Hintergrund

Was und wie Anleger lesen sollten

Von Marc Faber
21.10.2004
, 15:18
Heutzutage werden wir täglich mit unzähligen Informationen überflutet. Gleichzeitig ist Wissen aber Macht und verspricht auch bei der Geldanlage einen Vorteil. Wie Anleger gewinnbringend lesen, verrät Anlage-Guru Marc Faber.

„Die tagtäglich auf uns einströmende Flut von Informationen kostet uns unseren gesunden Menschenverstand.“ (Gertrude Stein)

Für den intelligenten Anleger ist es einfach unmöglich, die Vielfalt der uns heute zur Verfügung stehenden Wirtschaftsnachrichten vollständig zu lesen bzw. im Fernsehen, Radio oder Internet zu verfolgen. Bei der wenigen Zeit, die uns für das Sammeln von Informationen effektiv bleibt, müssen wir daher extrem kritisch vorgehen. Hinzu kommt, daß es nicht nur wichtig ist, was wir sehen, sondern auch wie und wann wir es sehen - und natürlich, was wir mit den von uns gesammelten Informationen anstellen.

Ablage mit System ist wichtig

Mein Gedächtnis stelle ich mir wie einen Filter mit großen Löchern vor; ich mache mir Notizen und archiviere Artikel; ich lese immer mit einer Schere in meiner Hand. Ich habe Ordner für eine große Anzahl von verschiedenen Themen angelegt, wie zum Beispiel Kapitalismus, Globalisierung, Armut, Wirtschaftsgeschichte, Psychologie, Sport, Schmuggel, Wirtschaftsgeographie, Betrug, die Wall Street-Industrie, dubiose Praktiken, Investmentfonds, Kunst, Sammlerstücke, Länder, Branchen, Prognosen von Börsengurus, Seuchen, Rohstoffe, Volkswirte, Prostitution, Brokerberichte, große Lügen, der IWF, Geschäftspleiten, die Weltbank, Wirtschaftssophisterei und buchstäblich Hunderte mehr.

Schon in Anbetracht meines schlechten Gedächtnisses erachte ich es auch für wichtig, daß ich die gesammelten Informationen selbst ablege. Erstens einmal zwingt mich dies, wirklich alles zu lesen, damit ich weiß, in welchen Ordner etwas gehört; und wenn ich es selbst ablege, dann finde ich es hinterher vielleicht auch wieder. Ich fotokopiere Artikel, die ich besonders informativ finde, und lege jeweils eine Kopie in viele verschiedene Ordner. Dadurch erhöhen sich natürlich die Chancen, die gewünschten Informationen wieder zu finden.

Anspruchsvolles ist Lektüre für zu Hause oder den Zug

Im großen und ganzen ist es meines Erachtens ziemlich nutzlos, etwas zu lesen, ohne sich dabei Notizen zu machen oder das Gelesene zu archivieren. 95 Prozent von dem, was wir in der Tagespresse lesen, ist am nächsten Morgen schon vergessen. (Oder wissen Sie noch, was in der Zeitung von gestern stand?)

Wie sollte man lesen? Wenn Sie um zehn Uhr morgens ein wichtiges Meeting haben, bezweifle ich, daß Sie - kurz bevor Sie zu diesem Meeting eilen - ernsthaft Lektüre betreiben können bzw. sollten. Ihr Konzentrationsvermögen wird außerdem erheblich beeinträchtigt, wenn ständig das Telefon klingelt und Kollegen in Ihr Büro hineinplatzen. Anspruchsvolle Artikel und Berichte sollten mit nach Hause genommen oder in Ruhe im Zug oder Flugzeug gelesen werden. Ich trinke beim Lesen gerne ein Glas Whisky, um meinen Geist zu beflügeln, und für gewöhnlich betreibe ich meine Lektüre zwischen Mitternacht und vier Uhr in der Frühe, d.h. nach dem Abendessen und einem kleinen Nickerchen.

Wall Street Journal, Financial Times und International Herald Tribune

Ich lese so ziemlich alles, was über meinen Schreibtisch kommt, den Großteil davon allerdings sehr oberflächlich. Am Morgen konzentriere ich mich auf das Wall Street Journal, die Financial Times und die International Herald Tribune. Diese drei sind in meinen Augen wirklich herausragende Zeitungen, und zwar jede aus einem anderen Grund. Das Wall Street Journal lese ich wegen seiner Berichterstattung zur amerikanischen Wirtschaft sowie den überragenden Editorials und Artikeln über das Leben und die wirtschaftlichen Verhältnisse des Ottonormalverbrauchers in Amerika. Persönlich kenne ich kein anderes Land auf der Welt mit einer Zeitung, die die Themen rund um die heimische Wirtschaft so umfassend und präzise abdeckt.

In puncto internationale Nachrichten erachte ich die Financial Times als beste Informationsquelle. Von Zeit zu Zeit veröffentlicht sie auch äußerst gut recherchierte und zum Nachdenken anregende Artikel über die unterschiedlichsten Themen. Zu ihrem regelmäßigen Repertoire gehören außerdem detaillierte Berichte zu einzelnen Ländern bzw. Regionen. Die International Herald Tribune liebe ich für ihre brillante geopolitische Berichterstattung sowie - da sie nun einmal mit der Washington Post und der New York Times verbundenen ist - für ihre scharfsinnigen Editorials. Ich lese sie außerdem wegen des Sportteils. Ich darf hinzufügen, daß sowohl die Financial Times als auch die International Herald Tribune über sehr gute Wochenendausgaben verfügen, genauso wie die New York Times.

Forbes, Economist und Spectator

Selbstverständlich lese ich auch Zeitschriften. Nach Forbes Global und Forbes gefällt mir da am meisten der Economist, natürlich wegen seiner kritischen Sozialwissenschaft. Eine andere Publikation, die ich mit Freuden lese, ist der Spectator - ein rechtsorientiertes britisches Magazin, das kein Blatt vor den Mund nimmt. Seine Mitarbeiter sind von sehr hohem Kaliber; sie schreiben zwar in einem etwas schwierigen Englisch, schaffen es aber immer, eine andere Perspektive, und damit auch kontroverse Ansichten in den Brennpunkt zu rücken.

Zu meinem Leserepertoire gehören auch unzählige Brokerberichte, Investmentnewsletter sowie Bücher. Die beiden Bücher, die ich vor kurzem nochmals gelesen habe, und die ich für ihre ausgezeichneten Einblicke in die Welt der Finanzmärkte einfach liebe, heißen „Psychology and the Stock Market“ von David Dreman (AMACON, New York 1977) und „Manias, Panics, and Crashes“ (dritte Auflage, John Wiley, USA, 1996) von dem in meinen Augen besten Finanzmarkthistoriker - dem zwischenzeitlich verstorbenen Charles Kindleberger. Beide Bücher sind wirklich großartige Lektüre, besonders wenn man sie im Kontext des jüngsten Kurszusammenbruchs an der Nasdaq liest.

Lesen zum Vergnügen

Aber denken Sie daran, daß die mentale Verdauung und Interpretation des von uns Gelesenen die wichtigste Voraussetzung dafür ist, Wissen zu erwerben. Deswegen habe ich eingangs empfohlen, anspruchsvolle Texte und Berichte nur dann zu lesen, wenn Sie sich in einem Zustand absoluter innerer Ruhe befinden, und dann am besten noch mit einem schönen Wein oder Whisky.

Denken Sie auch an Folgendes: Lesen Sie nicht einfach um des Geldes oder Wissens willens; lesen Sie auch der Schönheit der Sprache und des Vergnügens wegen, das Ihnen ein gut geschriebener Bericht bzw. ein solches Buch bereiten kann.

Marc Faber ist Börsenexperte, Fondsmanager und Herausgeber des monatlich erscheinenden "Gloom, Boom & Doom Report“

Quelle: @JüB
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