Terminmarkt

Finanz-Terminmärkte ignorieren den Ölpreis

12.08.2005
, 10:51
An den Terminbörsen für Industrierohstoffe kommt zunehmend Nervosität auf. Sie rührt wesentlich von der anscheinend nicht zu bremsenden Hausse des Rohöls und seiner Nachprodukte her.

Die Terminmärkte für Finanztitel scheinen sich im Gegenteil zu den Rohstoffmärkten für den Aufstieg des Ölpreises überhaupt nicht zu interessieren. Hier breitet sich Optimismus über die Entwicklung der Weltwirtschaft aus, die nach dem Geschmack kritischer Ökonomen schon ans Euphorische grenzt.

Die wachsende Sensibilität der Industrierohstoffe für das Preisgeschehen am Ölmarkt beruht nach dem Urteil von Fachleuten darauf, daß die Minenunternehmen und Metallproduzenten die höheren Energiekosten unmittelbar zu spüren bekommen, während es wohl sechs bis neun Monate dauere, bis die Verteuerung des Rohöls auf breiter volkswirtschaftlicher Front durchzuschlagen beginnt. Dabei wird daran erinnert, daß Energie zum Beispiel bei der Herstellung von Aluminium bis zu 90 Prozent der Gesamtkosten ausmachen kann.

Trends statt Fundamentaldaten

Zur auffallenden Bereitschaft der Terminbörsen für Finanztitel, die Hausse am Ölmarkt zu ignorieren, erklären Beobachter, an diesen Märkten spiele die Spekulation besonders in Form der Hedge-Fonds und der Eigenhandelsabteilungen von Banken unverändert die beherrschende Rolle. Diese Gattung von Marktteilnehmern kümmere sich bei ihren bewußt kurzfristig ausgerichteten Positionen an den Finanz-Terminmärkten und in anderen Derivaten überwiegend nicht um fundamentale Gegebenheiten, sondern sie folgten mehr oder minder den Markttrends.

Bild: FAZ.NET

Die Hausse nähre so die Hausse, weil die Tendenz nun einmal nach oben weise und immer neue Käufer anlocke. "The trend is your friend, until it ends", laute im angelsächsischen Sprachraum die Devise. Das bedeutet, der Anleger möge den herrschenden Trend nutzen, bis er endet. Manche ersetzen das Wort "endet" durch "bricht", um deutlich zu machen, was droht, wenn plötzlich alle verkaufen wollen und keine Käufer mehr zugegen sind.

Die Skeptiker beklagen beständig, daß die Propagandatrommel der "Sell Side", also jener, die etwas zu verkaufen haben und dies auch dringendst wollen, die breite Öffentlichkeit angesichts der unerwartet günstig erscheinenden Konjunkturzahlen erst richtig zum Kaufen animieren. Wenn kritische Fragen zum Ölpreis gestellt werden, führen diese Verkäufer gerne das Argument an, inflationsbereinigt sei Öl ja noch immer nicht viel teuer als Anfang der achtziger Jahre. Zudem seien die entwickelten Volkswirtschaften heute sehr weniger vom Öl abhängig als noch vor 30 Jahren. Die Skeptiker entgegnen, die wahren Folgen der Öl-Hausse würden sich erst noch zeigen.

Energie-Agentur nicht auf der Höhe

Rohöl der Sorte "West Texas Intermediate" (WTI) hat in der Nacht vom Mittwoch auf Donnerstag im elektronischen Handel das Rekordhoch von 65,30 Dollar je Barrel (rund 159 Liter) erreicht. Auch am Donnerstag notierte der Ölpreis nahe dieser Marke. Zugleich haben Benzin und Heizöl in New York neue Höchststände erklommen. Es wird von umfangreichen Käufen der Fonds gesprochen.

Die fundamentale Nachrichtenlage hat sich zuletzt nicht wesentlich verändert. Neu ist nur, daß die Internationale Energie-Agentur (IEA) ihre gelassene Haltung zur statistischen Situation am Ölmarkt noch einmal bekräftigt hat. Als bemerkenswert bezeichneten Analysten jedoch, daß die IEA jetzt plötzlich privaten Experten gefolgt ist und für den Rest des Jahres eine geringere Förderung in jenen Ländern, die nicht der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) angehören, voraussagt.

Im Gegenzug hat sie ihre Prognose zum Bedarf an Opec-Öl erhöht. Fachleute fühlen sich angesichts des Monatsberichts der IEA in ihrer Überzeugung bestätigt, daß diese Institution den tatsächlichen Verhältnissen am Ölmarkt notorisch hinterherhinkt.

Unterdessen wartet man an den Agrar-Terminmärkten in Chicago mit hoher Spannung auf den am Freitag erscheinenden monatlichen Erntebericht des amerikanischen Landwirtschaftsministeriums (USDA). Er dürfte Aufschluß darüber geben, welche Schäden Hitze und Dürre im Juli an den amerikanischen Ernten für Mais und Sojabohnen angerichtet haben. Analysten bezeichnen diese Märkte und auch Weizen als technisch stark "überverkauft" und würden sich daher über deutliche Preissteigerungen nicht wundern, wenn die Ertragseinbußen die Erwartungen übertreffen sollten.

Quelle: F.A.Z., 12.08.2005, Nr. 186 / Seite 20
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