Wahlen in Amerika

Offene Wahlschlacht beschert der Wall Street eine Zitterpartie

Von Catherine Hoffmann
01.11.2004
, 07:46
Was erwartet die Börse? Siegt Bush, wäre das gut für Aktien. Kerry bekäme den Anleihen besser. Das glauben die Strategen - ganz gegen alle Erfahrung.
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Wenn am kommenden Mittwoch, dem 3. November, der Aktienhandel an Wall Street startet, geht es ausnahmsweise nicht um die Frage: Wer hat den höchsten Gewinn je Aktie? Die Hoffnungen und Ängste der Anleger kreisen nur um ein Thema: Bush oder Kerry? Wer regiert künftig Amerika, wer beherrscht die Börse?

Die Schlacht ums Weiße Haus war die teuerste und härteste seit Generationen. Das Kopf-an-Kopf-Rennen von Republikanern und Demokraten zog die Börsianer in den Bann, Begeisterungsstürme löste es nicht aus. Bislang war das Wahljahr kein gutes Börsenjahr. Seit Januar verlor der Dow-Jones- Aktienindex vier Prozent. In den vergangenen 100 Jahren gewannen die Aktienkurse an Wall Street in den Monaten vor der Wahl kräftig. Gut 6,5 Prozent legte der Dow durchschnittlich zwischen dem letzten Nominierungskonvent einer der beiden großen Parteien und dem Wahltermin zu.

Eine Statistik von Ned Davis Research zeigt auch: Die Börsianer hassen Unsicherheit und schätzen es, wenn alles beim alten bleibt. Regierte der Amtsinhaber weiter im Weißen Haus, gewann der Dow im Schnitt 8,2 Prozent, siegte sein Herausforderer, waren es 3,7 Prozent.

Bisherige Kursentwicklung in diesem Jahr spricht gegen Bush

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Geht es nach der Börse, hat George W. Bush bereits verloren. Das ist paradox: Wird Big Money doch nachgesagt, im Herzen republikanisch zu sein. "Die Akteure an den Finanzmärkten neigen den Republikanern zu", sagt Bill Dudley, Chefvolkswirt von Goldman Sachs. Ob sie dabei mehr an die Börse oder an den eigenen Geldbeutel denken, ist unklar.

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John Kerry hat in beiden Fällen schlechte Karten. Eine seiner ersten Amtshandlungen werde es sein, Bushs Steuerersenkung einzukassieren - für Amerikaner, die mehr als 200.000 Dollar im Jahr verdienen. Das Geld soll helfen, mehr Menschen in die Krankenversicherung einzuschließen. Das kommt bei den reichen Investmentbankern nicht gut an.

"Ich glaube, daß ein Bush-Sieg besser für Aktien wäre und ein Sieg Kerrys ein Gewinn für Anleihen", sagt Bob Doll, verantwortlich für die Anlage von 488 Milliarden Dollar bei Merrill Lynch Investment Managers. Bush hat die Steuern auf Kapitalerträge und Dividenden gesenkt, davon profitieren ganz klar die Aktionäre.

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Höchstens kurzfristige Kursausschläge erwartet

Kerrys Pläne, einen Teil der Steuergeschenke von Bush wieder zurückzunehmen, würde die Nachsteuergewinne von Aktieninvestments schmälern. Ein demokratischer Präsident griffe stärker in die Wirtschaft ein.

Zum Beispiel wird unter Kerry das Handelsministerium geplante Fusionen und Übernahmen strenger prüfen. Ein demokratischer Präsident wird schärfere Umweltstandards durchsetzen, was mit höheren Kosten für Chemieunternehmen und Stromerzeuger verbunden wäre. Und er dürfte stärker in die Gesundheitspolitik eingreifen, indem er etwa etablierte Pharmaunternehmen zu niedrigeren Preisen zwingt oder billige Reimporte aus Kanada erleichtert.

Diese Politik kommt bei den Investoren nicht gut an. Sie kritisieren auch, daß Kerry kein besonderes Interesse daran zeigt, die Sozialversicherung zu privatisieren, wie es Bush vorgeschlagen hat. Das würde wahrscheinlich mehr Geld an die Börsen lenken und langfristig zu höheren Aktienkursen führen.

"Die Aktienmärkte würden wohl erst mal verschnupft auf einen Sieg Kerrys reagieren", sagt Dudley. "Ich zweifle aber daran, daß dieser Effekt nachhaltig wäre." Denn bei allen Gedankenspielen darf nicht vergessen werden: Senat und Repräsentantenhaus müssen Gesetzesvorlagen zustimmen; der Kongreß wird wohl in republikanischer Hand bleiben. So war es unter Bill Clinton, der mit einem republikanischen Repräsentantenhaus klarkommen mußte. In dieser Zeit feierte Wall Street die größten Gewinne der Nachkriegszeit.

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Demokraten mit besserer Börsenbilanz als die Republikaner

Unstrittig ist, daß jeder, der Anleihen besitzt, einen Sieg Kerrys begrüßen müßte. Mit seinem von aggressiven Steuersenkungen geprägten wirtschaftspolitischen Programm, den "Bushonomics", wird der amtierende Präsident kaum in der Lage sein, das Haushaltsdefizit wie versprochen bis 2009 zu halbieren. Den Job trauen Beobachter eher Kerry zu.

Dringend notwendig ist es. Clinton verbuchte 2000 noch 236 Milliarden Überschuß im Staatshaushalt. In diesem Jahr dürfte das Defizit mit rund 445 Milliarden Dollar einen Rekordwert erreichen. Entsprechend düster sehen heute die Schuldenschätzungen des Budget Office aus.

Wie groß ist also der Einfluß des Wahlausgangs auf die Kurse? "Nicht so groß, wie viele glauben", sagt Merrill-Lynch-Stratege Doll. Der neue Präsident und seine Politik werden kurze Zeit die Märkte beeinflussen. Am Ende zählen aber die Gewinne, Renditen und Bewertungskennzahlen, Ölpreisschock und Terroranschläge. Sie bestimmen Gewinne und Verluste.

Wer sich auf politische Kaffeesatzleserei an der Börse einläßt, sollte wenigstens von einem alten Mythos Abschied nehmen: Republikaner bringen Aktionären mehr Glück. Die Zahlen widerlegen es: Die Demokraten sind besser für die Börse. Unter ihrer Ägide gewann der S&P 500 seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs 7,2 Prozent, regierten die Republikaner, waren es 5,6 Prozent. Und die Börsenbilanz unter Bush ist die miserabelste seit Richard Nixon.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 31.10.2004, Nr. 44 / Seite 45
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