Geldpolitik

Zeigt Australien der EZB den Weg?

Von Christoph Hein und Christian Siedenbiedel
03.08.2021
, 22:04
Lowe
Die australische Notenbank verringert ihre Anleihekäufe. In der Eurozone ist EZB-Präsidentin Christine Lagarde mit solchen Schritten noch vorsichtig. In Amerika will Fed-Chef Jerome Powell erst mal die Entwicklung des Arbeitsmarktes abwarten.

Die australische Notenbank hat die Märkte einmal mehr mit ihrem Optimismus überrascht. Trotz der strikten Lockdowns in mehreren australischen Großstädten, bei dem in Sydney sogar das Militär eingesetzt wird, will die Reserve Bank den 237 Milliarden Australische Dollar (174,35 Milliarden Euro) schweren Stimulus abbauen. Als Grund führte sie eine zu erwartende sehr starke Erholung an, wenn die Einschränkungen durch Corona erst fallen. „Vor den gegenwärtigen Ausbrüchen hatte die australische Volkswirtschaft richtig Fahrt, und sie sollte im nächsten Jahr immer noch stark wachsen. Bislang lautet die Erfahrung, dass eine Wirtschaft sich sehr schnell wieder erholt, wenn ein Virusausbruch eingeschränkt wird“, sagte Zentralbankgouverneur Philip Lowe.

Australischer Dollar gewinnt an Wert

Der Australische Dollar gewann daraufhin deutlich an Wert gegenüber dem amerikanischen Dollar und notiert nun bei knapp 0,736 amerikanischen Cent. Für das nächste Jahr hoben die Notenbanker am Dienstag ihre Wachstumsprognose für den Fünften Kontinent von bislang 3,5 Prozent auf nun 4 Prozent an. Im Gegenzug werde die Arbeitslosenquote von erwarteten 4,5 auf 4,25 Prozent sinken.

Lowe bestätigte zur Überraschung der Märkte, ihre Anleihekäufe von November an von 5 auf 4 Milliarden Australische Dollar wöchentlich zu verringern, obwohl die australische Wirtschaft in diesem Quartal aller Wahrscheinlichkeit nach schrumpfen dürfte. Einige Analysten hatten deshalb sogar mit dem Anheben der Summe auf 6 Milliarden Dollar gerechnet.

EZB kauft im Juli für 88 Milliarden Euro Anleihen

Damit geht Australien einen Schritt, über den auch in Europa und den Vereinigten Staaten durchaus schon diskutiert worden ist. Gerade die Europäische Zentralbank (EZB) aber hat sich zuletzt anders entschieden. Im Juli hat sie im Rahmen ihres Krisenprogramms PEPP sogar Anleihen für 88 Milliarden Euro gekauft – so viel wie seit Sommer vergangenen Jahres nicht mehr.

EZB-Präsidentin Christine Lagarde hatte im Juni bekräftigt, auch im dritten Quartal sollten die Anleihekäufe „signifikant höher“ ausfallen als noch zum Jahresbeginn. Insgesamt soll das Krisenprogramm voraussichtlich bis März nächsten Jahres laufen, das Volumen der Anleihekäufe soll 1,85 Billionen Euro betragen.

Im geldpolitischen Ausblick der Juli-Sitzung des EZB-Rates hatte Lagarde zudem angekündigt, ihre Geldpolitik länger als erwartet expansiv zu halten. Dieser Schritt war unter den EZB-Ratsmitgliedern umstritten. In den Vereinigten Staaten hatte Notenbank-Chef Jerome Powell in der vergangenen Woche durchblicken lassen, dass er mit dem Ausstieg aus dem Krisenkurs warten wolle, bis es zu substantiellen Verbesserungen am Arbeitsmarkt komme.

Gleichwohl kauft die amerikanische Notenbank Federal Reserve (Fed) nicht mehr so viele Anleihen wie auf dem Höhepunkt der Krise. „Die Fed war bis etwa Mitte 2020 im akuten Krisenmodus“, sagt Commerzbank-Ökonom Michael Schubert. Zwischen März und Juni 2020 habe sie im Schnitt Wertpapiere für 560 Milliarden Dollar im Monat gekauft – gegenwärtig seien es noch Anleihen für rund 120 Milliarden Dollar im Monat. „Ein Ende des Krisenmodus würde durch die Entscheidung signalisiert, die Anleihekäufe einzuschränken“, sagte Schubert: „Diesen Beschluss erwarten wir bei der Fed für das vierte Quartal.“

Schon mehrmals reduziert hat dagegen die kanadische Notenbank in Ottawa ihre Anleihekäufe. Zuletzt wurde das Volumen auf zwei Milliarden kanadische Dollar je Woche abgesenkt.

Quelle: F.A.Z.
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Christoph Hein
Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.
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Christian Siedenbiedel - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Siedenbiedel
Redakteur in der Wirtschaft.
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