Spezial Börsenzyklen

Der Wahlzyklus hat auf den Dow Jones einen signifikanten Einfluß

25.11.2005
, 15:14
Präsidentenwahlen bewegen den Dow Jones
Einem geflügelten Sprichwort zufolge haben politische Börsen kurze Beine. Wer sich das Zusammenspiel zwischen dem Wahlzyklus und dem Dow Jones anschaut, dem kommen aber Zweifel an der Stichhaltigkeit dieser Weisheit.
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Gemäß einem unter Börsianern weit verbreiteten Leitspruch haben „politische Börsen kurze Beine“. Diese Weisheit hat sicherlich in vielen Fällen ihre Richtigkeit. So weisen unter anderem die langfristigen Performance-Ergebnisse darauf hin, daß es für die Börsentendenz letztlich nicht entscheidend ist, ob in Deutschland Schwarz oder Rot an der Macht ist oder in Amerika die Republikaner oder die Demokraten den Präsidenten stellen.

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Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere macht dagegen deutlich, daß die Politik offenbar doch Einfluß auf die Aktienkurse nimmt. Bei diesem Phänomen spielen aber nicht Personen, sondern der Wahlzyklus selbst die entscheidende Rolle. Deutlich werden die Zusammenhänge an den n Charts, die der auf das Erkennen von Kursmustern und die Entwicklung daraus ableitbarer Handelssysteme spezialisierte Börsenexperte Dimitri Speck auf Basis eines Zeitraums von 1897 bis 2003 für den amerikanischen Aktienmarkt in Form des Dow Jones Industrial Average erstellt hat.

In Vorwahljahren läuft der Dow Jones besonders gut

Eingeteilt ist der erste Chart in die vier Spalten Wahljahr, erstes Nachwahljahr, zweites Nachwahljahr und Vorwahljahr. Wie sich dabei bereits auf den ersten Blick erkennen läßt, weist der Chart ein auffälliges saisonales Kursmuster auf. Von der durchschnittlichen Gesamtperformance von 25 Prozent, die sich in den betrachteten über 100 Jahren im Schnitt eingestellt hat, stammen 7,5 Prozent aus Wahljahren. Sogar 9,3 Prozent trugen die Vorwahljahre zum Gesamtergebnis bei. Deutlich schlechter schnitten dagegen mit Kurszuwächsen von 3,5 Prozent und 2,8 Prozent das erste und das zweite Nachwahljahr ab.

Schlüsselt man die im Beobachtungszeitraum aufgetretene Kursentwicklung auf, dann ergibt sich in der ersten Hälfte eines Wahljahres oft eine schwache Entwicklung. Der dabei zu registrierende Rückgang des Dow Jones beginnt am 8. Januar und endet am 27. Mai. Die Schwächeperiode dauert im Schnitt 140 Kalendertage und beschert dem Dow Jones einen Rückgang von durchschnittlich drei Prozent. Richtig Fahrt nehmen die Notierungen somit erst in der zweiten Jahreshälfte auf. Kalendarisch gesehen beginnt der sogenannte „Election Bull“ im Wahljahr am 26. Juni und endet am 22. November. Insgesamt erstreckt er sich über 149 Kalendertage, wobei der Kursanstieg bislang durchschnittlich 8,8 Prozent beträgt. Wie herausragend diese Entwicklung ist, zeigt die Tatsache, daß der Dow Jones sonst in dieser Periode selbst unter Einrechnung der starken Wahljahre nur auf ein durchschnittliches Plus von rund zwei Prozent kommt.

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Richtig interessant werden diese Ergebnisse auch dadurch, daß sie sich argumentativ gut mit wahltaktischen Einflüssen unterfüttern lassen. So führt Speck die typischerweise überdurchschnittlich gute Wertentwicklung in Vorwahljahren sowie unmittelbar vor der Wahl nicht zuletzt auf die Politik zurück. Eine amtierende Regierung wird mit dem Ziel, die Wähler für sich zu gewinnen, alles daran setzen, mithilfe der Wirtschaftspolitik vor den Wahlen für eine gut laufende Wirtschaft und steigende Aktienkurse zu sorgen. Selbst die Notenbank, die keineswegs so unabhängig wie ihr europäisches Pendant agieren kann, wird teilweise zur Erreichung dieses Ziels eingesetzt. In der Mitte der Amtsperiode werden dagegen in der Regel unpopuläre Maßnahmen umgesetzt, was dabei hilft, die unterdurchschnittliche Kursentwicklung im ersten und zweiten Nachwahljahr zu erklären.

Das Börsenjahr 2005 entwickelt sich im Rahmen der Norm

Nicht nur amerikanische Aktien werden vom Kampf um das Präsidentenamt beeinflußt, sondern auch die Anleihenkurse und der Dollar. Speck geht sogar so weit zu behaupten, daß der amerikanische Präsidentschaftszyklus wegen der Bedeutung der Vorgaben von der Wall Street bis auf das internationale Börsengeschehen ausstrahlt und somit auch auf das Kursgeschehen am deutschen Aktienmarkt Einfluß nimmt.

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Zum Abschluß lohnt sich auch noch ein Blick auf das aktuelle Kursgeschehen. Und dabei zeigt sich, daß sich 2005 ein Jahr an der Wall Street abzeichnet, das ziemlich genau dem Klischee entspricht. Da wir uns in einem Wahljahr befinden, müßte der Dow Jones um 3,5 Prozent zulegen, um genau die Durchschnittsnorm zu erfüllen. Und mit einem bisher erzielten Jahresplus von etwa einem Prozent bewegt er sich derzeit nicht so weit entfernt von dieser Zielvorgabe.

Allerdings gibt es natürlich wie immer bei solchen Kursphänomen auch Ausreißerjahre, in denen sich der Dow Jones völlig konträr zum sonst typischen Muster entwickelt. Aus diesem Grund rät Speck allen Anlegern, die den Wahlzyklus in ihre Anlageentscheidungen einbeziehen, diese Strategie nur in Verbindung mit Verlustbegrenzungsmaßnahmen wie Stopp-Loss-Kursen einzusetzen.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.

Quelle: @JüB
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