Aktienhandel

Anleger, schaut auf Europa!

Von Thomas Klemm
Aktualisiert am 06.06.2017
 - 08:08
Börse in Frankreich: Vor allem auf die Wahl Emmanuel Macrons zum französischen Präsidenten haben Anleger begeistert reagiert. Aber auch deutsche Aktien sind bei Amerikanern begehrt.
Da kann Trump noch so sehr auf Amerika setzen: Die Anleger vertrauen auf europäische Aktien. Und das völlig zu Recht.

Vor noch nicht allzu langer Zeit wäre der Schreck groß gewesen, wenn die Bundeskanzlerin die Wörter „Europäer“ und „Schicksal“ in einem Satz verwendet hätte. Aber nun, nachdem die schlimmste Euro-Krise weitgehend ausgestanden ist und die Herausforderungen eher aus Übersee kommen, erhalten Angela Merkels Worte eine positive Wendung.

Wenn sie sagt: „Wir Europäer müssen unser Schicksal wirklich in die eigene Hand nehmen“, dann meint sie „Schicksal“ nicht im Sinne von „Verhängnis“, sondern appelliert an die „Bestimmung“ zusammenzurücken. Als Treiber einer solchen europäischen Einigkeit fungiert Donald Trump, dem Amerika über alles geht und der dagegen wettert, was bei uns angeblich im Argen liegt: Verteidigungsausgaben, Handelspolitik, Klimapolitik.

Sosehr Trump auf Distanz geht: Von Anlegern, die nicht zuletzt aus Amerika kommen, wird Europa gerade wiederentdeckt. Während der Präsident unentwegt über den deutschen Handelsüberschuss krittelt, zeigen sie großes Vertrauen in die europäische Wirtschaft, insbesondere in die deutsche Wirtschaft. Am Freitag hat der Deutsche Aktienindex Dax ein neues Rekordhoch von 12.878 Punkten erreicht, als Nächstes könnte die Marke von 13.000 Punkten fallen.

Gute Argumente für deutsche Aktien

Zum einen sind deutsche Aktien trotz ihres kräftigen Kursanstiegs im Vergleich zu den amerikanischen Titeln immer noch recht günstig. „Zum anderen ist der deutsche Aktienmarkt sehr prozyklisch ausgerichtet und profitiert vom globalen Wirtschaftsaufschwung“, sagt Maximilian Kunkel, Chefanlagestratege der Schweizer Großbank UBS. So setzt auch der amerikanische Starinvestor Warren Buffett auf deutsche Werte. Über seine Firma General Reinsurance hat er vergangene Woche 200 Millionen in den Kölner Chemiekonzern Lanxess investiert und damit drei Prozent der Anteile übernommen.

Es sind nicht nur Großinvestoren wie Buffett, die in Deutschland und dem Rest des alten Kontinents neue Chancen sehen. So zeigen die jüngsten Zahlen der französischen Fondsgesellschaft Amundi zum ETF-Markt, wie sehr Anleger ihr Geld umgeschichtet haben. Von Ende November vergangenen Jahres bis Ende April sind 3,7 Milliarden Euro in Aktien-ETF der Eurozone geflossen, gefragter waren nur globale Aktien-ETF.

Robuster Euro als Anreiz zum Anlegen

Vor allem auf die Wahl Emmanuel Macrons zum französischen Präsidenten haben Anleger begeistert reagiert und in den drei Wochen seither zwölf Milliarden Euro in europäische Aktienfonds investiert. Dass seit langem aufgestautes Kapital nach Europa geflossen sei, liege auch daran, dass sich der Euro gegenüber dem Dollar als robuster erweist als lange befürchtet. Seit ihrem Tiefstand Mitte Dezember 2016 hat die Gemeinschaftswährung um fast neun Prozent an Wert gewonnen. „Internationale Investoren sehen den stärkeren Euro als Zeichen, dass sie ihr Kapital nach Jahren der Enttäuschungen wieder in Europa anlegen können“, sagt Kunkel.

Nach Trumps Wahlsieg Anfang November hatte es noch so ausgesehen, als würden die amerikanischen Börsen allen anderen enteilen. Trumps Ankündigungen von Steuersenkungen, einem milliardenschweren Investitionsprogramm und der Deregulierung der Banken weckten enorme Phantasien. Inzwischen sind große Zweifel aufgekommen, ob Trump seine vollmundigen Wahlversprechen wirklich so umsetzen kann.

Sein erstes Vorhaben, die weitgehende Abschaffung der Krankenversicherungspflicht für Amerikaner („Obamacare“), konnte er nur mit Mühe und Not im Repräsentantenhaus durchsetzen, obwohl seine republikanische Partei dort eine Mehrheit hat. Zudem bekommt es der Präsident mit einem Sonderermittler zu tun, der die Russland-Kontakte in Trumps Umfeld untersucht. Das alles nährt Zweifel an Trumps Potenz, die gut laufende Konjunktur weiter anzukurbeln. „Misst man den Präsidenten nicht an seiner Rhetorik, sondern an seinen Taten, kam bislang sehr wenig von ihm“, sagt Carsten Roemheld, Kapitalmarktstratege der Fondsgesellschaft Fidelity.

Europa als Hort der Entspannung?

Angesichts der Höchststände der amerikanischen Börsen setzt Starinvestor George Soros 800Millionen Dollar darauf, dass es bald zu erheblichen Verlusten kommen wird. Und zwar vor allem bei Industriekonzernen, die bislang als mögliche Nutznießer der von Trump angekündigten Steuererleichterungen und Importzölle gegolten haben.

Im Vergleich dazu erscheint Europa – wer hätte das vor einigen Monaten gedacht – wie ein Hort der Entspannung. Die politischen Risiken, die Anleger so sehr fürchten, haben deutlich abgenommen. Weder bei den Wahlen in den Niederlanden, in Österreich noch bei denen in Frankreich konnten sich europakritische Populisten durchsetzen. Für etwas Unsicherheit sorgen nur noch die in Kürze beginnenden Brexit-Verhandlungen mit Großbritannien und die Probleme in Italien. Dort kriseln die Banken, zudem könnte es im Herbst zu vorgezogenen Neuwahlen kommen. Doch selbst wenn dort die europakritische „Bewegung Fünf Sterne“ gewönne: Für ein Referendum über einen Euro-Ausstieg müsste Italien seine Verfassung ändern. Eine große Hürde.

Wenn sich viele Anleger zum gleichen Zeitpunkt gleich verhalten und wie jetzt massenhaft in Europa investieren, wird der eine oder andere Marktbeobachter skeptisch. Zumal sich an den Börsen eine gewisse Sorglosigkeit breitgemacht hat, wie die Stimmungsbarometer und der niedrige Volatilitätsindex, der die Schwankungen an den Börsen anzeigt, offenbaren. Größere Kursverluste gibt es seit Monaten nicht. „Und selbst wenn wir die eine oder andere Korrekturphase erleben werden, ist es sinnvoll, in diesen Indizes investiert zu bleiben“, sagt Fidelity-Stratege Roemheld. „Bei den Kapitalzuflüssen lässt Europa noch eine große Lücke, die man weiter schließen kann.“

Gutes Wirtschaftsklima verspricht Sicherheit

Der aktuelle Run auf Europa ist gut begründet. In Deutschland herrscht ein prima Wirtschaftsklima, auch Frankreich wird langsam wieder zu einem Wachstumsmotor, die anderen Länder der Währungsunion wachsen ebenfalls. Sogar in Italien gibt es Anzeichen für eine Erholung. Schon im vergangenen Jahr fiel das Wirtschaftswachstum in der Eurozone mit 1,8 Prozent stärker aus als in Amerika (1,6 Prozent).

In diesem Jahr setzt sich der Trend fort: In den ersten drei Monaten stieg das Bruttoinlandsprodukt in der Währungsunion um 0,5 Prozent zum Vorquartal und damit mehr als doppelt so schnell wie in den Vereinigten Staaten. Dazu kommt, dass die Arbeitslosigkeit langsam abnimmt. Sie liegt in der Europäischen Union erstmals seit 2008 unter acht Prozent, in der Eurozone ist sie im vergangenen Sommer wie zuletzt 2009 auf unter zehn Prozent gefallen.

Wirtschaftswachstum in der Eurozone

Auf höchstem Niveau sind dagegen Indikatoren wie der Markit-Einkaufsmanagerindex, in den die wirtschaftlichen Einschätzungen von 5000 Unternehmen aus der Eurozone einfließen. Europas Firmen bekommen immer mehr Aufträge, produzieren eifrig und schaffen neue Arbeitsplätze. Die Nachfrage nach Industriegütern aus Europa ist so groß wie zuletzt 2011, zudem ist die Konsumlaune der Verbraucher überall überraschend gut. „Wir glauben, dass sich der Wirtschaftsaufschwung in Europa in höheren Löhnen widerspiegeln wird, vor allem in Deutschland, wo wir im nächsten Jahr größere Tarifverhandlungen haben werden“, prognostiziert UBS-Chefanleger Kunkel.

An Geld mangelt es den Unternehmen kaum. Nach sechs mageren Jahren fallen die Firmengewinne in Europa prächtig aus, sogar besser noch als in Amerika. Während die Ergebnisse der Unternehmen im S&P 500 um 15 Prozent zulegten, stiegen sie im breiten europäischen Index Stoxx 600 um sage und schreibe 37 Prozent. Die meisten Marktbeobachter gehen davon aus, dass die Gewinnzuwächse in Europa auch übers gesamte Jahr gesehen deutlich im zweistelligen Bereich liegen werden.

„Dieses Wachstum wird erstmals seit Jahren von allen neun Sektoren getragen“, sagt Britta Weidenbach, zuständig für europäische Aktien bei der Deutschen Asset Management, dem Vermögensverwalter der Deutschen Bank. Zwar hat der erstarkte Euro Exporte außerhalb Europas teurer macht. Dennoch sieht UBS-Experte Kunkel auf dem hiesigen Kontinent mehr Potential bei den Unternehmensgewinnen als in Amerika: „Das gilt gerade für 2018 und 2019, wenn wir im sehr wichtigen Bankensektor wieder einen sehr starken Gewinnanstieg sehen sollten.“

Die lockere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank tut ein Übriges, um die Börsen anzutreiben. Ob die EZB die Wachstumsaussichten optimistischer einschätzt und allmählich über eine Wende ihrer Politik nachsinnt, wird ihr Präsident Mario Draghi womöglich nach der Ratssitzung am kommenden Donnerstag dezent andeuten. Die jüngsten Inflationszahlen spielen eher denen in die Karten, die am billigen Geld bis auf weiteres festhalten wollen. Das von der EZB vorgegebene Ziel von nahe zwei Prozent wurde im Mai deutlich verfehlt, die Teuerungsrate ging auf 1,4 Prozent zurück. Solange die Geldpolitik derart locker bleibt, dürfte Europa ein Kontinent der schier unbegrenzten Anlagemöglichkeiten bleiben.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Klemm, Thomas
Thomas Klemm
Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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