Schuldenkrise

Der Finanzmarkt glaubt nicht an den Grexit

Von Marcus Theurer, London
22.06.2015
, 04:32
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Gelassenheit statt Panik: Am Finanzmarkt ist nichts von der Aufregung um Griechenland zu spüren. Doch warum rechnen Analysten nicht damit, dass die Griechen den Euro verlieren?
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Es ist ein seltsamer Gegensatz: Griechenlands Zukunft in der Europäischen Währungsunion ist so ungewiss geworden wie noch nie. Doch am Finanzmarkt ist von Unruhe bisher wenig zu spüren. In den vergangenen Jahren wirkten Europas Rettungspolitiker häufig wie Getriebene der nervösen Geldjongleure an den Finanzmärkten. Ausgerechnet jetzt aber, beim Endspiel um Griechenlands Euromitgliedschaft, bleiben die Investoren offenbar so gelassen wie noch nie.

Stimmungen können sich schnell drehen, doch in der vergangenen Woche ist der Wechselkurs des Euros gegenüber dem Dollar sogar leicht angestiegen. Trotz der Zuspitzung der Krise vor dem Wochenende legten die Aktienkurse in der Eurozone am Freitag zu. Sogar der Leitindex der Börse in Athen behauptete sich. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen anderer Europroblemfälle wie Portugal, Spanien und Irland zuckten ebenfalls nicht.

Für die Gelassenheit der Anleger gibt es nur zwei realistischerweise denkbare Erklärungen: Entweder sie glauben trotz aller Krisenrhetorik der Politiker noch immer nicht daran, dass der „Grexit“ kommt. Oder aber: Die Investoren halten diesen für weitgehend irrelevant für den großen Rest der Währungsunion. Nur bei 25 Prozent liege die Wahrscheinlichkeit, dass die Griechen den Euro verlören, schätzen die Analysten der Credit Suisse. Zu groß sei das gemeinsame Interesse aller am Status quo. Auch Analysten von Deutscher Bank, JP Morgan und ING halten dies weiterhin nicht für den wahrscheinlichsten Fall.

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Eurogruppe könnte Griechen nicht rauswerfen

Der Grexit kann wohl nur auf zwei Wegen kommen: Nach den Spielregeln der Währungsunion können die anderen Eurostaaten die Griechen nicht ausschließen. Diese müssten schon freiwillig die Drachme wiedereinführen. Oder aber die EZB, welche die griechischen Banken derzeit mit milliardenschweren Notkrediten über Wasser hält, dreht den Instituten den Geldhahn zu. Um einen unmittelbaren Zusammenbruch des Finanzsystems zu verhindern, müsste Griechenland dann wohl eine neue Notwährung einführen. „Aber die EZB wird ohne politische Unterstützung definitiv nicht bereit sein, am Abzug zu ziehen“, erwartet Peter Vanden Houte von der Bank ING.

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Bankenschließungen, Kapitalverkehrskontrollen und sogar eine faktische Insolvenz Griechenlands – all das muss aus Sicht von Analysten nicht unbedingt zum Grexit führen. Zwar könnten Zwangsmaßnahmen gegen die rapide wachsende Kapitalflucht schon am Dienstag kommen, wenn der EU-Krisengipfel am Montagabend kein Ergebnis bringe, erwartet etwa die Credit Suisse. Aber auch Zypern hat das in den vergangenen Jahren gemacht – und ist noch immer Euromitglied.

Großer Knall stehe nicht direkt bevor

Selbst wenn Griechenland Ende des Monats einen 1,6 Milliarden Euro schweren Kredit an den Internationalen Währungsfonds (IWF) nicht zurückzahlen kann – was immer wahrscheinlicher wird –, muss das nicht unmittelbar das Ende im Euroclub bedeuten. Direkte Folgen wären nicht zu erwarten, prognostizieren die Analysten der Bank of America: „Wir glauben, dass die Europäer eine ‚Grauzone‘ schaffen würden, in der ein Zahlungsausfall nicht zwingend zum Grexit führt“, schreiben sie.

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Wer damit rechne, dass der große Knall unmittelbar bevorstehe, der liege falsch, glaubt auch die Deutsche Bank. Wenn der Grexit komme, dann wohl nicht sofort, sondern erst nach einem weiteren langen Verhandlungsprozess sowie einer Phase mit Kapitalverkehrskontrollen und einer möglichen griechischen Parallelwährung zum Euro. Auch ein vorheriger griechischer Volksentscheid in der Eurofrage sei wahrscheinlich.

Grexit könnte Vertrauen in den Euro schwächen

Würde der Euro einen Grexit verkraften? Die meisten Analysten glauben zumindest, dass die Währungsunion besser dafür gerüstet wäre als in der Vergangenheit. Vor allem deshalb, weil die EZB mittlerweile mit großangelegten Stützungskäufen stärker gegenhalten kann. Dennoch könnten die indirekten Folgen durchaus gravierend sein, warnen Bankenvolkswirte: Einmal Euromitglied, immer Euromitglied – auf diese bisherige Geschäftsgrundlage der Währungsunion könnten sich Investoren in Zukunft nicht mehr verlassen.

Der Tabubruch könnte das Vertrauen in die Währung schwächen – und auf längere Sicht neue Risiken für den Euro schaffen. Sollten die anderen Eurostaaten also deshalb um jeden Preis versuchen, Griechenland in der Eurozone zu halten? Nein, sagt die Deutsche Bank: Ein „exzessiver Kompromiss“, bei dem sich die anderen Euro-Mitglieder zu nachgiebig gegenüber Griechenland zeigen, könnte mittelfristig die Stabilität des gemeinsamen Geldes noch stärker gefährden als ein Grexit.

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Finanzkrise
Griechen räumen ihre Konten leer
Quelle: F.A.Z.
Marcus Theurer - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Marcus Theurer
Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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