Studie

Steigende Zinsen beeinflussen die Kurse an Wall Street

26.10.2005
, 09:30
Das an den Börsen umhergeisternde Inflationsgespenst hat bereits deutliche Kursverluste bewirkt. Historisch betrachtet lohnt sich die ganze Aufregung aber nicht. Zumindest dann nicht, wenn man einer Studie von S&P glaubt.

Es ist noch nicht allzu lange her, da wurde an den Finanzmärkten ernsthaft über das Thema Deflation debattiert. Doch inzwischen hat sich der Wind nachhaltig gedreht. Die Inflationsraten sind in Europa und Amerika angetrieben durch die stark gestiegenen Energiepreise teilweise auf den höchsten Stand seit Jahrzehnten gestiegen. Dadurch bedingt wird das Tun und Handeln der Anleger nunmehr von Inflations- und Zinserhöhungsängsten diktiert.

Die Kursverluste der vergangenen Handelstage an den Weltbörsen werden hauptursächlich mit diesen Befürchtungen in Zusammenhang gebracht. Um beurteilen zu können, ob das Ausmaß der jüngsten Kurseinbußen bereits wieder übertrieben ist, oder ob das dicke Ende vielleicht sogar erst noch kommt, erscheint ein Blick auf die Börsenhistorie hilfreich zu sein.

Für den amerikanischen Markt hat diese Aufgabe Sam Stovall übernommen. Der Chefinvestmentstratege vom Finanzdienstleister S&P hat sich angeschaut, wie der S&P-500-Index mit den amerikanischen Konsumentenpreisen korreliert hat. Auch wenn die Vergangenheit natürlich kein Garant für zukünftige Entwicklung ist, interessant sind die Erkenntnisse allemal.

Bild: S&P, U.S. Bureau of Labor Statistics

Aktie leiden nachhaltig nur unter einer hohen Inflation

Die aktuell zu spürenden Ängste der Börsianer haben teilweise ebenfalls mit historischen Erfahrungen zu tun. Denn in den 70er Jahren sorgten hohe Inflationsraten für eine schwache Performance an der Wall Street. Auch jetzt dürfte eine längerfristig stark anziehende Inflation laut Stovall ähnlich negative Kurseffekte nach sich ziehen. Allerdings hält man bei S&P ein solches Szenario für eher unwahrscheinlich.

Zur Erinnerung: Von Anfang 1970 bis Ende 1979 kletterte der Konsumentenpreisindex in Amerika um 103 Prozent (siehe Tabelle). Gleichzeitig kam der S&P-500-Index in diesem Zeitraum nur auf ein Plus von 17 Prozent (ohne Dividenden). Erst als sich die Inflationsraten in den 80er und 90er Jahren verringerten, verbesserte sich auch die Performance. Im laufenden Jahrzehnt allerdings waren auch tiefe Inflationsraten nicht in der Lage, die Kurse entscheidend anzutreiben. Nach Einschätzung von Stovall könnte dies mit dem Übergang von einem disinflationären (also einer Phase, in der die Inflationsraten fallen) hin zu einem inflationären Umfeld (einer Phase, wenn die Inflationsraten steigen) zu tun haben.

Betrachtet man die 35-Jährige Entwicklung seit 1970 aus einem etwas anderen Blickwinkel, dann zeigt sich, daß der S&P-500-Index auf Monatsbasis am besten abgeschnitten hat, wenn die Preise mit einer moderaten Rate zwischen 2,0 und 3,9 Prozent stiegen (siehe Tabelle). Bei Inflationsraten von über vier Prozent verschlechterte sich dagegen die Performance. „Offenbar mag der Markt etwas Inflation, aber auch nicht zu viel davon. Erklären läßt sich das damit, daß eine leicht steigende Inflation typischerweise mit Wirtschaftswachstum und durch Preisanhebungen steigenden Unternehmensgewinnen einhergeht“, vermutet Stovall.

Bei steigender Inflation suchen Anleger Schutz in defensiven Sektoren

Die Volkswirte bei S&P rechnen wie erwähnt nicht mit einem dramatisch Anziehen der Inflation in den kommenden Jahren. Allerdings haben auch sie ihre Inflationsschätzungen in den vergangenen Monaten nach oben anpassen müssen. Derzeit lautet die Prognose, daß der Konsumentenpreisindex in der Kernrate im ersten Quartal 2006 mit 2,8 Prozent seinen Höhepunkt erreichen wird, sich danach wieder etwas abschwächt und in den Jahren 2006 und 2007 im Mittel 2,5 Prozent betragen wird.

Um vor negativen Überraschungen gefeit zu sein, schadet es trotzdem nicht, sich einmal anzuschauen, wie die Wall Street in der Vergangenheit auf die jeweiligen Richtungsänderungen bei der Inflation reagiert hat. Seit 1971 gab es demnach acht Perioden, in der sich die Inflation mindestens auf Sicht eines Jahres beschleunigte (siehe Chart). Im Schnitt dauerten diese Phasen vierzehn Monate. Unter diesem Aspekt betrachtet zeigt sich, daß eine anziehende Inflation alleine nicht ausreichte, um die Kurse nachhaltig aus der Bahn zu werfen. Im Schnitt verlor der S&P-500-Index in diesen Phasen jedenfalls lediglich ein Prozent. Und seitdem die amerikanische Notenbank Ende der 70er Jahre begonnen hat, die Inflation ernsthaft zu bekämpfen, kam es sogar selbst in Zeiten steigender Inflationsraten relativ oft zu Monatsgewinnen beim S&P-500-Index.

Trotz des im Zeitablauf gewachsenen Vertrauens in die Fähigkeiten der Fed, die Inflation wirkungsvoll zu bekämpfen, ist in Phasen steigender Inflationsraten eine Hinwendung zu defensiven Sektoren doch unübersehbar. Laut Stovall schnitten Werte aus den Bereichen Energie, Pharma & Gesundheit, Versorgern sowie den Grundstoffen besser ab als Aktien aus den Branchen Gebrauchsgüter, Finanzen, Industrie und der Informationstechnologie. Das ist wenig überraschend, vertrauen die Anleger doch auch sonst, wenn es an den Börsen mulmig wird, in der Regel am liebsten auf defensive Titel.

Quelle: @JüB
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot