Strategie

„Preisgewinnler“ den „Preisverlierern“ vorziehen

25.10.2005
, 15:57
Das Inflationsgespenst geht um und verunsichert die Anleger. In manchen Bereichen lassen sich deflationäre Phänomene trotzdem nicht verleugnen. „Preissetzer“ profitieren dagegen von der Entwicklung und sind entsprechend interessant.

War die Stimmung zumindest an den europäischen Börsen bis vor kurzem noch sehr gut, so hat sie sich inzwischen aufgrund der Korrekturbewegung etwas eingetrübt. Denn hohe Energie- und Rohstoffkosten scheinen sich immer mehr auf die allgemeine Preisentwicklung durchzuschlagen und die Notenbanken zu Zinserhöhungen zu zwingen.

Damit scheint sich zumindest in der gegenwärtigen Wahrnehmung das Inflations- gegen das Deflationsgespenst durchgesetzt zu haben. Anders sind die Zinserhöhungen in Amerika und entsprechende Äußerungen in Europa auch kaum zu verstehen. Selbst die Rentenmärkten sind trotz der anhaltenden Mittelzuflüsse in den vergangenen Wochen in die Defensive geraten.

In manchen Bereichen lassen sich deflationäre Phänomene nicht verleugnen

Allerdings dürfte man das Geschehen mit Blick auf Branchen oder einzelne Unternehmen detaillierter betrachten müssen, um Schlußfolgerungen daraus ziehen zu können. Denn in manchen Bereichen lassen sich trotz allem deflationäre Phänomene nicht verleugnen. Das dürfte vor allem für jene Unternehmen gelten, die sich in einer Konkurrenzsituation mit preisaggressiven asiatischen Unternehmen befinden.

Schwierig dürfte es dort werden, wo der Wettbewerb so hart ist, daß Unternehmen steigende Kosten nicht an die Kunden weitergeben können. Denn diese Entwicklung dürfte zu sinkenden Margen und damit zu fallender Profitabilität führen. Das und eine hohe Verschuldung dürften bei Anlegern in einem Umfeld steigender Zinsen nicht gut ankommen. Anders, das heißt deutlich besser, dürfte es dagegen dort aussehen, wo Unternehmen eine gewisse Preissetzungsmacht haben.

In diesem Sinne haben die Analysten von Morgan Stanley die Unternehmen des S&P 500 einmal näher betrachtet. Dabei haben sie unterschieden zwischen so genannten „Preisnehmern“ und „Preissetzern“. Zu Preisnehmern zählen sie Firmen wie den Konsumgüterhersteller Clorox oder auch den Druckerhersteller Lexmark. Hier tendieren nicht nur die Produktpreise nach unten, sondern gleichzeitig steigen auch die Kosten. Das heißt, die Ertragsentwicklung kommt gleich von zwei Seiten unter Druck.

Aufgrund der anhaltend hohen Energie- und Ölpreise betrachten sie auch die Margen im Transport-, im Chemie- und auch im Verpackungsbereich eher kritisch. Dabei nennen sie Unternehmen wie Arkansas Best, Swift, aber auch DuPont, Ball und auch Alcoa. Ähnliche Probleme mit steigenden Kosten und langsamerem Wachstum sehen sie auch im Nahrungsmittel- und Getränkesektor. Dabei fallen Namen wie Budweiser, Coca-Cola Enterprises, die Pepsi Bottling Group, Kimberly-Clark und nicht zuletzt Colgate-Palmolive.

„Preissetzer“ profitieren von knappen Kapazitäten, geringen Investitionen in der Vergangenheit und von begrenztem Wettbewerb

Im Medienbereich sei die Entwicklung nicht nur zyklisch, sondern sogar strukturbedingt. Denn die traditionellen Medien verlören immer mehr Marktenteil an den Werbeausgaben an Internetkonkurrenten wie Google und Yahoo. Auch die Automobil- und Telekommunikationsindustrie haben nach ihrer Einschätzung so gut wie keine Preissetzungsmacht. Die in diesem Sinne „unbeliebtesten“ Aktien sind Verizon Communications, Qwest Communications, Lear Corporation und Superior Industries.

Genau das Gegenteil gilt für die „Preissetzer“. Sie profitieren von knappen Kapazitäten, geringen Investitionen in der Vergangenheit und gleichzeitig von begrenztem Wettbewerb. Dazu zählt Analyst Jim Valentine das erste Mal seit 90 Jahren die Bahnlinien wie Norfolk Southern und Union Pacific. Interessant seien aber auch Tabakfirmen wie Altria, Luftfahrt- und Verteidigungsunternehmen wie Lockheed Martin und General Dynamics und nicht zuletzt Versorger wie Edison International und G&E Corporation.

Im Versicherungssektor sollte man einen Blick auf ACE und AIG werfen und im Energie- und Dienstleistungsbereich auf Schlumberger, die Williams Companies und auf Kinder Morgan. Grundsätzlich seien auch die Ausrüstungs- und Dienstleistungsunternehmen im Gesundheitsbereich „preisresistent“. Insgesamt scheint dieser Ansatz bei der Auswahl von Aktien vernünftig zu sein. Das Resultat dürfte sich bei einem breit gestreuten Ansatz unbewußt auch aus der fundamental orientierten Auswahl von Einzelaktien ableiten lassen.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.

Quelle: @cri
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