Rohstoffe

„Kupfer weiß nicht, wer Alan Greenspan ist“

Von Folker Dries
11.03.2005
, 17:56
Jim Rogers
„Das 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert Chinas sein“, so Investment-Guru Jim Rogers. Der Rohstoffhunger der aufstrebenden Wirtschaftsmacht sei ein wesentlicher Grund dafür, daß die Rohstoffhausse noch ganz lange Beine habe.
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Hilton Augusta ist ganze 21 Monate alt. Doch ihre bilinguale Erziehung trägt schon erste Früchte, weiß „ Daddy“ zu erzählen. Wann immer der 63 Jahre alte Jim Rogers mit seiner jungen Familie in ein China-Restaurant geht, gewinne er den Eindruck, daß sein „Baby Girl“ erste Wortfetzen aufschnappe.

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Hilton Augusta hat nämlich ein chinesisches Kindermädchen, die mit ihr nur Mandarin spricht. Rogers baut damit weit vor: „Das 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert Chinas sein. Mein Töchterchen soll dafür gerüstet sein.“

„Rohstoffhausse hat noch ganz lange Beine“

Überhaupt China. Das Land, das der Globetrotter schon oft bereist hat, spielt in seinen Überlegungen eine ganz wichtige Rolle. Der Rohstoffhunger der aufstrebenden Wirtschaftsmacht sei ein wesentlicher Grund dafür, daß die Rohstoffhausse noch ganz lange Beine habe. Keine Frage, im Rohstoffmarkt sei eine Korrektur überfällig, vor allem bei den Metallen, räumt Rogers ein. Und Auslöser dieser Korrektur werde wohl ein Wachstumseinbruch in China sein. Schließlich sei es noch nie einer Regierung gelungen, nach einem so extrem hohen Wachstum eine weiche Landung hinzubekommen.

Doch wenn die Korrektur komme, sei das eine Kaufgelegenheit. Ein „Bullenmarkt“ für Rohstoffe dauere nach den Erfahrungen der Vergangenheit 15 bis 23 Jahre, sagt Rogers. Gemessen daran werde diese Hausse frühestens im Jahr 2014 enden. Das Verhältnis von Angebot und Nachfrage sei bei vielen Rohstoffen einfach aus dem Gleichgewicht geraten. Für die Produzenten von Öl, Gas, Zucker oder Kaffee habe es zu lange Zeit keine finanziellen Anreize gegeben, neue Vorkommen zu erschließen beziehungsweise neue Plantagen aufzubauen, sagt Rogers. Die Krisen in Asien und Rußland führten 1997 und 1998 zum Ausverkauf der Rohstoffvorräte dieser Länder, was gewissermaßen der Schlußstrich unter eine zwei Jahrzehnte lange Baisse gewesen sei. 1998 gründete Rogers schließlich seinen eigenen Rohstoff-Index und einen entsprechenden Fonds. Dieser ist seit Ende 1998 um mehr als 200 Prozent gestiegen und hat damit alle anderen Anlageklassen weit in den Schatten gestellt.

Aktien und Anleihen sind tabu

Aktien und Anleihen rührt der Rohstoff-Guru, der in den siebziger Jahren gemeinsam mit George Soros den legendären Hedge Fonds Quantum Fund gegründet hatte, nicht mehr an. Wann immer ich alte Aktien- oder Anleihenbestände verkaufe, schichte ich in Rohstoffe um.“ Nicht in Rohstoffaktien, sondern in Rohstoffe. Rogers erinnert in diesem Zusammenhang gerne an eine Studie der Yale-Universität, nach der Terminkontrakte auf Rohstoffe in der Vergangenheit rund dreimal höhere Renditen abwarfen als Rohstoffaktien. Man könne auch mit Aktien einen sehr guten Schnitt machen, wenn man denn die richtigen finde, sagt Rogers. Das Risiko von Rohstoffen sei aber weit geringer als das von Rohstoffaktien. Wer Rohstoffe besitze, müsse sich nicht um Management, Bilanzen, Gewerkschaften, Umweltschützer und Regierungen sorgen. „Wir alle haben von Enron gelernt. Es ist nicht so einfach, wie es aussieht.“ Mit Rohstoffen sei das anders. Wenn es zuviel Kupfer gebe, sinke der Preis. Und wenn es zuwenig Kupfer gebe, gehe der Preis hoch. „Kupfer weiß nicht, wer Alan Greenspan ist.“

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Allerdings räumt Rogers ein, daß er noch die Aktien einer Reihe ausländischer Ölkonzerne im Portfolio hat, darunter Eni, Total oder Shell. Hier setzt er auf das sinkende Ölangebot. Die Produktion in Alaska und der Nordsee sei rückläufig. Selbst in Großbritannien sei es absehbar, daß das Land vom Ölexporteur zum Ölimporteur werde. Preisprognosen sind nicht sein Geschäft. Es ist für Rogers aber keine Frage, daß der Ölpreis noch in diesem Jahrzehnt die Marke von 100 Dollar je Barrel nehmen wird.

Sollte ihr Vater recht behalten, wird Hilton Augusta einmal eine reiche Dame werden. Ihr Vermögen spart „Daddy“ nach eigenem Bekunden auf einem Schweizer Konto an. Rohstoffe werden zwar fast ausschließlich auf Dollar-Basis gehandelt. Rogers selbst ist aber sehr darauf bedacht, sein Dollar-Risiko zu verringern. „Hilton Augusta weiß, daß der Dollar auf Talfahrt ist“, unkt der gut 1,60 Meter große Fliegenträger. Leerverkäufe des Dollar sind ihm im Moment aber zu gefährlich. Seine bevorzugte Wette ist Zucker. „Zucker notiert zur Zeit um 85 Prozent unter dem Rekordhoch“, sagt er und steckt seinem Gesprächspartner ein Zuckertütchen aus der Frühstückslounge des Hotels zu. Und dann signiert er ungefragt seinen jetzt auch in Deutschland verlegten Bestseller „Hot Commodities“ (“Rohstoffe - Der attraktivste Markt der Welt“).

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Quelle: F.A.Z., 12.03.2005, Nr. 60 / Seite 23
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