Fondsmanager Kaldemorgen im Gespräch

"Kostolany funktioniert nicht mehr"

Aktualisiert am 03.11.2011
 - 17:30
Für Klaus Kaldemorgen ist es „wichtig, über Nacht nicht zu große Risiken zu behalten“
Aktien kaufen und einfach liegenlassen ist passé. Gegen die starken Schwankungen am Aktienmarkt kann sich der Anleger durch Streuung seines Vermögens absichern.

Herr Kaldemorgen, wie gehen Sie mit der Volatilität an den Märkten um?

Im Augenblick geht es ganz gut, weil die Kurse nicht nur fallen, sondern auch steigen. Man kann bei schlechten Nachrichten aus der Politik kaufen und bei guten Nachrichten wieder verkaufen. Dafür eignen sich gerade Finanzwerte wegen ihrer großen Kursausschläge. Dort sind Kursschwankungen um 5 bis 10 Prozent am Tag fast schon normal. Andererseits sind solche kurzfristigen Kursschwankungen nicht gut für die Magenschleimhaut.

Kann man es an solchen Märkten noch mit André Kostolany halten: Aktien kaufen, viele Jahre schlafen und sich dann über Kursgewinne freuen?

Um Gottes Willen, nein. Da riskiert man, mit Kopfschmerzen aufzuwachen. Für mich als Fondsmanager ist es wichtig, über Nacht nicht zu große Risiken zu behalten. Während eines Tages kann ich mit Kursschwankungen umgehen. Aber die Gefahr besteht darin, dass der Dax morgens früh 150 Punkte niedriger eröffnet im Vergleich zum Schlussstand des Vortags, ohne dass man reagieren konnte.

Gibt es Modelle, mit denen man in solchen Situationen arbeiten kann?

Naja, die Risikomodelle sagen einem nur, dass bei so großen Kursschwankungen die Risiken zunehmen. Man kann versuchen, sich über verschiedene Anlageformen abzusichern, zum Beispiel über Gold, über den Terminkontrakt für die Bundesanleihe oder über Währungen.

Was schlagen Sie vor?

Das Verhaltensmuster derzeit ist: Wenn die Aktienkurse steigen, steigt am Devisenmarkt der Euro und der Dollar fällt. Es gilt auch das Umgekehrte. Man kann sich also gegen Verluste am Aktienmarkt absichern, indem man Dollar hält. Am Devisenmarkt gilt der Kauf von Dollar als ein Geschäft für Risikoscheue und der Kauf von Euro als ein Geschäft für Risikobewusste.

Und der Bund-Terminkontrakt?

Er eignet sich auch zur Absicherung, da der Preis des Kontrakts üblicherweise steigt, wenn die Aktienkurse fallen.

Was halten Sie von einer Absicherung von Aktienbeständen über Verkaufsoptionen?

Diese Form der Absicherung ist angesichts der gegenwärtigen Volatilität viel zu teuer.

Was raten Sie dem Privatanleger?

Aktien sind teuer geworden. Der Dax war am 4. Oktober bei 5200 Punkten. Am 28. Oktober hatte der Dax 6400 Punkte erreicht. Das war ein sehr starker Anstieg. Aber die Kurse können auch stark fallen. Eigentlich kann man dem Anleger nur raten, die Füße still zu halten, wenn er solche Risiken nicht aushalten will.

Welche weitere Entwicklung der Finanzmärkte erwarten Sie?

Ich würde die nächsten politischen Entscheidungen weder zu positiv noch zu negativ sehen. Die politische Spannung wird sich auflösen. Ich denke, der Dax hat sein Tief gesehen und könnte bis auf 6400 Punkte gehen, da November und Dezember traditionell gute Börsenmonate sind. Wir müssen aber sehen, dass der Aktienmarkt langfristig weniger von der Politik als von der Realwirtschaft beeinflusst wird. Und hier warten nicht so gute Nachrichten auf uns.

Was meinen Sie damit?

In einigen Ländern in Europa ist im ersten Quartal 2012 eine Rezession möglich. Die Wirtschaft in den Vereinigten Staaten von Amerika läuft nicht richtig, und auch China dürfte als Impulsgeber erst einmal ausfallen. Längerfristig wird uns aber die Geldpolitik heraushauen.

Inwiefern?

Der amerikanische Aktienmarkt hat auf die beiden quantitativen Lockerungen der Geldpolitik durch die Fed mit Kursgewinnen von 40 Prozent reagiert. Machen wir uns nichts vor: Die Konjunktur hängt am Tropf der Zentralbanken.

Sie sehen eine Inflationierung von Dollar und Euro kommen?

Ja. Deshalb sind Sachwerte, und dazu gehört auch Gold, eine interessante Anlage, auch wenn man es mit Gold nicht übertreiben sollte.

Das Gespräch führte Gerald Braunberger.

Quelle: F.A.Z.
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