Chancen 2017

Digitaler Wandel in der Finanzwelt

Von Gerald Braunberger
19.12.2016
, 12:51
„Jesus verteibt die Händler aus dem Tempel“ - oder vertriebt der digitale Wandel die Banker?
Die Finanzwelt befindet sich in einem atemberaubenden Wandel. Sie eröffnet zahlreiche Chancen für den Kunden, aber auch für Internetkriminelle.
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Wie häufig waren Sie in diesem Jahr in Ihrer Bank- oder Sparkassenfiliale? Diese Frage wurde kürzlich auf einem großen Finanzkongress dem Publikum gestellt. Die Antwort war ernüchternd: Die allermeisten Teilnehmer waren in diesem Jahr entweder noch gar nicht oder einmal in ihrer Filiale. Nur eine kleine Minderheit schaut dort häufiger vorbei.

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Der Trend ist eindeutig, und er beschäftigt Banken, Sparkassen, Versicherer und andere Finanzhäuser gleichermaßen: Die digitale Revolution ist dabei, die Finanzbranche nachhaltig zu verändern. Sie erfasst nicht nur interne Vorgänge wie die Verbuchung und die Abwicklung von Geschäften, die den Kunden nicht unmittelbar kümmern müssen.

Nein, die digitale Revolution erfasst auch direkt, und auf vielfältige Weise zumal, das Leben der Menschen, ihren Umgang mit Geld und Finanzprodukten und damit auch ihre Geschäftsbeziehungen zu Unternehmen aus der Finanzbranche.

Das Ende des manuellen Bankings

Die traditionelle Filiale in der Bank oder Sparkasse ist ein guter Einstieg in das Thema. Wer früher ein Konto eröffnen wollte, musste zur Filiale gehen und sich dort ausweisen. Heute lässt sich ein Konto innerhalb kurzer Zeit online eröffnen einschließlich einer Identitätsüberprüfung.

Früher brachten Menschen ihre Überweisungsvordrucke selbst in der Filiale vorbei, während heute immer mehr Kunden solche Geschäfte online machen. Ebenso hat die Nachfrage nach Bargeld von der Kasse in der Filiale nachgelassen - eine aus Sicht der Banken und Sparkassen sehr willkommene Entwicklung, da die Bevorratung der Niederlassungen mit Bargeld teuer ist.

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In Ländern wie Dänemark oder Schweden wird Bargeld kaum noch als Zahlungsmittel genutzt; dementsprechend ist es kaum noch in Filialen vorrätig. So kam es, dass vor ein paar Jahren ein schwedischer Bankräuber unverrichteter Dinge wieder abziehen musste, weil die von ihm überfallene Bank keinerlei Noten vorrätig hatte.

Automaten-Bank

In Deutschland ist es nicht so extrem, aber ein Trend ist unverkennbar. So ist die Zahl der Bank- und Sparkassenfilialen in den vergangenen Jahren in Deutschland deutlich zurückgegangen. Dieser Prozess wird sich weiter fortsetzen.

Andere Niederlassungen existieren noch, haben sich aber wesentlich verändert. Die gar nicht einmal kleine Sparkassenfiliale, die wir vor vielen Jahren frequentiert hatten, besteht heute aus einem großen Vorraum, in dem mehrere Bankautomaten stehen, und einem kleinen Raum, der Platz für eine Kasse und zwei Mitarbeiter bietet.

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Während dessen unterhält eine Großbank in der Nähe nur noch eine Art Beratungsagentur, vor deren Tür sich ein Geldautomat befindet. Derweil wird Banking per Smartphone-App zu einer Alternative, für deren Angebot sich nicht nur neue Finanzunternehmen interessieren, sondern auch die guten alten Sparkassen.

Aber was ist mit der Beratung? Das ist das Argument, mit dem der persönliche Kontakt von Bank- und Sparkassenmitarbeitern mit Kunden häufig begründet wird. Daran ist vieles richtig; so wird in vielen Fällen die Finanzierung einer Immobilie ohne kundigen persönlichen Rat nicht vonstattengehen. Aber es gibt auch einen Grund, warum Kunden Filialen von Banken und Sparkassen aufsuchen, ohne dort Rat zu suchen: Sie suchen stattdessen die Tresoranlagen auf. Je unsicherer die Zeiten sind, umso mehr neigen Menschen dazu, Wertsachen in Tresoren aufzubewahren.

Die großen deutschen Banken müssen sich mit neuen Filialkonzepten auf die digitale Welt einstellen. Einfach wird dies nicht, denn auch im klassischen Beratungsgeschäft lassen sich Tätigkeiten digitalisieren. Zum Beispiel in der Anlageberatung: Nach einer alten Erfahrung stammen langfristig rund 90 Prozent der Rendite aus der grundlegenden Strukturierung des Vermögens im Laufe der Jahre.

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Hier geht es um strategische Fragen, darunter zum Beispiel: Ein wie großer Teil des Vermögens soll liquide gehalten werden? Wie hält es der Anleger mit dem Risiko - und was folgt daraus für die Wertpapieranlage? Will der Anleger zur Miete wohnen oder Wohneigentum erwerben?

Auch der Berater wird zum Automaten

Für solche strategischen Entscheidungen wird der menschliche Berater weiterhin wichtig bleiben. Aber es gibt zwei Einschränkungen: Erstens muss man einen solchen Berater nur sehr selten konsultieren. Und zweitens sind viele Privatvermögen so klein, dass für sie keine weitreichenden strategischen Entscheidungen getroffen werden. Hier geht es eher um die Frage, wie das Geld angesichts von Zinsen nahe null zu vernünftigen Kosten in Wertpapieren angelegt werden kann.

An dieser Stelle kommt der sogenannte „Robo-Advisor“ ins Spiel, eine aus den Vereinigten Staaten stammende Idee. In der Praxis geht es darum, dass ein Algorithmus kostengünstige börsengehandelte Indexfonds (ETF) je nach der Risikobereitschaft des Anlegers zusammenstellt. In Deutschland sind die von solchen Algorithmen zusammengestellten Kundenvermögen bisher noch sehr übersichtlich, aber in den Vereinigten Staaten gewinnt der Robo-Advisor so sehr an Bedeutung, dass die weltgrößte Fondsgesellschaft Blackrock ihr Angebot jetzt auch um diese Dienstleistung erweitert.

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Klick Dich ins Optimum

Wie häufig haben Sie in diesem Jahr einen Versicherungsvertreter gesprochen? Der klassische Vertreter, der zu Hause im Wohnzimmer die Unterlagen auspackt, findet vor allem zur jüngeren Generation wenig Zugang. Dies nutzen neue Anbieter, die Versicherungen über Apps anbieten. Das Smartphone des Kunden ersetzt dessen Wohnzimmer, und die Digitalisierung trägt auch dazu bei, dass der Kunde nicht länger Schreiben seiner Versicherung in dicken Ordnern abheften muss.

Ein weiterer wesentlicher Vorteil der Digitalisierung besteht in der Möglichkeit des Kunden, sich im Internet auf Vergleichsportalen über die Angebote von Finanzhäusern zu informieren, seien es Banken, Versicherungen oder Bausparkassen. Früher musste sich der Kunde in seiner Bank oder Sparkasse nach dem jeweils aktuellen Tagesgeldzins erkundigen. Danach wusste er aber immer noch nicht, ob seine Bank oder Sparkasse im Vergleich zu anderen Häusern attraktive Zinsen bot. Heute bedarf es nur weniger Klicks, um einen Marktüberblick zu erlangen.

Trau, schau, wem

Freilich, der Kunde muss auch im Internet wissen, was er tut. Vor der Finanzkrise waren isländische Banken sehr erfolgreich mit der Akquise von Geldern auch deutscher Anleger, weil die Nordeuropäer deutlich höhere Zinsen boten. Allerdings waren diese Gelder, wie sich in der Krise zeigte, auch deutlich unsicherer angelegt.

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Doch muss der Kunde sich nicht nur darüber informieren, wem er sein Geld anvertraut - das sollte eigentlich selbstverständlich sein. Zu bedenken ist zudem, dass ein häufiger Kontowechsel auch in der digitalen Welt Geld kostet. Das „Zins-Hopping“, das heißt die Suche nach dem Anbieter mit dem jeweils attraktivsten Zins, verliert auch bei niedrigen Kosten an Attraktivität, wenn, wie zur Zeit, das allgemeine Zinsniveau sehr niedrig ist.

Das Geld der Crowd

Manche Menschen suchen nach einer grundlegenderen Alternative zu den Finanzprodukten, die Banken, Sparkassen und andere Finanzhäuser anbieten. Sie finden es viel spannender, direkt interessant erscheinende Projekte zu finanzieren. Das können neue Produkte ebenso sein wie Immobilien.

Ein Problem der Direktfinanzierung ist in der Vergangenheit gewesen, dass sich Anleger mit kleinerem Portemonnaie daran nicht beteiligen konnten. Die digitale Welt schafft nun problemlos die Möglichkeit, sich mit Gleichgesinnten zusammenzutun. Und wenn viele Menschen mit bescheidenem Anlagebudget zusammentreffen, können auch größere Projekte finanziert werden. Solche Geldgeschäfte sind seit ein paar Jahren auch in Deutschland bekannt, und wenn es sich nach wie vor um einen Nischenmarkt handelt, so verdient er gleichwohl einen neugierigen Blick. Daher schauen auch wir auf solche Projekte.

Der Rost im Computersysterm

Wie häufig haben Sie schon von Hackerangriffen auf Finanzhäuser gehört? Die digitale Welt eröffnet dem Kunden auch im Finanzwesen neue, zum Teil hoch spannende und interessante Möglichkeiten. Aber die digitale Welt ist auch für den Kunden nicht ohne Risiken, und wir gehen selbstverständlich auch darauf ein.

Eine Schwachstelle sind veraltete oder überforderte Computersysteme von Finanzhäusern. In den vergangenen Monaten kam bei mehreren Banken vor, dass Kunden vorübergehend keinen Onlinezugang zu ihrem Konto hatten. In wieder anderen Fällen fanden irrtümliche Doppelbuchungen auf Konten von Kunden statt. Manche Konten rutschten dadurch so sehr ins Minus, dass die Kunden kein Geld mehr am Automaten abheben konnten.

Für nicht geringes Erstaunen sorgten auch Fälle, in denen Bankkunden auf ihrem Computerbildschirm plötzlich Informationen über die Konten anderer Kunden erhielten - hier war das Bankgeheimnis de facto aufgehoben. Das sind ernste, für Banken potentiell rufschädigende Vorgänge. Sie belegen die Notwendigkeit, jederzeit für eine auf der Höhe der Zeit befindliche Informationstechnologie zu sorgen.

Bye-bye, Passwort

Das vermutlich weitaus größere Problem ist die Kriminalität. Auch wenn Finanzhäuser nicht gerne darüber reden, ist doch bekannt, dass die Branche ein permanentes Ziel von Hackerangriffen darstellt. Die Halunken, die an Geldautomaten verborgene Kameras installieren, um die Geheimnummern von Kunden zu erlangen, sind ebenso veraltet wie jene kriminellen Gesellen, die Geldautomaten in die Luft sprengen.

Der moderne Schurke sendet Kunden E-Mails, die so aussehen, als hätte ihre Bank sie gesendet. Oder sie locken den Kunden auf eine Internetseite, die der Seite einer Bank sehr ähnlich sieht. Immer geht es darum, vom Kunden Zugangsdaten zu dessen Konto zu erlangen.

In Deutschland ist auf diese Weise bisher noch kein sehr großer Schaden entstanden, aber das kann sich schnell ändern. Der Wettlauf zwischen der Sicherheitstechnik und der kriminellen Energie ist in vollem Gange. Anstelle von Passwörtern dürften künftig häufiger biometrische Daten als Zugangscodes auch in der Finanzwelt Verbreitung finden.

Die digitale Finanzwelt befindet sich in einem Wandel, dessen Dynamik den Atem rauben kann. Die Risiken sollten nicht die Chancen vergessen lassen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Braunberger, Gerald
Gerald Braunberger
Herausgeber.
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