Rohstoffe

Zeitenwende am Silbermarkt?

01.08.2005
, 15:48
Jahrzehntelang galt der Silbermarkt aufgrund eines fast konstanten Preises als manipuliert und durch den Abbau vor allem staatlicher Silberreserven gefesselt. Silberfans hoffen, daß die starken Preissteigerungen im Jahr 2004 das Ende eine Ära ankündigen.

Silber ist ein merkwürdiges Metall. Jahrzehntelang blieb der Preis konstant. Erst Anfang 2004 begann der Preis nach oben hin auszubrechen - dorthin wo ihn die Fans des Metalls schon lange haben wollten. Folgt man der Ansicht der Analysten der amerikanischen Investmentbank JPMorgan Chase dürfte diese Silberhausse kurzlebig bleiben und bald zu Ende gehen.

Bedingt durch das langsamere Wirtschaftswachstum werde der Silberpreis im nächsten Jahr fallen, heißt es in einem Rohstoffbericht der Bank. Der Silberbedarf der Elektronikhersteller verhalte sich zyklisch, insofern werde er im kommenden Jahr sinken. Bei 6,70 Dollar sehen JP Morgan den Preis des Edelmetalls im kommenden Jahr, verglichen mit 7,10 Dollar je Unze in diesem Jahr. Der Verbrauch von Industriesilber werde nächstes Jahr nur noch 0,5 Prozent auf 11.477 Tonnen steigen, nach einem Zuwachs um 2,3 Prozent in diesem Jahr. Silber wird von Unternehmen verarbeitet, die beispielsweise elektronische Schaltkreise für Mobiltelefone und Computer herstellen.

Nachfrageskeptiker

„Der industrielle Bedarf ist der entscheidende Faktor“, sagte Analystin Mohinta in einem Telefoninterview mit Bloomberg News. „Wenn dieser sinkt, dann hat das spürbare Folgen“ für die Preise. Das Silberangebot werde sich dagegen 2006 voraussichtlich um 5,1 Prozent auf 26.589 Tonnen erhöhen, womit sich der Nachfrageüberhang auf 561,3 Tonnen verringern dürfte. Dieses Jahr erwartet die Investmentbank ein Defizit von 1.884,3 Tonnen.

John Reade, Analyst für Edelmetalle bei UBS in London ist sogar noch skeptischer. Er sieht den Silberpreis im nächsten Jahr bei durchschnittlich 5,75 Dollar je Unze. Doch Reade ist ein bekannter Silber-Pessimist. Schon vor zwei Jahren prognostizierte er, die Rally sei spekulativer Natur und der Preis werde bald wieder auf unter fünf Dollar je Feinunze zurückfallen. Einig sind sich Reade und Mohinta darin, daß steigende Zinsen die Nachfrage der Investoren nach Silber und anderen in Dollar gehandelten Rohstoffen drosseln werden.

Die große Marktverschwörung..

Für die Silberfans sind das böse Worte. Die haben nämlich eine ganz andere Marktsicht. Für den amerikanischen Silberguru Theodore Butler etwa ist der gesamte Silbermarkt ein ausgemachter Schwindel. Er argumentiert bereits seit Jahren, der Markt sei manipuliert. Für Butler ist der Silberpreis auch bei den aktuell sieben Dollar lächerlich niedrig.

Er argumentiert, daß die fundamentalen Marktdaten sich ja seit Jahrzehnten nicht geändert hätten. Und der Silberpreis decke derzeit gerade einmal annähernd die Produktionskosten. Da der Preis also nicht zur Markträumung führe und seit nunmehr 16 Jahren ein Nachfrageüberhang bestehe, könne der Markt nur manipuliert sein.

Butler macht Leerverkäufe und Dumpingverkäufe von Zentralbanken, vornehmlich in den letzten Jahren aus China für die Entwicklung (oder das Fehlen einer solchen) verantwortlich. Butler erklärt das Interesse Chinas an Dumpingverkäufen nicht ganz zufriedenstellen mit „Dummheit, Korruption oder kontrollierten Märkten“.

.. und die einfache Wahrheit

Das klingt zwar sehr nach der Konstruktion einer Weltverschwörung, könnte aber möglicherweise nicht so weit von der Wahrheit fort sein. Die Tatsache, daß chinesische Lagerbestände in den vergangenen Jahren immer wieder die Angebotslücke bei Silber gedeckt haben, wird von niemandem bestritten.

Warum der Silberpreis dennoch so lange konstant blieb, könnte an den Eigenheiten einer staatlich gelenkten Wirtschaft liegen. Die für die Erreichung der Produktionsplanziele Verantwortlichen sind naturgemäß auf die Erreichung der Ziele fixiert - ganz wörtlich koste es, was es wolle, weil es sich entweder um reale Planziele handelt oder diese trotz aller Lippenbekenntnisse doch mehr Bedeutung als Geldziele haben. Dieser Prozeß läßt sich bei allen konkurrenzsozialistischen Experimenten in Ungarn und Jugoslawien nachvollziehen.

Das notwendige Geld, insbesondere in einem Weichwährungsland die notwendigen Devisen, werden auf irgendeinem Weg beschafft. Dazu wird häufig alles verscherbelt, was irgendwie was einbringt. Auf dieselbe Weise wurde der Slivovitz in Deutschland populär und ruinierte Ungarn nach dem Krieg den bis dahin tadellosen, hervorragenden Ruf seiner Weine, besonders des Tokajers. Die Aufwärtsbewegung bei Silber läßt sich seit spätestens 2003 folgerichtig damit erklären, daß Geld eine unbestritten höhere Bedeutung auch in China erhalten hat - eine Zeitverzögerung widerspricht der Argumentation nicht.

Geht China das Silber aus?

Marcel Ewald, Rohstoff-Experte aus der Schweiz, hielt es hingegen schon 2003 für möglich, daß die Lagerbestände abgebaut sind. Schon im Vorjahr habe sich deren Angebot auf 40 Millionen Unzen halbiert und es sei nicht ausgeschlossen, daß es in ein bis zwei Jahren ganz verebbe. Dafür spricht derzeit aber nichts. Doch Ewald formulierte damals schon offen: „China ist die große Unbekannte und man muß abwarten, wie sich die Chinesen verhalten.“

Fest steht, daß ein großer Teil der Silber-Lagerbestände, die zum Ende des Zweiten Weltkrieges noch mit zehn Milliarden Unzen abgebaut ist. Das amerikanische Schatzamt hielt 1959 noch 2,06 Milliarden Unzen Silber, schreibt . 2003 waren es nur noch 500 Millionen, schreibt der deutsche Silberbrief „silberinfo“. Hier dürfte auch auf der Angebotsseite der Grund für den jahrzehntelang konstanten Silberpreis zu suchen sein. Nachdem die westlichen Länder ihre Silberbestände über die Jahrzehnte hinweg weitgehend abbauten, haben in den vergangenen Jahren die Chinesen ihre Bestände auf den Weltmarkt geworfen. Die Frage ist, was noch da ist. Es ist jedenfalls noch soviel, daß von einer größeren Silberknappheit nicht die Rede sein kann.

Uneinigkeit herrscht auch bei der Quantifizierung des Silberbedarfs. Als Argument gegen höhere Silberpreise wird immer wieder angeführt, daß die Fotoindustrie, wo Silber zur Herstellung von Filmen eingesetzt wird, wegen dem Siegeszug der Digital-Kameras angeblich immer weniger Filme benötige. Das Argument mag seit einigen Jahren ziehen - es erklärt aber nicht die lange Preiskonstanz bei Silber. Außerdem steigt weltweit die Nachfrage nach Silber für Fotografie, weil die Analogfotografie zum Beispiel in Asien durchaus noch gang und gäbe ist.

Silber bleibt hochriskant

Doch die Nachfrage nach Silber dürfte alles in allem nicht das Entscheidende sein. Denn wenn ein Preis trotz eines offiziellen 16jährigen Nachfrageüberhang nicht steigt, muß die Nachfrage ja auf andere Weise befriedigt werden. Die Frage, die sich für die Zukunft des Silbermarktes stellt ist also nach wie vor: Was machen die Chinesen und in zweiter Linie - was machen die Anleger an der amerikanischen Edelmetallbörse COMEX. Auch deren Leerverkäufe werden für den niedrigen Silberpreis verantwortlich gemacht. Das würde indes bedeuten, daß diese ihre Leerpositionen nicht mehr günstig haben eindecken können. Das bedeutet wiederum, daß die vorhandenen Silberbestände nicht mehr ausreichen. Was in letzter Konsequenz für einen Ausbruch von Silber spricht, der durch einen Nachfragerückgang vielleicht etwas zurückgehalten wird.

Doch jetzt auf Silber zu setzen, scheint gewagt. Denn niemand weiß, ob in China oder anderenorts der Silberpreis nicht künstlich hochgetrieben wird. Kommen hohe Bestände dann auf den Markt, so würde der Preis wieder zurückfallen.

Die charttechnische Lage spricht momentan jedenfalls nicht eindeutig für einen Ausbruch von Silber. Derzeit wird der Trendkanal des seit etwa zwölf Monaten anhaltenden Seitwärtstrends immer enger. Welche Tendenz sich jetzt durchsetzen wird, ist offen. Die Chartanalytiker von Godmode-Trader werteten jedenfalls die Bewegung Freitag als ersten Versuch, die Oberkante der übergeordneten Seitwärtsrange von 6,80 - 7,15 Dollar nach oben hin zu verlassen.

Ganz glatt würde dieser nicht verlaufen. Die Analysten rechnen bei 7,26 - 7,32 Dollar mit einem Abprallen und einem Rückfall auf 7,12 - 7,15 Dollar. Erst dann könnte es zu einer mittelfristigen Aufwärtsbewegung mit einem Ziel von 7,61 Dollar kommen. Indes bestehe auch die Gefahr, daß zunächst die Unterkante der Handelsspanne bei 6,80 - 6,84 Dollar getestet würde und bei einem Bruch der Preis bis 6,35 Dollar fallen könnte. Wer es also mit Silber versuchen will, sollte längerfristig agieren, Stop-Loss-Marken setzen - kurzum die Position gut absichern.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.

Quelle: @mho
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