Klimaschutz

„So erreichen wir das 1,5-Grad-Ziel immer noch nicht“

Von Archibald Preuschat
06.08.2022
, 15:06
Auch viele junge Unternehmen entwickeln Technologien zum Klimaschutz. Wagniskapitalgeber unterstützen sie.
Klimaschutz erfordert auch neue Technologien. Paua Ventures investiert in junge Unternehmen bereits in der Frühphase. Investmentmanagerin Charlotte Baumhauer erläutert, wieso und warum.
ANZEIGE

Obwohl die Bewertungen sinken, haben Wagniskapitalgeber noch Geld, um in Start-ups zu investieren. Aber braucht die Welt den x-ten Lieferservice oder noch eine Neobank? Auch Charlotte Baumhauer, nur wenig älter als die bekannte deutsche Klimaaktivistin Luisa Neubauer, liegt der Klimaschutz am Herzen. Doch die studierte Maschinenbauerin, die schon in ihrer Zeit an der französischen Schule in München Mathematik, Physik und Chemie als Hauptfächer gewählt hatte, ruft nicht zu Schulstreiks für den Klimaschutz auf. Sie will das Klima mit Geld schützen, als Investmentmanagerin von Paua Ventures .

Der in Berlin ansässige Wagniskapitalgeber fokussiert sich auf die Frühphasenfinanzierung von Start-ups, unter anderem im Bereich Klimatechnologie. Es sind grob vier Bereiche, die Baumhauer für besonders interessant hält. Da ist der Bereich Energie. Darunter fallen die Solartechnologie, aber auch Infrastruktur wie Micro Grids, kleine intelligente Stromnetze, die auf lokaler Ebene eine sichere und effizientere Stromversorgung sichern und die kleinste Einheit der sogenannten Smart Grids sind, die im Zuge der Energiewende wichtiger werden. Aber auch die Speicherung von Energie ist ein wichtiges Feld, sagt Baumhauer.

ANZEIGE

Des Weiteren sind Start-ups im Bereich alternative Treibstoffe oder grünes Methanol aus Biomasse von Interesse. Ebenso das Recycling von in E-Autos eingesetzten Batterien oder Gründer im Sektor Fleischalternativen, wie der Zucht von Pflanzen, die CO2 aus der Atmosphäre aufnehmen. „Dabei handelt es sich vornehmlich um junge Unternehmen aus dem Bereich Deep Tech, also Start-ups, die entweder noch umfangreiche Forschungen vornehmen oder die Geräte und Maschinen herstellen müssen“, erläutert Baumhauer. Wagniskapital ist zur Entwicklung der Unternehmen nur eine Zutat, auch die klassische Finanzierung kommt hinzu, weiß die Investmentmanagerin von Paua Ventures.

Bild: Paua Ventures

Um die Gunst und das Geld von Wagniskapitalgebern zu erlangen, brauchen aber auch grüne Start-ups das, was auch Lieferdienste und Neobanken brauchen: ein überzeugendes Team und ein funktionierendes Geschäftsmodell. Darum investierte Paua Ventures in das erst in diesem Jahr gegründete Unternehmen Carbon One, das grünes Methanol in einem neuen Verfahren produziert, das weniger Hitze und Druck erfordert und somit effizienter und klimaneutral ist. Baumhauer glaubt an Carbon One ob des Managementteams. In ihm findet sich der Gründer der Datingplattform eDarling, Christian Vollmann, ebenso wie der industrieerfahrene Christoph Zehe und die promovierten Chemiker Marek Checinski und Ralph Krähnert. „Insbesondere bei technisch komplexeren Themen sieht man selten kommerzielle DNA im Team – die hier durch Christian Vollmann sehr stark abgedeckt wird“, erläutert Baumhauer.

ANZEIGE

Sie hat auch überzeugt, dass es bereits einen Markt gibt. So hat die dänische Reederei Maersk mehrere Containerschiffe bestellt, die mit grünem Methanol statt mit Diesel betankt werden sollen. Die Nachfrage nach dem Kraftstoff müsse also befriedigt werden, was mit dem jetzigen Produktionsverfahren nicht möglich sei. Laut der Investmentmanagerin flossen bislang fünf Millionen Euro in Carbon One, von Paua Ventures und Planet A Ventures und „Business Angels“ wie Ex- Linde -Vorstandschef Wolfgang Reitzle, dem Ex- BASF -Vorstandsvorsitzenden Jürgen Hambrecht sowie dem ehemaligen SAP -Manager Jim Hagemann Snabe, der derzeit auch Maersk-Verwaltungsratsvorsitzender ist.

Es müssen aber nicht nur forschungsintensive Start-ups sein, die das Interesse von Baumhauer und Paua Ventures wecken. In das 2016 in Berlin und New York gegründete Softwareunternehmen Deed wurden bereits 14 Millionen Euro investiert. Paua Investments beteiligte sich schon in der Seed-Runde, der Anschubfinanzierung. Baumhauer erläutert das Geschäftsmodell: „Deed baut eine Softwareplattform für Firmen, die es ihren Mitarbeitern ermöglicht, sich in Form von Aktivitäten und Spenden zu engagieren. Projekte im Klima- und Nachhaltigkeitsbereich stehen dort im starken Fokus. Mitarbeiter können über die Deed-Plattform an Challenges teilnehmen, Geld spenden, sich in ehrenamtliche Aktivitäten einbinden lassen.“ Das klingt erst einmal deutlich weniger spektakulär, aber Baumhauer argumentiert, dass 90 Prozent der Millennials, also der nach 1980 Geborenen, den Arbeitgeber wechseln würden, um für eine Firma mit stärkerem Fokus auf und Einsatz für Nachhaltigkeit zu arbeiten. Deed sei daher eine relevante Lösung für jedes Unternehmen auf der Welt, der potentiell adressierbare Markt unendlich groß.

Überhaupt hält die Investmentmanagerin jede Firma, die jetzt gegründet wird, für eine grüne Firma. Einkauf, Produktion, Logistik und Verkauf: All das lasse sich grün ausrichten und könne im Softwarebereich aufgefangen werden. Dabei hält sie die gegenwärtigen Nachhaltigkeitsdefinitionen für „nicht wirklich ehrlich“, da es noch an zentralen Standards fehle. Wagniskapital müsse aber eben auch Gründern zufließen, die komplizierte Technologien entwickeln, die jahrelange Forschung erfordern. „Da gibt es noch zu wenig dezidierte Fonds“, sagt Baumhauer. Denn für die Endzwanzigerin ist auch klar: „So erreichen wir das 1,5-Grad-Ziel noch nicht.“ Um die Erderwärmung zu begrenzen, wie sie das Pariser Klimaziel vorsieht, brauche es noch viel mehr Investitionen in Gründerfirmen, die sich dem Klimaschutz verschrieben haben.

ANZEIGE
Mehr Geld für grüne Technologie

Grüne Technologie rückt immer mehr in den Fokus von Wagniskapitalgebern. Laut Rohdaten des von der Beratungsgesellschaft EY erstellten Start-up-Barometers flossen im ersten Halbjahr rund eine Milliarde Euro Wagniskapital in 33 junge Firmen, die sich mit grüner Technologie beschäftigen, schwerpunktmäßig in den Sektor Energie, zu kleineren Teilen in den Bereich Agrartechnologie. Zum Vergleich: In den ersten sechs Monaten investierten Wagniskapitalgeber insgesamt sechs Milliarden Euro in Start-ups.

Die höchsten Fundings, jeweils 200 Millionen Euro, erhielt die Hamburger Firma „1Komma5Grad“, die eine Plattform für Installations- und Serviceleistungen rund um Solarenergie, Stromspeicher und Ladein­frastruktur entwickelt. Ebenfalls 200 Millionen Euro flossen in das Wiesbadener Unternehmen Hy2gen, das sich mit der Elektrolyse von grünem Wasserstoff und dessen Derivaten beschäftigt. 110 Millionen Euro sammelte das Berliner Start-up H2 Mobility ein, das Wasserstofftankstellen planen, bauen und auch betreiben will.

Auch bei dem Wagniskapitalgeber Paua Ventures steigt die Investitionsbereitschaft deutlich an. Entfielen im ersten 2016 aufgelegten Fonds mit 5,5 von 60 Millionen Euro nur 9 Prozent auf Investitionen in Klimatechnologie, waren es beim 100 Millionen Euro schweren zweiten Fonds aus dem vergangenen Jahr schon 20 Prozent.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Preuschat, Archibald
Archibald Preuschat
Redakteur in der Wirtschaft
  Zur Startseite
Lesermeinungen
Alle Leser-Kommentare
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Tarifportal
Strom-Vergleich: Sparen mit günstigem Strompreis
Kapitalanlage
Pflegeimmobilien als Kapitalanlage der Zukunft
Immobilienbewertung
Verkaufen Sie zum Höchstpreis
Hypothekenrechner
Jetzt Zinsen vergleichen
Sprachkurs
Lernen Sie Englisch
ANZEIGE