Immobilienboom trotz Corona

Hauspreise kennen keine Grenze

Von Christian Siedenbiedel
Aktualisiert am 15.09.2020
 - 16:42
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Deutschlands Immobilienweise in Berlin haben ihre pessimistische Prognose für die Wohnungspreise kassiert. Trotz Corona seien die Preise in den Großstädten auf Jahressicht um 7 bis 10 Prozent gestiegen.

Deutschlands „Immobilienweise“ haben am Montag ihre eigene skeptische Prognose für die Entwicklung der Preise für Häuser und Eigentumswohnungen kassiert. Seit drei Jahren erwarten die unabhängigen Fachleute, hinter denen der Zentrale Immobilien Ausschuss (ZIA) steht, eigentlich fallende Wohnungspreise in Deutschland.

Noch im Frühjahr hatten sie prognostiziert, die Corona-Krise werde zumindest in den teuren Großstädten ein Ende des Immobilienbooms einleiten. Nun lautet ihre nüchterne Feststellung: Sie haben sich geirrt.

„Die Preise steigen weiter“, sagte der Immobilienweise Harald Simons, Vorstandsmitglied des Analysehauses Empirica. „Am Wohnungsmarkt sieht man nirgendwo Corona-Auswirkungen, überhaupt nichts.“ Die Preise entwickelten sich offenbar einfach nach denselben Trends weiter wie bislang.

Kräftig steigende Angebotspreise

Die Kaufpreise für Eigentumswohnungen in Deutschland sind innerhalb der ersten sechs Monate des Jahres im Schnitt um 6,2 Prozent gestiegen. In den besonders begehrten Großstädten lag der Anstieg zwischen 2,9 Prozent in Berlin und 9,1 Prozent in Frankfurt. Berlin sei eher die Ausnahme. Im Jahresvergleich zwischen dem zweiten Quartal 2020 und dem Vorjahresquartal betrage der Preisanstieg in Deutschland durchschnittlich 12 Prozent - in den begehrten Großstädten zwischen 7 und 10 Prozent.

Die Immobilienweisen führten aus, es habe kaum Ausfälle bei den Mietzahlungen gegeben, offenbar stabilisiere unter anderem das Kurzarbeitergeld die Einkommen der Mieter. Zudem seien im Shutdown für viele Mieter beispielsweise Kosten für einen Osterurlaub, fürs Essengehen oder den Einkaufsbummel weggefallen, so dass sie sich vergleichsweise gut geschlagen hätten.

Von der Möglichkeit zur Mietstundung sei jedenfalls wenig Gebrauch gemacht worden, und man habe auch keinen auffälligen Anstieg von Zwangsversteigerungen beobachtet. Zugleich sei zu beobachten, dass wegen der niedrigen Zinsen auf andere Geldanlagen weiter viel Geld in den Immobilienmarkt ströme und die Preise hochtreibe.

Auch die Entwicklung der Mieten verlaufe ähnlich wie vor der Krise. Im Bundesdurchschnitt habe die Angebotsmiete im zweiten Quartal stagniert, das sei aber im Vorjahresquartal schon so ähnlich gewesen. In den besonders begehrten Großstädte dagegen seien die Mieten im ersten Halbjahr um 3 Prozent gestiegen, im Vorjahreszeitraum seien es 2,6 Prozent gewesen.

Eine Ausnahme sei Berlin, wo die Mieten unabhängig von Corona und Mietendeckel schon seit vier Quartalen fielen. Im Schnitt verlangten die Vermieter jetzt 5,7 Prozent weniger als vor einem Jahr. Im Gegenzug sinke die Zahl der in Annoncen zur Miete angebotenen Wohnungen.

Im Gegensatz zu den Wohnimmobilien rechnen die Immobilienweisen für Gewerbeimmobilien mit heftigen Corona-Folgen. ZIA-Präsident Andreas Mattner spricht vom „gravierendsten Einschnitt in der Geschichte“ der Gewerbeimmobilien. Insbesondere Handel, Hotels und Gastronomie würden schwer getroffen. In Deutschlands Fußgängerzonen würden Lücken gerissen. Anders als früher könne die Gastronomie die frei werdenden Flächen nicht belegen.

Als Reaktion nehme zum Teil sogar das Wohnen in Fußgängerzonen wieder zu, dann aber eher in den oberen Etagen. Allerdings müssten auch die unteren Räume irgendwie wieder neu genutzt werden. Es könnte zu einer „gesamtgesellschaftlichen Aufgabe“ werden, eine Verödung der Innenstädte in diesem Zusammenhang zu verhindern, sagte der Immobilienweise Michael Gerling vom Handelsinstitut EHI. „Bei Warenhäusern, Textilien und Schuhen ist die Lage dramatisch.“

Corona wirke dabei wie ein „Brandbeschleuniger“ für die Abwanderung von Geschäft ins Netz. Erstmals dürften dieses Jahr einzelne Branchen des Einzelhandels sogar mehr Geschäft online als stationär abwickeln, sagte Gerling. „Das Netz bekommt Marktanteilsobermacht.“

Im Falle von Hotels scheint es unterschiedlich zu sein. Insgesamt wird mit vielen Insolvenzen und Mietausfällen gerechnet. Allerdings gebe es auch Ferienhotels an attraktiven Standorten, die derzeit von der Krise profitierten.

Das Land könnte profitieren

Die Folgen eines vermehrten Homeoffice auf den Markt für Büroimmobilien sollten nicht überschätzt werden, meinte der Immobilienweise Andreas Schulten vom Beratungsunternehmen Bulwiengesa. Es gebe in vielen Städten weiter mehr Nachfrage nach Büroraum als Angebot, zumindest in der entsprechenden Lage und Qualität. Allerdings meinte die Immobilienweise Carolin Wandzik vom Institut Gewos, die Speckgürtel der Großstädte und die gut mit dem öffentlichen Nahverkehr angebundenen Mittelstädte könnten profitieren, wenn Arbeitgeber jetzt etwa zwei Homeoffice-Tage in der Woche zuließen - und die Pendeldistanzen deshalb eine geringere Rolle spielten.

Wirtschaftspolitisch sei zur Stabilisierung des Immobilienmarktes jetzt eher eine ruhige Hand geboten, meinte der Wirtschaftsprofessor Lars Feld, der zugleich Immobilienweiser und Wirtschaftsweiser ist. Die politischen Beschlüsse zur Krise seien „überwiegend positiv zu bewerten“, sie hätten einen Beitrag geleistet, die wirtschaftlichen Auswirkungen abzufedern. Weitere regulatorische Eingriffe in den Wohnungsmarkt würden jetzt aber das Vertrauen in Investitionen schwächen. „Ein vollumfänglicher Mietenstopp beispielsweise würde Investitionen in einer Situation bremsen, in der sie am dringendsten benötigt werden.“

Quelle: F.A.Z.
Christian Siedenbiedel - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Siedenbiedel
Redakteur in der Wirtschaft.
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