World Gold Council

Goldnachfrage fällt trotz Inflationsangst

Von Christian Siedenbiedel
28.10.2021
, 06:00
Gold
Die Welt macht sich Sorgen über Inflation – und die globale Nachfrage nach Gold sinkt um 7 Prozent. Wie ist das zu erklären?
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Goldfans machen gern eine etwas eigenwillige Rechnung auf. Sie sagen, Gold behalte immer seinen Wert, während die Währungen drum herum kommen und gehen, aufwerten und abwerten. Aus antiken Quellen lesen sie heraus, schon im alten Rom habe ein reicher Römer für eine Unze Gold eine Toga mit Gürtel und Ledersandalen bekommen. Heute ist eine Unze knapp 1790 Dollar wert – mit etwas gutem Willen kann man vielleicht sagen, dass ein Maßanzug plus Schuhe ungefähr in dieser Preiskategorie liegen könnte. Aber das ist natürlich sehr konstruiert.

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Trotzdem steht Gold bei vielen Investoren in dem Ruf, ein gewisser Schutz gegen Inflation zu sein. Wenn die Währungen der Welt durch Inflation an Wert verlieren, aber das Edelmetall weiterhin hohe Wertschätzung genießt, müssten Goldanleger bei sonst gleich bleibenden Umständen eigentlich profitieren.

Jetzt aber berichtet die Branchenorganisation World Gold Council, dass im Moment die Goldnachfrage in aller Welt spürbar sinkt. Während die monatlichen Inflationsraten in Deutschland auf 5 Prozent zusteuern, die Eurozone immerhin 3,4 Prozent erreicht hat und die Vereinigten Staaten sogar bei 5,4 Prozent angekommen sind, ist Gold nicht sehr gefragt.

Was steckt dahinter? Das Gold-Council beziffert den Rückgang der gesamten Goldnachfrage auf der Welt im dritten Quartal gegenüber dem Vorjahreszeitraum auf 7 Prozent. Gegenüber dem Vorquartal, also den Monaten April bis Juni, habe der Rückgang sogar stolze 13 Prozent betragen – auf 831 Tonnen.

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Schmuck-Nachfrage steigt wieder

Louise Street, Analystin des Councils, nennt im Gespräch mit der F.A.Z. vor allem einen Grund für die Zurückhaltung institutioneller Investoren in der Goldanlage: die Erwartung steigender Zinsen in Amerika. Wenn die Zinsen steigen, macht das die Anlage in zinsloses Gold relativ unattraktiver. Zugleich können höhere Zinsen in Amerika den Dollar stärken – damit wird dann Gold außerhalb des Dollarraums teurer und auch dadurch noch mal weniger attraktiv.

Allerdings gilt dieses Kalkül vor allem für Anleger in goldbesicherte Wertpapiere, sogenanntes Papiergold, wie börsengehandelte Indexfonds (ETF) auf Gold. Privatanleger etwa aus Deutschland, die vergleichsweise viel physisches Gold, also Barren und Münzen, erwerben, kalkulieren oft anders – langfristiger. Sie bleiben dem Gold nach Angaben des Councils derzeit treu. Große Teile der sonstigen Nachfrage nach Gold, etwa zur Schmuckherstellung oder für den Einsatz in der Elektronik, erlebten mit der Erholung der Wirtschaft nach der Pandemie sogar ein Comeback.

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Die Abflüsse aus den Gold-ETF in aller Welt betrugen dem Council zufolge im dritten Quartal 27 Tonnen Gold. Im Vergleich dazu hatte es im Vorjahreszeitraum Zuflüsse von 274 Tonnen gegeben. Vor allem dieser Trendwechsel prägt die Zahlen derzeit. Die Nachfrage nach Goldbarren und -münzen stieg im Vergleich zum Vorjahreszeitraum immerhin um 18 Prozent auf 262 Tonnen. Die Analysten machen dafür den im Vergleich zum Spätsommer 2020 niedrigeren Goldpreis verantwortlich – im August vergangenen Jahres hatte der Goldpreis mit 2071 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm) seinen historischen Höchststand erreicht.

Die Nachfrage nach Gold für die Schmuckherstellung stieg im Vorjahresvergleich um 33 Prozent auf 443 Tonnen. Die Industrie orderte 84 Tonnen Technologie-Gold, das war ein Plus von 9 Prozent. Hier macht sich die Erholung der Weltwirtschaft nach dem Lockdown bemerkbar. In den kommenden Quartalen könnte man bei der Industrienachfrage allerdings Auswirkungen von Lieferengpässen im Elektroniksektor spüren, sagt Analystin Street. Rückläufig war dem Council zufolge die Nachfrage nach Zahngold, um 8 Prozent auf 2,9 Tonnen.

Notenbanken sind jetzt auf der Käuferseite

Die Notenbanken haben im dritten Quartal weniger Gold gekauft als im zweiten; der Rückgang betrug 64 Prozent auf 69 Tonnen. Im Vergleich zum dritten Quartal 2020 allerdings schlugen sie deutlich stärker zu, damals waren die Notenbanken Gold-Nettoverkäufer und hatten sich von 10,6 Tonnen getrennt.

„Die relativ bescheidenen Abflüsse aus Gold-ETFs haben sich unverhältnismäßig stark auf die diesjährigen Zahlen ausgewirkt und überwiegen die positive Entwicklung in fast allen anderen Bereichen“, sagt Analystin Street. Die Fondsabflüsse selbst seien Teil eines größeren Bildes: „Vor einem Jahr strömten die Anleger in Scharen zu Gold, um sich gegen die Pandemie abzusichern – davon profitierten vor allem die börsengehandelten Goldfonds, die in den ersten drei Quartalen des Jahres 2020 mehr als 1000 Tonnen zulegten“, sagt Street. Im Vergleich dazu seien die Abflüsse jetzt eher bescheiden. Für das Gesamtjahr gehe das Council davon aus, dass die starke Nachfrage der Verbraucher und Zentralbanken die Verluste der börsengehandelten Fonds ausgleichen werde: „Die Schmucknachfrage wird weiterhin über dem Vorjahresniveau liegen, aber die Investitionsnachfrage insgesamt wird 2021 schwächer ausfallen – trotz einer gesunden Barren- und Münznachfrage.“

Quelle: F.A.Z.
Christian Siedenbiedel - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Siedenbiedel
Redakteur in der Wirtschaft.
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