besseren Ruf genießen. Chile etwa habe massiv in die Kupferindustrie investiert und dafür wenig wirtschaftsfreundliche Reformen verabschiedet. Hier verbessere sich die Situation allerdings. Von der brasilianischen Politik halten beide nicht viel. „Lula ist auf der Rohstoffwelle geschwommen“, sagt Gerhardt. Und Botham hat wenig Hoffnung, dass die amtierende Präsidentin Dilma Rousseff eine Veränderung herbeiführen kann.

Gute Ansätze in Indien und Mexiko

Doch nicht alle Schwellenländer sind negativ zu beurteilen. Indien gehört aktuell zu den Favoriten. Immer noch erwarten Anleger viel vom seit Mai 2014 amtierenden Präsidenten Modi. „Wahrscheinlich etwas zu viel“, sagt Gerhardt. „In Indien dauert vieles etwas länger, insbesondere in bürokratischen Abläufen. Aber Geduld zahlt sich aus, und wir sehen viele positive Faktoren, weshalb Indien derzeit die größte Übergewichtung in unserem Portfolio hat.“

Modi habe bei den schlagzeilenträchtigen Reformen enttäuscht, meint Botham. „Doch er hat bei Direktinvestitionen oder dem Konkursrecht einiges in Bewegung gesetzt.“ Auch Indonesien bewege sich in die richtige Richtung oder Mexiko. Wobei laut Gerhardt Indonesien derzeit „an dem Ast sägt, auf dem es sitzt“. Die Erhöhung der Palmölproduktion sei ohne das Erschließen neuer Flächen schwierig, andererseits komme es darauf an, wie man vorgehe. „Der Staat muss die Rodung in die Legalität zurückführen. Die internationale Wahrnehmung des Problems kann dabei hilfreich sein.“ Botham denkt noch einen Schritt weiter: Indonesien müsse vom Rohstofflieferanten zum Produzenten und Raffineur von Palmöl werden.

Auf Krisen setzen

Für Jean-Jacques Durand, der für Rothschild einen Anleihefonds für Schwellenländer managt, scheint die Situation dagegen gar nicht schlecht genug sein zu können. Knapp zur Hälfte ist Durand in drei Ländern investiert: in Venezuela, der Ukraine und in Argentinien. „Wir antizipieren das Potential eines langfristigen Investments, lange bevor die Mehrheit der Anleger darauf aufmerksam wird. Dabei schrecken wir auch nicht vor vorübergehend negativen Schlagzeilen zurück. Überspitzt könnte man sagen, dass, wenn irgendein Land negative Schlagzeilen macht, wir dort wahrscheinlich investiert sind“, sagt der Franzose mit einem Augenzwinkern.

Viel habe sich in den vergangenen Jahren am Markt verändert. Es gebe heute nicht mehr so viele Investmentideen, und so gehe es darum, flexibel zu sein und eine interessante Geschichte zu finden. Etwa in Venezuela, dessen Anleihekurse seit Mitte 2014 steil gefallen sind. Er habe hier nicht etwa auf den Wahlausgang gewettet, sagt Durand. „Letztlich geht es dabei immer darum, was am Ende übrig bleibt. In der Ukraine sind wir den ganzen Weg durch die Umschuldung gegangen, und es war eines unserer besten Investments.“

Venezuela habe die Möglichkeiten zu zahlen und sei auch immer zahlungswillig gewesen. Das liege nicht zuletzt daran, dass das Land etwa im Unterschied zu Argentinien völlig exportorientiert sei. „Das Schlimmste was passieren könnte, ist, dass es Umschuldungsverhandlungen gibt. Aber dann geht es auch nur um Liquiditätsprobleme. Das Land hat die Mittel, um zu zahlen“, sagt Durand mit Blick auf den langfristigen Anlagehorizont.

Auch auf Argentinien setzt der Franzose. „Wir setzen zur Hälfte auch auf technische Analyse. Diese spricht sehr für Argentinien.“ Aber das Land stehe auch vor einem tiefgreifenden Wandel. Viele junge Leute seien von der herrschenden Elite enttäuscht. Zahlreiche Argentinier hätten auch Geld in Dollar gehortet, das nur darauf warte, zurück ins Land zu fließen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hock, Martin
Martin Hock
Redakteur in der Wirtschaft.
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