Start-up-Finanzierung

Schubkraft für deutsches Wagniskapital

Von Gerhard Cromme
04.07.2022
, 09:50
Eine funktionierende Start-Up-Förderung kann auch Innovation nach vorne bringen.
Die Ampelkoalition ist mit Habecks Strategie auf gutem Weg in der Start-up-Finanzierung. Für den Standort Deutschland wäre es mehr als nur ein Signal, wenn das Bundeskabinett diese Strategie zu ihrem Projekt machen würde. Ein Gastbeitrag.
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Deutschland braucht Menschen, die mutig neue Wege beschreiten und dafür Risiken eingehen.“ Dieser Überzeugung der Ampelkoalition folgend, will sie dafür „die bestmöglichen Rahmenbedingungen schaffen“ und „auch selbst neue Wege beschreiten, wo dies erforderlich ist“. Diese Einsicht und Selbstverpflichtung ist Kern des Entwurfes zur ersten umfassenden Start-up-Strategie der Bundesregierung, den das Bundeswirtschaftsministerium Anfang Juni vorgelegt hat. Es ist bemerkenswert und zu begrüßen, dass das Bundeswirtschaftsministerium dieses im Koalitionsvertrag verankerte Vorhaben innerhalb der ersten 100 Tage nach Amtsübernahme in Angriff genommen hat. Und auch der Inhalt des Papiers ist kaum weniger ambitioniert.

Für den Start-up-Standort Deutschland wäre es mehr als nur ein Signal, wenn das Bundeskabinett mit dem für Ende Juli vorgesehenen Beschluss diese Start-up-Strategie zu ihrem Projekt machen würde. In zehn Handlungsfeldern, von der Finanzierung über das für Start-ups zentrale Thema der Mitarbeiterkapitalbeteiligungen bis hin zu Datenzugang und wissensbasierten Ausgründungen, hat das Bundeswirtschaftsministerium eine To-do-Liste geschaffen, die sie „innerhalb dieser Legislaturperiode“ abarbeiten will.

Gerhard Cromme, ehemals Vorsitzender des Aufsichtsrats u.a. von Thyssenkrupp und Siemens, ist Vorstandsvorsitzender und Aufsichtsratschef von P.A.C. Consulting.
Gerhard Cromme, ehemals Vorsitzender des Aufsichtsrats u.a. von Thyssenkrupp und Siemens, ist Vorstandsvorsitzender und Aufsichtsratschef von P.A.C. Consulting. Bild: dpa

Besonders sticht die Absicht hervor, „einen Kapitalstock bei der gesetzlichen und privaten Altersvorsorge“ mit einer „Mindestinvestitionsquote in VC-Fonds“ (Venture-Capital-Fonds) einzuführen. Diese Maßnahme könnte mit Fug und Recht als Zeitenwende für die deutsche Finanzierungslandschaft von Start-ups bezeichnet werden. Ein entsprechender Kapitalstock bei der gesetzlichen und privaten Altersvorsorge würde dem in Deutschland traditionell schwach ausgeprägten Wagniskapitalmarkt neue, bisher ungeahnte Schubkraft verleihen und die Finanzierungssituation für deutsche oder europäische Start-ups nachhaltig stärken.

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Den Systemkollaps verhindern

Das ist dringend erforderlich. Denn auch wenn es in den vergangenen Jahren zur starken Zunahme an Venture-Capital-Investitionen in Deutschland mit stabil hohen Renditen gekommen ist, fehlt es weiterhin an großvolumigen europäischen Wagniskapitalfonds, die in der Lage wären, große Finanzierungsrunden mit mehreren Hundert Millionen Euro von europäischen Techunternehmen zu stemmen. Und auch wenn sich in den vergangenen Wochen das Investitionsklima spürbar abgekühlt hat, wird es künftig noch mehr als in der Vergangenheit darum gehen, den Wachstumskurs deutscher Scale-ups mit europäischem Kapital zu finanzieren, um Global Player „made in Germany“ zu produzieren – und sie dann auch hier zu halten.

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Mit dem Wachstumsfonds, einem von insgesamt acht Modulen des schon beschlossenen und 10 Milliarden Euro umfassenden Zukunftsfonds, ist zwar vor Kurzem ein Finanzierungsvehikel geschaffen worden, das erstmals auf die Mobilisierung des Kapitals von privaten, institutionellen Investoren, wie etwa Versicherungen oder Versorgungswerken, abzielt, jedoch wird auch dieses aufwendige Kon­strukt nicht über die bestehenden strukturellen Schwächen hinweghelfen. Anders verhält sich das bei dem jetzt vom Bundeswirtschaftsministerium vorgeschlagenen Aufbau eines Kapitalstocks im Kontext der Altersvorsorge für Investitionen in Ven­ture-Capital-Fonds: Ein solcher Kapitalstock setzt an den Ursachen an, er verdeckt nicht bloß die strukturellen Schwächen und lindert die Symptome, sondern er ändert die Strukturen selbst und sorgt dafür, dass Kapital zukunftsorientiert allo­kiert werden kann.

Schwerer noch als das Argument der erforderlichen Stärkung des Wagniskapitalmarktes für VC-Mindestinvestitionsquoten wiegt ein anderes Argument: Die umlagefinanzierte gesetzliche Rente hat die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit überschritten. Aus diesem Grund hat sich die Ampelregierung auf die „Aktienrente“ im Koalitionsvertrag geeinigt. Aktuell werden pro Jahr 100 Milliarden Euro Steuergelder aus dem Bundeshaushalt aufgewendet, um den Kollaps des Systems der gesetzlichen Rente in Deutschland zu verhindern. Es ist erkennbar, dass dieser Transfer, der zulasten der jungen Generationen geht, dauerhaft nicht aufrechtzuerhalten ist. Anders formuliert: Unabhängig von der Start-up-Strategie besteht bei der gesetzlichen Altersvorsorge dringender Reformbedarf. Je länger wir mit den Reformen warten, desto drastischer werden sie ausfallen.

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Nichts riskanter als ein fortwährendes Unterlassen

Es soll hier kein falscher Eindruck erweckt werden: Ein Kapitalaufbau für Wagniskapitalinvestitionen wird gewiss nicht die Herausforderungen der gesetzlichen Rente lösen. Dafür wären die jährlichen Wagniskapitalinvestitionen in Deutschland mit einem zuletzt niedrigen zweistelligen Milliardenbetrag viel zu gering. Aber allein die Diskussionen über entsprechende Maßnahmen sind wertvoll, weil sie die Frage aufwerfen, wie zukunftsorientiert wir unsere Wirtschaft und Gesellschaft aufstellen. Wagniskapital als ein Baustein der gesetzlichen Rente hätte viele Gewinner. Davon würden nicht nur Start-ups und der Innovationsstandort Deutschland profitieren, sondern am Ende vor allem auch Rentnerinnen und Rentner.

Die Überlegungen zu Mindestinvestitionsquoten sollten dabei keinesfalls isoliert gedacht werden. Das gilt vor allem für die private Altersvorsorge. Denn aktuell ist es oft auch die Regulierung, die Versicherungen und andere Kapitalsammelstellen vor Investitionen in Wagniskapitalfonds zurückschrecken lässt. Um Wertungswidersprüche zu vermeiden, sollte auch dieser Aspekt in den weiteren Konsultationen Berücksichtigung finden. Hier gilt es, gerade auch die Regulierung auf europäischer Ebene in den Fokus zu nehmen.

All jene, die dazu neigen, in der Altersvorsorge und Wagniskapitalinvestitionen unvereinbare Gegensätze zu sehen, sollten den Vorschlägen aus dem Bundeswirtschaftsministerium nicht mit reflexartiger Abwehr begegnen. Einerseits, weil sich entsprechende Investitionen respektive mögliche Vorgaben dazu ohnehin lediglich im Nachkommabereich bewegen würden. Andererseits, weil im Hinblick auf unser System der Altersvorsorge nichts riskanter wäre als ein fortwährendes Unterlassen. Die Bundesregierung täte daher gut daran, den Vorschlag in die finale Start-up-Strategie zu überführen und dann gemeinsam die Umsetzung anzugehen.

Quelle: F.A.Z.
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