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Hans Carl von Carlowitz

Er hat die Nachhaltigkeit erfunden

Von Christian von Hiller
 - 10:15

Manchmal kommt ein Umbruch so leise, dass die Zeitgenossen ihn zunächst kaum bemerken. Bei anderen scheint es, als hätte die Welt nur darauf gewartet, dass jemand das Offensichtliche formuliert. Der Wald im 18. Jahrhundert lag im Argen. Das muss den meisten Menschen bewusst gewesen sein. Ob es sie gekümmert hat, ist selbstverständlich eine andere Frage. Der Schwarzwald wurde geplündert, die Weißtannen wurden den Rhein hinunter nach Holland geflößt, um sie für die holländische Handelsflotte und die Pfahlgründung von Amsterdam zu verbauen. Auch das Erzgebirge war in schlimmem Zustand. Der Bergbau verschlang Holz. Köhler und Glasbläser taten es genauso.

Das 18. Jahrhundert war das Jahrhundert der großen Energiekrise in Europa. Das Wort von der „Holznot“ machte die Runde. Der Bedarf an Holz wuchs und wuchs, durch den rapiden Anstieg der Bevölkerung und das Wachstum der Städte. Die Menschen brauchten Holz für den Hausbau, ihre Küchen, ihre Wohnstuben und ihr Werkzeug. Doch Europas Wälder gaben nicht genügend Holz her.

In diese Zeit kam Hans Carl von Carlowitz, dessen Todestag sich am Montag zum 300. Mal jährt. An Heiligabend 1645 wurde er auf Burg Rabenstein bei Chemnitz geboren und starb am 3. März 1714 in Freiberg (Sachsen) im Alter von 68 Jahren. Der Spross aus einer Familie des sächsischen Uradels sollte das Gesicht Europas verändern wie wenige andere. Er schrieb sich in die Geschichte ein, ohne dass er Kriege führen oder Revolutionen anzetteln musste. Ein Jahr vor seinem Tod erschien in Leipzig sein Werk, das die Welt bis heute so nachhaltig verändern sollte wie wenige andere. Es brachte den Gedanken der nachhaltigen Wirtschaftsweise in die Köpfe der Menschen.

Bis ins deutsche Bundeswaldgesetz

Die längste Zeit seit Carlowitz befassten sich allenfalls einige Förster mit dem Thema. Seit einigen Jahren jedoch schwappt die Welle über die Wirtschaft hinweg. Kaum ein Unternehmen verzichtet heute auf dicke Nachhaltigkeitsberichte. Banken bringen nachhaltige Geldanlagen auf den Markt, Fondsgesellschaften nachhaltige Investmentfonds. Selbst Staatsanleihen werden darauf hin analysiert, ob die Regierungen nachhaltig mit Steuereinnahmen umgehen.

Unter dem Dach der Vereinten Nationen ist eine internationale Bewegung entstanden, die sich den United Nations Principles of Responsible Investing (UN PRI) verpflichtet fühlt. Heute haben sich 1400 Finanzanbieter mit einem verwalteten Vermögen von 35 Billionen Dollar den UN PRI angeschlossen. Sie haben einen Verbund gebildet rund um die Welt, an dem Banken aus Togo genauso teilhaben wie Pensionskassen in China, Assetmanager in den Vereinigten Staaten oder die Förderbank KfW in Deutschland.

„Sylvicultura oeconomica oder Haußwirthliche Nachricht und Naturmäßige Anweisung zur Wilden Baum-Zucht“ heißt Carlowitz’ Werk, genauer der Anfang des Titels. Es folgten 16 in kleinen Lettern gesetzte Zeilen, die den Inhalt genau beschreiben. Mit diesem Werk hat er es bis ins deutsche Bundeswaldgesetz geschafft. „Der Wald soll im Rahmen seiner Zweckbestimmung ordnungsgemäß und nachhaltig bewirtschaftet werden“, heißt es heute noch in Paragraph 11 des Gesetzes zur Erhaltung des Waldes und zur Förderung der Forstwirtschaft.

Der Begriff der Nachhaltigkeit hat sich grundlegend geändert

Dabei taucht in dem Werk das Wort „nachhaltig“ nur ein einziges Mal auf, und doch sollte Carlowitz das Antlitz der deutschen Landschaft dauerhaft prägen. Auf Seite 105 fordert der sächsische Oberberghauptmann, „eine sothane Conservation und Anbau des Holtzes anzustellen, daß es eine continuierliche beständige und nachhaltende Nutzung gebe“. Dies war das Gründungsmanifest der Forstwissenschaft, die nachhaltige Holzwirtschaft zum Prinzip erhob. Freilich erfand Carlowitz sein Konzept nicht im geschichtslosen Raum. Auf Reisen durch Europa, nach Abschluss seines Studiums der Rechts- und Staatswissenschaften in den Jahren 1665 bis 1669, kam er mit ähnlichen Gedanken in Berührung.

In England entdeckte er das Buch von John Evelyn „Sylva or Discourse on Forest Trees“. Es war 1664 erschienen. In Frankreich lernte er das Waldgesetz kennen, mit dem Sonnenkönig Ludwig XIV. den französischen Waldbau modernisierte. Das war 1669. Die „Ordonnance sur le fait des Eaux et Forêts“, entstanden auf Initiative von Finanzminister Jean-Baptiste Colbert, sollte mit Hilfe der „aménagements forestiers“, zehn- bis fünfzehnjährigen Bewirtschaftungsplänen, die Holzbestände Frankreichs schützen und erhalten. Dies galt vor allem für die Eiche, um den immensen Bedarf der französischen Marine zu decken. Zuvor hatte schon 1661 der Ratskanzler der Stadt Reichenhall in einem Schreiben den Gedanken eines „ewigen Waldes“ formuliert.

300 Jahre sind vergangen. Der Schwarzwald wurde wieder aufgepflanzt, wenn auch zunächst mit Fichtenmonokulturen. Das Erzgebirge hat sich von der Holznot erholt. Die Deutschen entdeckten nach und nach ihre romantische Hingabe zum deutschen Wald, zur deutschen Eiche, zur Weißtanne, zur Nachhaltigkeit und ihre Liebe zur Natur.

Viele Jahre hat es gebraucht, bis die Nachhaltigkeitswelle die Welt ergriff. Dabei hat sich der Begriff der Nachhaltigkeit im Laufe der Zeit grundlegend geändert. Carlowitz forderte nur, „pfleglich“ mit der Natur und ihren Rohstoffen umzugehen. Ihm ging es um die Menge. Dem Wald sollte man nicht mehr Holz entnehmen als nachwächst. Das hört sich banal an, doch erforderte genau dies eine moderne Forstwirtschaft. Denn wie soll ein Waldbesitzer wissen, wie viel Holz in seinem Forst nachwächst?

Lange lag der Schwerpunkt auf dem ökonomischen Aspekt

Die einzige bis heute angewandte Methode besteht darin, in regelmäßigen Abständen sämtliche Bäume zu zählen. Alle zehn Jahre werden im Rahmen der heute gesetzlich vorgeschriebenen Forsteinrichtung alle Bäume nach Baumart und dem Durchmesser in Brusthöhe erfasst. Anschließend wird ihre Höhe gemessen. Daraus lässt sich der Vorrat, die Menge Holz, berechnen. Die meisten Betriebe allerdings erheben heute Stichproben, die sie auf den gesamten Bestand hochrechnen. Aus dem Vergleich mit früheren Forsteinrichtungen lässt sich erkennen, ob ein Bestand zu stark beansprucht oder zu wenig genutzt wurde. Jeder Wald, so das Credo der Forstwissenschaft, hat einen optimalen Holzvorrat, je nach Bodenbeschaffenheit, Niederschlag und Klima.

Nach Carlowitz’ Tod nahm die Forstwissenschaft einen rapiden Aufschwung. Es entstanden forstliche Fakultäten und Forstakademien in Tharandt bei Dresden, in Freiburg, in Hannoversch Münden (heute in Göttingen) und in Weihenstephan. Überall in Deutschland bildeten sich forstwirtschaftliche Studiengänge. Wissenschaftler wie Heinrich Cotta, Georg Ludwig Hartig oder Johann Christian Hundeshagen legten die Grundlagen der Forstwissenschaft.

Lange lag der Schwerpunkt allein auf dem ökonomischen Aspekt von Nachhaltigkeit. Der Wald sollte dauerhaft erhalten werden. Fichtenmonokulturen, regelmäßige Kahlschläge und die damit einhergehenden ökologischen Einöden galten bis ans Ende des 20.Jahrhunderts als Inbegriff rationaler Forstwirtschaft.

Bis vor kurzem noch angefeindet

Dann begann im Jahr 1884 Friedrich von Kalitsch mit seiner heute noch berühmten Bärenthorener Kiefernwirtschaft. Etwas mehr als 20 Kilometer nördlich von Dessau im Hohen Fläming ist Bärenthorn gelegen. Kalitsch kehrte sich von der Kahlschlagsmethode ab, die in den Forstverwaltungen vorherrschte, bei der ein Wald wie ein Acker bewirtschaftet wurde, nur nicht mit jährlichem Umtrieb. Wälder wurden vielmehr alle 80 bis 90 Jahre komplett gefällt, dann junge Schößlinge gepflanzt, die Schonungen regelmäßig gelichtet, um Platz für die wachsenden Bäume zu schaffen. All dies lehnte der forstliche Autodidakt Kalitsch ab. Er wollte den Wald als „umlaufendes, stetiges System“ erhalten.

Unterstützung fand Kalitsch in Alfred Möller, damals Direktor der preußischen Forstakademie Eberswalde. In Bärenthorn fand dieser seine Idee vom Dauerwald bestätigt. Er brachte den Gedanken auf, dass der Wald ein sich selbst organisierender Organismus und „dauerhaft“ als Produktionssystem zu erhalten sei. Seine Denkschrift von 1922, „Der Dauerwaldgedanke. Sein Sinn und seine Bedeutung“, bekam Kultstatus und führte zur Gründung der Dauerwaldbewegung.

Vertreter einer naturgemäßeren Auffassung von Nachhaltigkeit wurden bis vor kurzem angefeindet, diskriminiert, belächelt und heftig bekämpft. So entwickelte der württembergische Forstwirt Karl Dannecker nach dem Ersten Weltkrieg sein Konzept einer naturgemäßen Waldwirtschaft, das er in einigen Musterbetrieben des Südwestens verwirklichte. Kahlschläge und Monokulturen lehnte er genauso ab wie auch Kalitsch und Möller. Allerdings entwickelte Dannecker seine Methode ausgehend vom Plenterwald, jenen Hochwäldern, wie sie für die Schweiz und Süddeutschland so typisch sind.

Der Akzent verlagert sich

Auch Dannecker forderte die Waldbesitzer auf, Pflanzungen zu vermeiden und eine natürliche Verjüngung des Waldes zu fördern. Dannecker formulierte seine Methode in einigen wenigen Prinzipien: Die Wälder sollten durchmischt sein, sowohl was Baumarten als auch was ihr Alter angeht. Auf einem Standort sollten nur Baumarten stehen, die dort auch natürlich vorkämen. Einschläge in die Bestände befürwortete er nur Stamm für Stamm und nicht auf großen Flächen, auch wenn die Kosten dafür höher sind.

Die höheren Einschlagkosten werden in der Dannecker-Methode dadurch mehr als wettgemacht, dass Kosten für Neupflanzungen fast völlig vermieden werden können und dass im Wald nicht auf Jahrzehnte hinaus ertragloses Kapital gebunden wird. Zudem sind die Wälder auch in ökologischer Hinsicht stabiler und widerstandsfähiger gegen Krankheiten und Schädlinge. Nebenbei haben sie auch für die Bevölkerungen einen höheren Erholungswert.

Das ursprünglich quantitative Verständnis von Nachhaltigkeit des Hans Carl von Carlowitz wandelte sich zu einem qualitativen. Das hat sich auf die Geldanlage übertragen: Lange sollten nachhaltige Investments schlicht zuverlässig eine Rendite abwerfen. Heute liegt der Schwerpunkt sehr viel mehr darauf, dass nachhaltige Geldanlagen von Grund auf ressourcenschonend konzipiert werden. Der Akzent verlagert sich von der Rendite hin zu Konzepten, bei denen die Qualität der Geldanlage stärker im Vordergrund steht. Die Vorstellung, dass Anleger für Nachhaltigkeit niedrigere Renditen in Kauf nehmen müssen, ist überholt. Nachhaltigkeit vermindert vor allem die Risiken eines Investments. Diesem Gedanken würden Carlowitz, Kalitsch, Möller und Dannecker sofort zustimmen.

Quelle: F.A.Z.
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